• Dienstag, 22. Mai 2012

Kino-Doku über das Nachtleben der 90er

Falsche Japaner und geheime Tränke

  • Berlinized-02
    So bunt waren die Neunziger: Szene aus der Film-Dokumentation "Berlinized" von Lucian Busse Foto: externe Quelle - ©Lucian Busse

Der Dokumentarfilm "Berlinized – Sexy an Eis" versetzt den Zuschauer zurück in das weitgehend unreglementierte Berliner Nachtleben der 90er Jahre. Die Aufnahmen aus der damaligen Zeit lagen jahrelang im Keller von Lucian Busse, bis er und Sofie Hein die Idee zum Film hatten.

Ein Anruf brachte alles ins Rollen, Lucian Busse bekam ihn vor drei Jahren. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau, der er irgendwann nach dem Mauerfall auf einer Party begegnet war. Ihr war eingefallen, dass er, Busse, in den Neunzigerjahren immer mit einer Videokamera durch die Berliner Nächte gestreift war und dabei auch einen ihrer Tanzauftritte auf der Insel der Jugend in Treptow aufgenommen hatte. Ob er das Video noch habe und ihr eine Kopie davon machen könne, wollte die Frau wissen. Also stieg Lucian Busse hinab in seinen Keller und durchsuchte die Kisten, in denen er die Kassetten von damals aufbewahrte, 150 waren es insgesamt. Beim Sichten der alten Aufnahmen, beim Eintauchen in die eigene Vergangenheit hatte er die Idee, das Filmmaterial für eine Dokumentation über die wilde Zeit zu nutzen.

Das Projekt gestaltete sich aufwändiger, als sich Busse das zunächst gedacht hatte. Und da waren die Zweifel. Würde das Material wirklich eine Geschichte hergeben? Sofie Hein, eine langjährige Freundin und Wegbegleiterin, vertrieb seine Bedenken und motivierte ihn, die Sache durchzuziehen. Mit Erfolg. "Berlinized – Sexy an Eis" heißt der Film, der erstmals beim Achtung Berlin-Festival im April zu sehen war und kommenden Donnerstag im Kino Zukunft am Ostkreuz gezeigt wird. Nach der Vorführung folgt ein Konzert von Sofie Hein alias Lucyhoneychurch, die für Soundtrack zum Film verantwortlich ist und die Musik live mit Andrew Unruh von den Einstürzenden Neubauten aufführen wird.

Reise in die Vergangenheit

Die Dokumentation ist "eine reflektive Zeitreise in das Berlin-Mitte der 90er Jahre" geworden. Busse porträtiert die frühe Clubkultur der Nachwendezeit, die teils anarchischen Zustände, die Experimentierfreudigkeit und den Tatendrang ihrer einstigen Protagonisten. Im Film erzählen unter anderem Jim Avignon, der Musiker Captain Spacesex und Kim Suckle, Mitglied der Künstlergruppe Honeysuckle Company, von ihren Eindrücken. Mit seinen "Freunden der Nacht" war Busse einst in der Stadt unterwegs. Er begleitete sie zu Partys, Auftritten und gefakten Modenschauen. Stets griffbereit dabei war die Kamera, mit der er Material für seine eigene Videoshow "Alien TV" filmte, die er unter anderem im Eimer in der Rosenthaler Straße vorführte.

Die alten Aufnahmen kontrastiert Lucian Busse in "Berlinized" mit Bildern und Interviews aus der Gegenwart. Mit der Künstlerin Nina Rhode spaziert er etwa durch die Auguststraße. Dort betrieb Rhode früher mit Freunden die Bügel-Bar, ein kleiner Laden, in dem mit fluoreszierender Farbe gestrichene Kleiderbügel hingen. Heute ist das Haus vollständig saniert. Damals, erinnert sich Rhode, habe es keinen Eingang zur Straße gegeben, so dass die Gäste durch die Fenster klettern mussten. Was der Beliebtheit der Bar nicht schadete.

Selbst gemalte japanische Kunst

In einer Szene tritt die Band Mina in der Galerie Berlintokyo auf. Betreiber Vredeber Albrecht wollte mit diesem Ort in den Hackeschen Höfen einen Treffpunkt für kultur- und musikinteressierte Menschen schaffen. Um der Galerie einen internationalen Touch zu geben, sollten abwechselnd deutsche und japanische Künstler ausstellen. Doch in der Praxis fehlten die Kontakte nach Japan. Also nahmen die Betreiber und ihre Freunde die Sache selbst in die Hand, malten eifrig und gaben sich asiatische Pseudonyme. Das Publikum störte sich daran nicht. Schließlich gab es im Berlintokyo das legendäre "Sexy an Eis", einen Drink, dessen Rezeptur der Betreiber Albrecht selbst 13 Jahre nach der Schließung der Galerie nicht verraten will. Und nun hat es der Drink sogar in einen Filmtitel geschafft.

"Diese Zeit, die wir da erlebt haben, war wirklich so unbeschreiblich wundervoll", sagt Lucian Busse. 1987 kam der gebürtige Schwabe in Berlin an, nur mit einer Tüte voller Anziehsachen und ein wenig Geld. Einen Plan hatte er nicht, er habe sich einfach treiben lassen wollen, berichtet der 46-Jährige. Dieses Treibenlassen war wohl nie einfacher als nach der Wende, als die Hinterhöfe in Mitte noch grau und unsaniert waren und Raum für absurde Ideen boten. Jim Avignon formuliert es im Film so: "Bis Ende der 90er gab es die Idee einer Karriere gar nicht."

Er sei sehr glücklich, diese Zeit erlebt zu haben, sagt Lucian Busse. Aber zurück haben wolle er sie auch nicht. "Ich lebe in der Gegenwart, das ist mein Prinzip." Er stimmt darin mit Sofie Hein überein, die Anfang der 90er Jahre zum Psychologiestudium nach Berlin kam und nebenbei anfing, Musik zu machen. "Für mich ist es ein komplett entschwundenes Land", sagt die 47-Jährige. Wenn sie heute die Orte sieht, an denen sie früher mit Freunden gefeiert hat, kämen da keine Empfindungen hoch. "Aber das ist auch in Ordnung, die Gegenwart ist eine andere." Allerdings habe sie eine Zeit lang gebraucht, um das zu verstehen.

"Berlinized" im Kino Zukunft, Laskerstraße 3, Friedrichshain. Donnerstag, 24. Mai, 20 Uhr

Zukunft // Ostkreuz

Laskerstr. 5
10245 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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