20 Jahre Raum der Stille am Brandenburger Tor

Ruhe im Remmidemmi

Ruhe im Remmidemmi
Schnellen Schrittes. Immer auf Trab, immer funktionieren müssen: So empfinden viele ihr Leben. Berliner und Berlin-Besucher halten gern inne im Raum der Stille. Mitten im Trubel, am Brandenburger Tor, auf 30 Quadratmetern – hereinspaziert.
Pariser Platz - Seit 20 Jahren setzen sich Fremde zusammen in den Raum der Stille am Brandenburger Tor. Sie lächeln, schließen die Augen. Mehr als eine Million Menschen sind mitten im Trubel schon zum Innehalten gekommen. Aber das ist gar nicht so einfach.

Man tritt ein in den Raum der Stille, und auf einmal ist alles unerwartet laut und intensiv. Das Sirren in den Ohren, die Emotionen, die hochkommen. „Das war zuerst fast lauter als draußen, wie ein Dröhnen“, sagt Norina Rütsche, 22, aus der Schweiz. „Man ist gar nicht mehr gewohnt, dass es mal so leise ist.“ Im Arbeitsalltag komme man selten zur Ruhe, „da muss man auch immer schnell liefern“. Ja, sagt ihr 18-jähriger Freund Perry Sidler, die Stätte im Nordflügel des Brandenburger Tores sei „sehr speziell“. Als er auf den braunen Wandteppich der Budapester Künstlerin Ritta Hager geschaut habe, auf dem sich ein Lichtstrahl durch dunkle Bäume und Streben bricht, habe er das empfunden „wie die Ruhe selbst“.

Klick, klick, wieder einer mehr

Solche oder ähnliche Erlebnisse haben seit der Eröffnung des überkonfessionellen Rückzugsortes inmitten des tosenden Hauptstadtlebens schon mehr als eine Million Menschen aus aller Welt gehabt. „Coming to peace with yourself. Peace to all“, haben Soan und Bob ins inzwischen über 50. Gästebuch eingetragen. 20 Jahre gibt es den Raum der Stille mittlerweile. Chinesische Zeichen ranken sich übers Blatt, Eintragungen auf Arabisch und Hebräisch. Saya und Fatma äußern „einfach nur einen Dank von Herzen“. Und „Stille ist mehr als nichts zu sagen!“, meint eine andere Besucherin.

„Manche Leute schreiben komische Dinge ein, wie: ,Merkel, Du Schlampe‘“, erzählt Theo Schäfer. Dann drückt er wieder auf das mechanische Zählgerät in seiner Hand – klick, klick. Mal kommen 332 Menschen an einem Tag, mal 63, mal 123, „sie bleiben eine Minute bis eine halbe Stunde, die meisten aber ein paar Minuten“. Am 30. Mai waren es 527, ein Kommen und Gehen, fast zu viele für einen Raum zum Innehalten. 61 000 Gäste waren es bislang im Jubiläumsjahr. Die vielen Jahre werden am heutigen Montag bei der Konrad-Adenauer-Stiftung gefeiert.

Schlafen darf man da nicht

Am Eingang zum Raum der Stille klebt ein rotes Hinweisschildchen auf die Überwachungskamera; Empfangsherr Theo Schäfer schaut immer mal wieder auf den dazugehörigen Bildschirm. Anfangs sei das ein komisches Gefühl gewesen, fast etwas übergriffig, sagt Schäfer. Aber es sei besser so. „Wenn Besucher anfangen zu rauchen oder sich zum Schlafen hinlegen, gehe ich rein und bitte sie, das nicht zu tun.“ Der 75-jährige frühere Gymnasiallehrer ist einer von mehr als 80 Ehrenamtlichen, meist Frauen, die sich die Betreuungsschichten teilen. Die Vorsitzende des Förderkreises Raum der Stille in Berlin e.V., Maria Diefenbach, hat den Raum vor zwei Jahrzehnten mit dem Jesuitenpater Peter Kegebein und dem evangelischen Pfarrer Johannes Hildebrandt entwickelt, nach dem Vorbild des Meditationsraums im Gebäude der Vereinten Nationen in New York. „Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht mehr von Hunger und Furcht gequält, nicht sinnlos nach Rasse, Hautfarbe und und Weltanschauung getrennt werden“, lautet das UN-Gebet, ist zu lesen. Es liegen Infoblätter in vielen Sprachen aus. Handys sind verboten, aber abgeben muss man sie nicht.

„Sehr, sehr retro“

Ulrike Plautz und Georg Rehse kennen viele Räume der Stille, in Bahnhöfen, in Kliniken. Diesen hier, mit seinen dunklen Fliesen, grauschwarzen Stühlen, Hockern und Sitzkissen ringsum auf 30 Quadratmetern und mit etwas angegraut wirkenden Gardinen, den findet die 55-Jährige „sehr, sehr retro, etwas verstaubt“. Sie würde ihn sich „erhellender wünschen, spiritueller“. Und doch gelinge es, „den Rhythmus, in dem wir sonst leben, zu unterbrechen, alles zu verlangsamen. Ein kleines Stück Entspannung“, sagt ihr 63-jähriger Begleiter. Andere Besucher schätzen gerade das Neutrale, es lenke eben nicht ab. Wer will, kann am Eingang einen Stein „als Hilfe beim Loslassen von Alltagsgedanken“ mit hineinnehmen.

Tief durchatmen

Drinnen sitzt man ein wenig wie im Wartezimmer, mit Fremden, bei einem persönlichen Moment. Der Atem ist zu hören: so leise, so laut. Corinna Morreale aus Markdorf am Bodensee schließt die Augen. „Das Summen in sich, das war eine laute Stille, das tat erst richtig weh in den Ohren“, sagt sie später. Der erste Reflex sei gewesen, zu gehen. Dann habe sie gedacht: Das kann doch wohl nicht sein. „Ich musste erst zur Ruhe finden.“ Wenn man wieder draußen ist, heulen Feuerwehrsirenen, trappeln Pferdefuhrwerke.

„Ich wäre dafür, alles komplett schallzudämmen“, findet ihre Freundin Michaela Greitmann aus Landsberg gar. Die dritte im Bunde der Freundinnen, die sich in der Stille mit Gesten, Handzeichen und Lächeln verständigen, ist Annette Groossens, 46, aus München. Sie hatte den Raum im Reiseführer gefunden und „wieder Lust bekommen, zu meditieren“. Sie alle haben nun „Kraft getankt für den Rest der Berlin-Visite“.

Raum der Stille, Brandenburger Tor, Nordflügel, in Mitte, geöffnet im Winter 11 bis 16 Uhr, im Sommer 11 bis 18 Uhr.


Quelle: Der Tagesspiegel

Ruhe im Remmidemmi, U-Bahnhof Brandenburger Tor, 10117 Berlin
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