• Dienstag, 23. Februar 2016
  • Von Sophie Maaß

Interview mit Tattookünstler Mo Ganji

"Da kommt ein Einhorn mit Maschinengewehr"

  • Tattookünstler Mo Ganji
    Der 32-jährige Tattookünstler Mo Ganji arbeitet stets nur mit einer Linie: "Etwas Einfaches zu kreieren ist wesentlich herausfordernder, als etwas Komplexes zu kreieren." Foto: externe Quelle - ©Kerem Bakir

Ludwigkirchkiez – Nach einer erfolgreichen Karriere in der Modebranche entschied sich der Deutsch-Iraner Mo Ganji 2014 alles aufzugeben, um Tätowierer zu werden. Heute arbeitet er als einer der bekanntesten Stecher Berlins nur noch zwei Stunden am Tag.

QIEZ: Wie kommt es, dass du als Tätowierer selbst keine Tattoos hast?

Mo Ganji: "Ich wollte als Jugendlicher schon Tattoos haben. Heute bin ich meiner Mutter allerdings dankbar dafür, dass sie mir das ausgeredet hat! Sonst würde ich jetzt wahrscheinlich sehr viel bereuen. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich meinen Körper, so wie er ist – nackt und ohne etwas darauf – ganz cool finde. Sicherlich wären Tattoos auch schön. Aber ich bin nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, die so absolut ist. Gerade weil ich Künstler bin und so viel sehe. Mich dann auf etwas festzulegen, das würde mir unglaublich schwer fallen."

Warum bestehen deine Tattoomotive nur aus einer Linie?

"Mein Ziel ist es, einfache Bilder mit starkem Einfluss zu schaffen. Was ich spannend finde, sind so ganz, ganz simple Sachen. Zum Beispiel einen ganz simplen Alltagsgegenstand wie einen Löffel mit einer Linie darstellen. Das ist so banal, dass es schon wieder cool ist. Umso einfacher die Sachen sind, desto spannender wird es für mich, weil es umso schwieriger umzusetzen ist. Etwas Abstraktes oder Einfaches in eine einfache Sprache zu übersetzen ist eben nicht einfach. Umso komplexer etwas ist, desto mehr Spielraum hast du, es zu vereinfachen – umso mehr kannst du weglassen. Bei einem Löffel kann man nicht viel weglassen."

Mo Ganjis Equipment. (c) Kerem Bakir Mo Ganjis Equipment. (c) Kerem Bakir
Gebirge auf Oberschenkel. (c) Kerem Bakir Gebirge auf Oberschenkel. (c) Kerem Bakir

 

Tattoomaschine mit Elektromotor. (c) Kerem Bakir Tattoomaschine mit Elektromotor. (c) Kerem Bakir

 

Wie bist du auf den Job als Tätowierer gekommen? Wolltest du das schon immer werden?

"Nee, ich habe vorher was ganz anderes gemacht. Ich bin Handelsfachwirt und habe in der Modeindustrie gearbeitet. Und irgendwann kommt man an so einen Punkt im Leben, wo man das, was man tut, in Frage stellt. Einfach weil einem bewusst wird, dass es doch nicht das ist, was man möchte. Ein jeder von uns hat, wenn er zur Welt kommt, natürliche Ressourcen. Sei es Kuchen backen oder zeichnen. So ganz banale, alltägliche Dinge, die er sehr, sehr gut kann, die aber meistens im Schulsystem komplett untergehen. Die werden nicht gefördert. Man wird in der Schule zurechtgestutzt auf das System. Man muss funktionieren, macht Abi, kriegt einen Haufen Wissen beigebracht, das du eigentlich überhaupt nicht brauchst. Mich hat niemand gefragt, in was ich gut bin oder was ich eigentlich möchte. Ich glaube, dass Malen und Zeichnen meine natürlichen Ressourcen sind. Ich stand also vor der Frage: Soll ich weitermachen mit dem, was ich gerade tue? Und das war super - ich war erfolgreich, auf der Karriereleiter ging es nicht viel weiter hoch. Aber es gibt einem nichts. Ich hatte Kollegen, gestandene Männer. Die haben 60 Stunden die Woche gearbeitet, um sich von dem Geld, das sie kriegen, Freizeit zu kaufen. Wenn du 40 bist, hast du wahrscheinlich Verpflichtungen wie Haushälfte, Auto und Privatschule. Da kannst du nicht mehr ausbrechen. Mit Anfang 30 ist das noch ziemlich einfach."

 

Du hast also einfach so den Job gewechselt? Hast du diesen Schritt je bereut?

"Wie gesagt, ich zeichne gern. Das habe ich schon immer gemacht, weil mich das irgendwie erfüllt hat, aber nie professionell. Ich dachte mir dann, ich könnte mich ja mal auf das besinnen, was ich wirklich kann. Die ganzen erfolgreichen Menschen sind die, die aus diesem System ausgebrochen sind. Ein Einstein oder ein Steve Jobs. Die sind nicht den normalen Weg gegangen. Die haben alle einfach ihr eigenes Ding gemacht. Das dachte ich mir dann auch: Ich mach jetzt einfach mein Ding! Was soll passieren? Wenn's schlecht läuft, kann ich mich immer noch versklaven lassen. Du kannst ja immer wieder zurück. Bloß, wenn ich 40 bin, gibt mir niemand die zehn vergeudeten Jahre wieder. Zeit ist wirklich das höchste Gut. Das ist mir jetzt auch bewusst geworden mit diesem Job hier. Wenn man da draußen auf so hohem Tempo arbeitet, ist man eigentlich immer zwei Schritte hinterher. Und jetzt habe ich einen Termin am Tag, von 12 bis 14 Uhr. Das ist wirklich purer Luxus. Das war das Risiko wert, das ich vor knapp zwei Jahren eingegangen bin."

Ist dir schon mal ein Kunde aus Angst von der Liege gesprungen?

"Nein, da ich nur mit einer Linie arbeite, hat man weniger Hautirritationen. Man schädigt die Haut nicht so sehr und es fließt auch kaum Blut. Bei einer Fläche hat man breitgefächerte Nadeln und geht damit immer wieder über dieselbe Stelle. Das ist ziemlich unangenehm. Eine Linie hingegen kann man gut aushalten. Ich habe das auch schon an mir selbst ausprobiert, ohne Farbe."

Nimmst du alle Motivanfragen an oder gibt es auch Sachen, die du ablehnst?

"Ich bekomme im Schnitt 600 E-Mails im Monat mit Anfragen. Das ist verrückt. Davon kann man die Hälfte knicken. Da kommt ein Einhorn mit Maschinengewehr – damit kann ich nichts anfangen. Das ist super, aber nichts, was in mein Portfolio fällt. Von den 300 Anfragen, die dann noch da sind, muss man wieder sieben und gucken. Das ist aber auch schön, denn es gibt einem als Künstler enorm viel Freiheit."

Motiv: Affenkopf. (c) Kerem Bakir Motiv: Affenkopf. (c) Kerem Bakir

 

Du kannst dich also kreativ ausleben in deinem Job?

"Als Tätowierer hat man ganz viele Vorgaben und ist so ein bisschen gefangen in den Wünschen seines Kunden. Aber wenn die Anfrage steigt, steigt halt auch die Freiheit für den Künstler."

Deine Kundschaft besteht zu 80 Prozent aus Ausländern. Von den 20 Prozent Deutschen sind lediglich 5 Prozent aus Berlin. Warum also ist dein Studio ausgerechnet in Berlin-Wilmersdorf?

"Kurze Wege und eine hohe Lebensqualität. Ich finde es sehr wichtig, dass man nicht zwei Stunden zur Arbeit fährt. Denn dann hat man keine Lust mehr, zur Arbeit zu fahren. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. In Berlin ist das Luxus. Berlin hat als Alleinstellungsmerkmal - und ich war schon in unzähligen Ländern und allen bekannten großen Metropolen - dass es die einzige Metropole ist, in der man leben und arbeiten kann. Ich nehme mal das Beispiel New York. Wenn du in New York arbeitest, lebst du meistens in einem Außenbezirk, kommst in die Stadt, generierst Geld für die Leute, die eh schon alles haben und gehst dann wieder raus. Um in der Stadt leben zu können, müsstest du dich tot arbeiten. In New York leben ist etwas anderes als in Berlin leben. Denn ich kann es mir leisten, hier zu wohnen und zu leben. Das geht nirgendwo anders - weder in Paris, noch in London. Dadurch hat man schon grundsätzlich eine sehr hohe Lebensqualität in Berlin. Diesen Luxus, sich aussuchen zu können, wo man sein Studio haben will, das geht glaube ich nur hier."

Tattooschablone. (c) Kerem Bakir Tattooschablone. (c) Kerem Bakir
Mo Ganji in Action. (c) Kerem Bakir Mo Ganji in Action. (c) Kerem Bakir

 

Das Studio des Künstlers in Wilmersdorf. (c) Kerem Bakir Das Studio des Künstlers in Wilmersdorf. (c) Kerem Bakir

Mo Ganji

Düsseldorfer Straße 6
10719 Berlin

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Quelle: QIEZ
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