• Donnerstag, 31. Mai 2012

Tian Fu

Ein solider Chinese

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    Hmm, lecker - diese Dim Sum machen Lust auf mehr. Foto: istockphoto.com - ©Matej Pribelsky

Für Gastrokritiker Bernd Matthies muss es kein Szene-Schuppen sein. Er kann einem guten chinesischen Restaurant wie dem Tian Fu in Wilmersdorf durchaus einiges abgewinnen.

Da kann die Szene so viel eröffnen, wie sie will: Die Leute laufen trotzdem zum Italiener oder Chinesen. Warum, ist leicht zu erraten. Zum einen treffen diese Restaurants den Geschmack der meisten Gäste, zum anderen ist es dort fast immer möglich, sich in entspannter Atmosphäre ohne Flüsterei für relativ wenig Geld satt zu essen. Nicht, dass ich nach über 23 Jahren Restaurantkritik das Gourmet-Prinzip über Bord werfen will. Aber ich habe großes Verständnis für Esser, die Marmortoilette, Sommelier und Amuse gueule entbehren können, wenn ihnen dies Rechnungen von hundert Euro und mehr pro Nase erspart.

Keine kulinarischen Wunder, aber leckere Dim Sum

Die Chinarestaurants sind in Berlin meist sehr einfach eingerichtet. Gefühlt gibt es Tausende, aber nur ein paar werden von anspruchsvolleren Gästen wahrgenommen. Kulinarische Wunder finden dort nirgendwo statt. Die Speisekarte mit den dreistelligen Nummern haben alle, das ist nun mal so in dieser Preisklasse. Und das gilt grundsätzlich auch für das unscheinbare Tian Fu in der Uhlandstraße, von dem es noch einen Ableger in der Berliner Straße gibt.

Fantastisch sind hier die Dim Sum, gedämpfte Teigtaschen. Man schmeckt, dass auch drinsteckt, was die hübschen Fotos in der Speisekarte verheißen, Schweinefleisch, Frühlingszwiebeln, Koriander, Garnelen, je nachdem. Die Füllungen kommen nicht aus dem Kutter, sie sind meist so grob, dass sie Biss haben und daher auch Geschmack entfalten – nur, dass wir Langnasen immer erst zu spät begreifen, welche Höllenhitze darin herrscht und uns die Zunge verbrennen. Bemerkenswert sind vor allem die Siumai, offene Teigtaschen, etwa mit Schwein und Bambus; es gibt sogar originelle gefärbte Ausgaben.

Gekocht wird im Szechuan Stil

Die zweite Besonderheit sind die Salate. Wir haben den schwer suchtverdächtigen Gurkensalat mit Chiliöl und Koriander und den ebenfalls guten Gemüsesalat mit geräuchertem Tofu probiert – das schreibt ein Tofufeind. Auch Qualle, Seetang und Hühnerfüße stehen für Konsistenzfreaks auf der Karte, ich bin eher keiner, aber bitte ... Den großen Tisch mit der großen Drehplatte in der Mitte des Raums belegen oft chinesische Gesellschaften.

Die Hauptgerichte sind nicht so auffällig gut, aber doch von zuverlässiger Qualität. Gekocht wird ein europäisierter Szechuan-Stil mit kleinen Schärfeeruptionen, auf die aber artig aufmerksam gemacht wird. Besonders die Entengerichte bestechen durch schönen krossen Knusper in Verbindung mit relativ wenig Fett. Das Schweinefleisch in Hoisin-Sauce schließlich ist puristisch zubereitet, Fleisch, Sauce, darüber dünne rohe Lauchstreifen, sonst nichts.

Differenzierter Geschmack

Dass die Grundsaucen zu diesen Gerichten auf industriell hergestellter Basis gekocht werden, versteht sich. Das ist anders kaum machbar. Es wäre auch naiv, anzunehmen, dass bei den Preisen (Hauptgänge 10-15 Euro) alles nach Gourmetmanier à la minute aus edlen Grundprodukten zubereitet wird. Doch hier glibbert nichts, und nichts weist auf forcierte Glutamat-Attacken hin, der Geschmack bleibt differenziert, das ist schon mal was. Die Weinkarte sollte man als Gelegenheit sehen, endlich einmal weniger Geld auszugeben. Mineralwasser und Jasmintee sind in diesem Rahmen eine sinnige Alternative.

In dieser – scheinbar seit Jahrzehnten gleich bleibenden – Form spielt das Tian Fu jedenfalls in der Berliner Spitzengruppe mit. Von dort bis zum international möglichen Niveau bleibt es aber weiter ein ziemlicher Sprung.

Tian Fu

Uhlandstr. 142
10719 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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