Prenzlauer Berg
Autofreier Helmholtzkiez

Das grüne Fest in Prenzlauer Berg

Das grüne Fest in Prenzlauer Berg
Kein Blech. Einen Monat lang sollen die konventionellen Autos aus dem Viertel um den Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg verschwinden.
Der abgasfreie Monat im Helmholtzkiez wird kontrovers diskutiert: Politiker und Wirtschaft sind skeptisch, Tourismuswerber euphorisch. Und der Bürgermeister wusste von nichts.

Der Bericht des Tagesspiegels über den geplanten autofreien Monat im Helmholtzkiez elektrisiert Öffentlichkeit und Politik. Wie berichtet, sollen die rund 3500 Autos der etwa 20000 Bewohner des Viertels in Prenzlauer Berg ausquartiert und durch eine elektrische Carsharingflotte plus Shuttlebus, zusätzliche Straßenbahnen und sonstige Elektromobile ersetzt werden. Mit dem „Eco-Mobility Festival“ im nächsten Jahr hat der verantwortliche Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) ein Vorhaben angepackt, dessen Konfliktpotenzial es locker mit der Umgestaltung der Kastanienallee („K21“) aufnehmen kann.
Die Kontroverse dürfte bereits im Pankower Rathaus beginnen, denn selbst Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) ist bisher nicht involviert. Via Twitter und Facebook schrieb der Rathauschef am Sonntag von „Zwangsbeglückung“ und erklärte: „In dieser Form wird das nicht stattfinden.“ Offiziell soll er in der Bezirksamtssitzung am Dienstag informiert und am Abend das Projekt im Verkehrsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung vorgestellt werden.

Für die breite Öffentlichkeit öffnet Ende der Woche die mit der Organisation beauftragte Firma ein Büro in der Schliemannstraße 34, wie Geschäftsführer René Waßmer dem Tagesspiegel sagte. Dienstags bis sonnabends wolle man präsent sein. Immerhin ist bis zum avisierten Termin noch ein Jahr Zeit. Auf die Frage, wie leicht ein Anwohner oder Gewerbetreibender das Projekt zu Fall bringen kann, verweist Waßmer auf den Stadtrat: Die einmonatige Sperrung für Autos mit Verbrennungsmotor habe Kirchner für juristisch unproblematisch befunden. „Da verlassen wir uns auf den Bezirk.“
Aus der Landeskoalition hat Kirchner wenig Hilfe zu erwarten. „Nichts gegen die Anwohner, und nichts gegen die Gewerbetreibenden“, sagt SPD-Verkehrspolitiker Ole Kreins, fügt aber hinzu: „Elektromobilität ist eine gute Sache.“ Sein CDU-Kollege Oliver Friederici lehnt das Projekt ab: „In einer Straße, in der sich alle einig sind, kann man das machen.“ Aber der Helmholtzkiez sei mit etwa 800 mal 800 Metern zu groß, und „es gibt immer auch familiäre Situationen, in denen es ohne Auto einfach nicht funktioniert“.

Katrin Lompscher, ehemalige Umweltsenatorin und Stadtentwicklungsexpertin der Linken, findet, die Zeit sei reif für so ein Projekt. Sie wünscht „den Organisatoren einen guten Überblick, denn so was muss man gut vorbereiten und wirklich alle an Bord holen“. Ähnlich äußert sich Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar, der gute Kommunikation anmahnt.
Die Tourismuswerber von Visit Berlin könnten das Modellprojekt im Ausland hervorragend bewerben, sagt Sprecher Christian Tänzler: „Es passt genau in das Bild, das die Welt von uns hat.“ Man wisse das aus Befragungen. Gerade für schnell wachsende Länder wie China und Brasilien gelte Berlin als Vorbild: „Die haben alle Verkehrsprobleme und brauchen Konzepte für eine lebenswerte Stadt.“
Auch die Wirtschaft findet die Idee „spannend“ und gut fürs Renommee Berlins als E-Mobility-Schaufenster, wie IHK-Sprecher Leif Erichsen sagt. Aber: „Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.“ Nachteile für die Wirtschaft – etwa durchs Umladen von Ware in Elektro-Lkw – müssten verhindert werden.
Kirchner gab sich am Sonntag entspannt: „In Berlin sind immer erst mal alle dagegen. Wenn aber nie einer was ausprobieren würde, gäbe es die Stadt nicht. Also probieren wir’s aus.“

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