Schöneberg
1. Mai in Schöneberg

Ritual zum Start der Vespa-Saison

Ritual zum Start der Vespa-Saison
Für viele Hauptstädter sind Motorroller das ideale Gefährt. Vor allem die aus den Sechzigerjahren stammende Vespa hat zahlreiche Fans in der Stadt an der Spree.
Am 1. Mai startet in Schöneberg die Vespa-Saison. Mehrere hundert Fahrer knattern dann gemeinsam vom Winterfeldtplatz bis zur Spinnerbrücke.

Noch ehe man sie sieht, kann man sie schon hören oder riechen. Kommt die Vespa-Kolonne herbeigeknattert, vernebelt eine Wolke aus Dunst die Sicht. Jährlich am 1. Mai treffen sich einige hundert Fahrer am Mittag auf dem Schöneberger Winterfeldtplatz, um den Saisonbeginn zu zelebrieren. Anrollern heißt das bei ihnen. Über den Kurfürstendamm führt ihr Weg dann etwa um 14 Uhr bis zur Zehlendorfer Spinnerbrücke an der Avus, von dort aus über den Kaiserdamm bis zur Siegessäule zurück. Bei der Polizei angemeldet wird die Begegnung nicht, Organisatoren gibt es keine. Die Veranstaltung ist ein traditioneller Akt, der sich verselbständigt hat. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb sind immer mehr Motorrollerfahrer beim Anrollern dabei.

Noch im Jahr 2004 kamen nur eine Handvoll eingefleischter Scooterboys, seither steigt die Zahl stetig. In diesem Jahr sollen bis zu 400 Vespas an den Start gehen, die im Stop and Go durch Berlin tuckern und die Straßen zustopfen.

Andere Verkehrsteilnehmer halten Roller für gefährlich

Das Anrollern ist der beste Beleg dafür, dass Motorroller stetig an Beliebtheit gewinnen. Es gibt kleine, 45 km/h schnelle Maschinen mit 50 cm³ und größere Roller mit 125 cm³, die bis zu 80 km/h fahren. Wie viele der in der Hauptstadt gemeldeten Krafträder Roller sind, ist statistisch nicht erfasst. Klar ist jedoch, dass jährlich etwa 1000 weitere neu zugelassen werden. Studenten aus Prenzlauer Berg, die mit der Vespa zum Hörsaal brettern, verliebte Paare, die zum Müggelsee rollen, um zu baden und Erdbeeren zu essen, Jungunternehmer, die ins Büro düsen – für viele sind Motorroller das perfekte Verkehrsmittel für die Großstadt, jedenfalls in der Zeit von Mai bis Oktober. Dort, wo es wenige Parkplätze gibt, ist der Roller problemlos am nächstbesten Laternenpfahl abgestellt. Und im Stau schlängelt man sich im Juni durch die Autoreihen.

Zum Teil sorgen die Motorroller allerdings auch für eine Menge Unmut. Das sind Rowdys, die Bürgersteige entlangrasen und halsbrecherisch die Spuren wechseln, klagen die Autofahrer. Sie sind zu laut, dröhnen wie Rasenmäher, schimpfen Anwohner. Als Gefahrenquelle gelten sie außerdem, da die Knautschzone fehlt und schon 16-jährige Jugendliche damit durch die Gegend brettern dürfen. Kürzlich hat die Polizei 14 Tage lang annähernd 10.000 Zweiräder kontrolliert, der Fokus lag jedoch insbesondere auf Motorrädern, nicht -rollern.

Umweltschützer kritisieren hohen Benzinverbrauch

In der Tat sind Motorroller allerdings bei weitem nicht so gefährlich, wie viele glauben. Der Unfallstatistik der Berliner Polizei zufolge waren die Fahrer motorisierter Zweiräder im vergangenen Jahr nur Verursacher von 1,5 Prozent aller Unfälle, halb so viele wie Fahrradfahrer. Umweltschützer, etwa der Verkehrsclub Deutschland, kritisieren außerdem den horrenden Benzinverbrauch. Zahlreiche neue Modelle seien zwar schon Viertakter, doch seien nach wie vor viele Zweitakter ohne Katalysatoren auf den Straßen zu sehen. Im Sinn umweltfreundlicher Mobilität eindeutig ein Minuspunkt.

Motorroller behalten dennoch Kultstatus – denn es ist so lässig, mit ihnen durch die Stadt zu düsen, wenn einem der Fahrtwind ins Gesicht bläst. Eine Motorradkluft ist nicht nötig, und wegen der Blechverkleidung wird der Fahrer auch nicht schmutzig. Vespafahren, das hat den Geruch von Sommer. Bei der Morlocks-Scooter-Gang aber auch von abgestandenem Bier und muffigen Jeanskutten. Die Morlocks gelten als der aktivste der wenigen übrig gebliebenen Vespa-Clubs der Hauptstadt. 1984 haben sie ihren Club gegründet, heute sind sie zu zehnt. Alles große, misslaunige Männer mit runden Bierbäuchen, pieksigen Backenbärten, Piercings und Tätowierungen, die auf ihren Vespas eine Wirkung haben wie Gewichtheber auf Dreirädern.

Anrollern in Schöneberg: auch Oldtimer am Start

Für die Morlocks-Scooter-Gang ist das Anrollern ein Höhepunkt des Jahres, sie organisiert ein Programm mit Partys und Konzerten. Über ordinäre Vespabesitzer rümpfen die Morlocks ein bisschen die Nase, weil die mit „Automaten und Plastikrollern“ kommen, wie Roland sagt. Roland ist Tätowierer, sein Neuköllner Studio „Wildstyle“ ist inoffiziell der Treff des Clubs. Im Schaufenster sind Totenköpfe und gläserne Bongs zu sehen, davor stehen fünf Mitglieder der Gang in Bomberjacken über Button-Down-Hemden. Sie selbst gehen beim Anrollern mit ihren Oldtimern aus der Garage an den Start, Blech-Vespas aus den Sechzigerjahren, samt Handschaltung. Die Motoren haben sie aufgepäppelt, von sieben auf 21 PS, die Tachonadel schlägt bis auf 130 km/h aus, bergab mit Rückenwind.

Die Morlocks sind ganzjährig auf ihren Vespas unterwegs, nicht so wie die „Schönwetterfahrer“, über die sie lächeln. Denn die lassen ihre Roller im Oktober zumeist wieder in der Garage verschwinden. Doch bevor wieder abgerollert wird, ist erst mal der Sommer dran.

Ritual zum Start der Vespa-Saison, Winterfeldtstraße 40, 10781 Berlin

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