Berlins zweitgrößter Park

Happy Birthday, Jungfernheide!

Die Bären am Parkeingang sind die einzig verbliebenen: Die Tiere aus dem Wildgehege sind im November nach Brandenburg umgezogen. Trotzdem gibt es viel zu sehen im Volkspark Jungfernheide.
Die Bären am Parkeingang sind die einzig verbliebenen: Die Tiere aus dem Wildgehege sind im November nach Brandenburg umgezogen. Trotzdem gibt es viel zu sehen im Volkspark Jungfernheide.
Der Bau verzögerte sich einst, dann flanierte hier Fontanes Held: Am Montag wird der Volkspark Jungfernheide wird 90 Jahre alt. Ein Rundgang zum Geburtstag.

Der Name gibt Rätsel auf. Jungfernheide, das regt die Fantasie an: Rekelten sich hier etwa früher mit Vorliebe luftig bekleidete Jungfrauen nebst überquellenden Picknickkörben, wie auf dem Bild des Malers Édouard Manet? Oder war der Park einst ein geheimer Treffpunkt von Junkern mit ihren Jungfern?

Alles falsch, die Wahrheit über den Namen des zweitgrößten Berliner Parks kommt wesentlich keuscher daher: Jungfern, das waren die Nonnen des sagenhaft reichen Benediktinerinnenklosters in Spandau, denen das Heidegebiet im Mittelalter gehörte. „Bauern aus Wittenau mussten in der Jungfernheide Brennholz hacken für die Damen, damit sie es im Kloster schön warm hatten“, erzählt Joachim Krüger. Gefolgt von rund 20 Zuhörern führt der 63-Jährige am 24. Mai durch den Park. Krüger, der sonst für die CDU im Abgeordnetenhaus sitzt, schlüpft aus einem ganz besonderen Grund in die Rolle des begeisterten Lokalhistorikers: Heute, am 27. Mai, wird die alte Jungfer 90 Jahre alt.

Eine bewegte Vergangenheit

Viel erlebt hat sie, schon bevor sie zum Park wurde. Bejagen ließ sie sich als königliches Forstrevier, dann beschießen als Exerzierplatz unter Friedrich II. Sogar als Ort des Schlussmachens ließ sie sich von Theodor Fontane literarisch stilisieren, denn Botho von Rienäcker fasst in „Irrungen, Wirrungen“ auf ihren Waldpfaden den Entschluss, seine Lene zu verlassen.

Krüger lässt all das – auf Geheiß des Heimatvereins Charlottenburg – wieder aufleben, fast brüllend angesichts des unangenehmen Maiwindes, der unbeeindruckt durch die lange Allee vor dem Wasserturm rauscht. Schon imaginiert der Zuhörer, wie der gleiche Wind auch durch die 20er-Jahre-Fransenkleider der allerersten Besucherinnen gestrichen sein mag, damals am 27. Mai 1923. Man überlegt, wie viele hundert Scheine Inflationsgeld die Besucher des Parkcafés für einen Kaffee hingeblättert haben mögen.

Kein einfacher Weg war es bis zu jenem Eröffnungstag gewesen, sagt Joachim Krüger. „Wie der BER hatte auch das Großprojekt Volkspark Jungfernheide so seine Anlaufschwierigkeiten.“ Schon 1904 hatte die Stadt Charlottenburg das Landstück vom Staat Preußen gekauft, um daraus einen modernen Park zu machen, doch „erst kam der Erste Weltkrieg dazwischen, dann wurde Charlottenburg 1920 ein Teil Groß-Berlins!“ – und aus Geldnot sperrte die blutjunge Großstadt erst einmal den Parketat von zehn Millionen Mark.

Ein Park als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

Aber schon damals war Berlin nicht nur Hauptstadt der Finanzprobleme, sondern auch die der kreativen Lösungsansätze. „Dass der Park dann doch gebaut wurde, war eine Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit“, sagt Krüger. Hundert Erwerbslose ließ man drei Jahre lang ackern. Nach Plänen des Gartenbaudirektors Erwin Barth präsentieren sich seitdem die weitläufigen Spielwiesen, später kamen die Freilichtbühne, der Wasserturm und das Wildgehege hinzu.

„Kein Schwein mehr drin“, sagt Krüger jedoch, als die Gruppe am Wildgehege vorbeigeht, in dem nichts mehr grunzt. „Aber keine Sorge, das Bezirksamt hat sie nicht verspeist.“ Die Wildschweine sind zusammen mit den Weißhirschen und Rehen schon im November 2012 nach Brandenburg umgezogen, wo sie besser versorgt werden können. Auch die morsche Gustav-Böß-Freilichtbühne wird nicht mehr genutzt, Gräser und Brennesseln überwuchern sie. Eine halbe Million Euro, schätzt Krüger, wäre nötig, um die Bühne wieder fit zu machen, „dazu müsste man einen Investor finden“.

Abgesehen vom Verfall der Bühne sind die kulturellen Angebote in der Jungfernheide aber noch immer zahlreich. Seit 1956 können Kinder beim Programm „Kinder in Licht, Luft und Sonne“ die Ferien in einem Hüttendorf im Park verbringen. In einem Hochseilgarten schwingen sich Besucher seit 2010 affengleich von Baum zu Baum. Parkplaner Erwin Barth, ein Vertreter der Volksparkbewegung, hätten diese Angebote sicher gefallen: Von Anfang an sollte nach seinem Wunsch in der Jungfernheide nicht gesittet flaniert, sondern wild herumgetollt werden.

Joachim Krüger wiederholt seinen geschichtlichen Rundgang durch die Jungfernheide für Tagesspiegel-Leser am Freitag, 12. Juli um 16 Uhr. Treffpunkt ist der Parkeingang Kurt-Schumacher-Damm, Ecke Heckerdamm, Charlottenburg.


Quelle: Der Tagesspiegel

Happy Birthday, Jungfernheide!, Heckerdamm, 13627 Berlin

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