Neukölln feiert Geburtstag

Neuer Name, neuer Ruf?

Reinhold Steinle ist ein Botschafter Neuköllns und veranstaltet Führungen durch den Stadtteil
Reinhold Steinle ist ein Botschafter Neuköllns und veranstaltet Führungen durch den Stadtteil
100 Jahre ist es her, dass die Großstadt Rixdorf zu Neukölln wurde – eine Namensänderung zwecks Imagepolitur. An den Schwierigkeiten änderte das nichts und so wurde auch eine Anfang des Jahrtausends erwogene Rückbenennung verworfen.

Reinhold Steinle blickt verwundert drein. Was hat der Lange Kerl in seinem Reich verloren? In voller Montur steht ein preußischer Gardist vor der Rixdorfer Schmiede am Richardplatz – eigentlich gehört der als Touristenschreck nach Potsdam. Steinle pirscht sich ran und vernimmt erleichtert, dass der Lulatsch nur für die Lange Nacht der Museen wirbt. Mit dem 100. Geburtstag Neuköllns hat er nichts am Hut. Steinle schon. Seit 2008 bemüht sich der Kleinkünstler mit dem schwäbischen Akzent aktiv um die Imagepflege Neuköllns – mit Führungen, in denen er nur Positives über die wahlweise als Problembezirk, Gentrifizierungsgebiet oder Kreativkiez verrufene Gegend zwischen Landwehrkanal und S-Bahn-Ring erzählt.

Selbstverständlich hat er zum 100. Geburtstag eine spezielle Führung veranstaltet, die hier auf dem Richardplatz, der Wiege Rixdorfs, begann. Denn Neukölln, also der gleichnamige Ortsteil des Berliner Bezirks, zu dem inzwischen auch Britz, Buckow, Gropiusstadt und Rudow gehören, hieß bis 1912 Rixdorf. Und wie Rixdorf zu Neukölln wurde, das ist ein ziemlicher Krimi. Im ehrwürdigen Bezirksverordnetensaal spielten kürzlich kostümierte Schauspieler und Politiker wie Kulturstadträtin Franziska Giffey die Stadtverordnetensitzung vom 18. Januar 1912 nach, bei der der neue Name ohne große Diskussion durchgesetzt wurde.

Grundstücksspekulationen und Politik

Was die Gründe waren? Konservative Kaisertreue wollten gegen den rasanten Machtzuwachs der Sozialdemokraten vorgehen, darüber hinaus ging es um Immobilien- und Grundstücksspekulation –  das alles steckte hinter der Imagekampagne, erzählt Ausstellungsmacher Henning Holsten. Denn die Stadt Rixdorf, die zur damaligen Zeit mit fast 255 000 Einwohnern zu den größten Städten Deutschlands gehörte, hatte im Kaiserreich einen genauso wüsten Ruf wie Neukölln heute.

Schuld daran war der Gassenhauer „In Rixdorf is Musike“, den der dazu Schieber tanzende Komiker Heinrich Littke-Carlsen 1889 populär machte. Frivole Engtänze waren den Sittlichkeitsvereinen der Kaiserzeit ein Dorn im Auge, 1912 wurde Schiebertanzen von der Polizei untersagt. Und die strengen bürgerlichen Stadtväter Rixdorfs setzen ihren jahrelang vorbereiteten Plan um, den Lotterleumund der Stadt als Armutsquartier, Sozi-Brutstätte und proletarisches Vergnügungsviertel durch den Wechsel zum damals noch jungfräulichen Namen Neukölln zu vertreiben. Der stammt von der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cölln. Die Sozialdemokraten stimmten gegen die Umbenennung, der Kaiser unterstützte sie, wie Henning Holstens neue Aktenfunde beweisen. „Gegen den Willen der Bevölkerung hat das eine kleine politische Clique aus Hauseigentümern und Grundstücksspekulanten im Rixdorfer Magistrat durchgesetzt“, sagt er.

Diese waren an einer Aufwertung der aus den Dörfern Deutsch- und Böhmisch-Rixdorf entstandenen Stadt interessiert. Während der Industrialisierung war Rixdorf exponentiell gewachsen, zwischen Hasenheide und Richardplatz gab es 150 Amüsierbühnen und zahllose Spelunken sowie jede Menge Armut und Elend. Doch die vorgesehene Bebauung der Köllnischen Heide versprach satte Profite, dort sollten bürgerliche Familien einziehen. Die seien vorher vor dem Unterschichtquartier zurückgeschreckt, berichtet Holsten, denn Rixdorfer war nicht nur ein Synonym für den Schiebertanz, sondern für „Prolet, Krimineller oder Sozialdemokrat“. Eine Ironie der Geschichte, wo doch 100 Jahre später Neuköllner fast ein Synonym für Hartz-IV-Empfänger oder Migrant ist.

Der Witz des Reiches

1912 machte sich übrigens ganz Deutschland über die seinerzeit extrem seltene Umbenennung einer Stadt lusitg. Witzblätter und Karikaturisten im ganzen Reich bis hin nach England stürzten sich auf die Lachnummer. Fabrikanten schrieben aus Angst um den Ruf ihres „Rixdorfer Linoleums“ Protestbriefe.

Für Neukölln käme heute ein Etikettenschwindel wie der vor 100 Jahren nicht in Frage, sagt Stadträtin Giffey, die beim Schauspiel im Rathaus als deftige Frau aus dem Volke zu sehen war. Allein die Kosten für eine Rückbenennung in Rixdorf seien astronomisch. Henning Holsten erzählt, dass in den frühen 2000er Jahren, als der Ruf des Bezirks am Boden war, der eine oder andere Politiker über den Schritt in die Vergangenheit nachgedacht habe. Giffey zuckt die Achseln. Heute fordere das niemand mehr. „Neukölln ist auch eine positive Marke in Deutschland geworden.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Neuer Name, neuer Ruf?, Richardplatz 5, 12055 Berlin

Weitere Artikel zum Thema

Freizeit + Wellness | Ausflüge + Touren
Seensucht: Großer Stienitzsee im Osten
See, Wald, Urlaub! Die Erholung liegt für Berliner praktisch vor der Haustür. In unserer Serie […]
Freizeit + Wellness | Ausflüge + Touren | Essen + Trinken
Top 10: Orte zur Abkühlung in Berlin
Auf einmal ist der Sommer da! Aber wie! Nun fragen wir uns: “Wie kann ich […]
Freizeit + Wellness | Ausflüge + Touren
Top 10: Naturbadestellen in Berlin
Große und kleine Wasserratten müssen für den Badespaß in Berlin nicht unbedingt tief in die […]
Freizeit + Wellness | Ausflüge + Touren
Top 10: Die schönsten To-Dos am Wannsee
Wir haben für dich die schönsten Freizeitbeschäftigungen rund um den Berliner See der Seen zusammengestellt […]