Berliner Häuser: Allee der Kosmonauten

Entspannter als im Weltraum

Die ersten Bewohner des Plattenbaus in der Allee der Kosmonauten 56/58 in Marzahn kamen sich in ihren Wohnungen vor wie im Paradies. Viele wohnen noch heute dort.

Im September 1978 benannte die DDR-Führung zu Ehren von Sigmund Jähn, des ersten Deutschen im All, eine Straße: die Allee der Kosmonauten. Sie lag im damals größten Wohnungs-Neubaugebiet der DDR in Berlin-Marzahn. Einige Wochen später zog die Familie Wölms – Astrid, Uwe und ihre Tochter Martina – in ihre Wohnung im gerade fertiggestellten Haus Nr. 56 an jener Allee der Kosmonauten, einem elfstöckigen Plattenbau der „Wohnungsbauserie 70“.

Die Dreiraumwohnung auf der ersten Etage ist 61 Quadratmeter groß, hat einen sechs Meter breiten Balkon, ein Bad mit Wanne, Küche mit Fenster, Zentralheizung,  warmes Wasser, Müllschlucker auf dem Flur und einen Fahrstuhl. Die Wölms kamen sich im Vergleich zu ihrer alten Wohnung am Ostkreuz vor wie im Paradies. In dem Altbau hatten sie in einem Zimmer ohne Bad, mit Ofenheizung und Außenklo gehaust.

Mit Raffinesse zur neuen Wohnung

Um an eine Wohnung zu kommen, war die Familie planmäßig vorgegangen: Herr Wölms nahm 1977 eine Stelle als Elektroingenieur bei der Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn an. Dort gab es eine Wohnungsbaugenossenschaft für die Mitarbeiter. Wölms wurde Mitglied im Genossenschaftsvorstand und bekam so die Chance auf eine Wohnung. Von den 3000 Mark der DDR, die als Einlage fällig wurden, konnte über ein Drittel beim Bau des Komplexes ‚abgearbeitet‘ werden.

Ende 1978 waren nahezu alle Wohnungen im Haus Nr. 56 an der Allee der Kosmonauten belegt, vor allem von Familien mit Kindern. Tagsüber war es ruhig, denn zu den ‚werktätigen‘ Bewohnern, die morgens das Haus verließen, gehörten Männer und Frauen gleichermaßen. Die kleinen Kinder brachten sie in die Kitas, die größeren gingen selbstständig zur Schule. Bei der Fertigstellung des Hauses fehlten nur noch Rathaus, Schwimmhalle und Kino, die Kaufhalle war bereits vorhanden. Auch die Bus- und Bahnverbindungen waren ordentlich und so fühlten sich die Bewohner der neuen Siedlung mit allem gut versorgt.

Die Häuser waren sogar verkabelt, so dass die Bewohner Westfernsehen verfolgen konnten; möglicherweise gingen die Behörden davon aus, dass in der Platte die treuesten DDR-Bürger wohnten, glücklich über ihre neue Heimat, immun gegen die Sirenengesänge des Westens. Und dann stellte man den Wölms’ noch eine unglaubliche Frage: Wollen Sie einen Telefonanschluss? Man hätte ihnen ebenso gut ein Dauervisum anbieten können. „Komisch war das“, wundert sich Astrid Wölms noch heute. „Man hatte keine Stasi-Kontakte, und dann kriegte man, bumms, so’n Telefon.“

Vieles beim alten

Sie wohnt noch heute hier und heißt jetzt Gottwald. Ihr zweiter Mann fühlt sich im ersten Stock der Allee der Kosmonauten 56 ebenfalls sehr wohl. Nur das Dröhnen der Rasenmäher stört ihn gelegentlich: „Kaum ist das Gras mal einen Zentimeter gewachsen, schon mähen sie’s wieder ab. Und die Hasen gucken am Abend dumm.“ Rohre, Fenster und Wohnungstür wurden ausgetauscht, der Giebel mit einer Isolierschicht versehen, ein paar Platten der Fassade gestrichen. Viel mehr musste an dem Haus nicht gemacht werden.

Die „Erste Marzahner Wohnungsgenossenschaft“, so der neue Name, ist zufrieden mit den Häusern der Bauserie 70. Die Wohnungen sind wärmeisoliert und können variabel umgestaltet werden. Die Mieten sind, verglichen mit Altbauten in zentraleren Bezirken, noch immer fair: Die Wölms’ zahlen heute 450 Euro warm. Im Haus Nummer 56 wohnen noch immer viele der ‚Erstbezügler‘. Natürlich sind sie alt geworden. Im Eingangsbereich hängen entsprechende Zettel: „Der Seniorenbeirat informiert“ oder „Ein gemütlicher Nachmittag für alle ab 60+“.

Wenn es hier so viele ‚Alteingesessene‘ gibt, müssten sie sich doch inzwischen kennen? Aber in einem Hochhaus trifft man sich selten auf der Treppe. Astrid Gottwald weiß zumindest, dass die Frau über ihr an Asthma leidet – sie hört sie durch die Decke husten. Zu DDR-Zeiten sei es auch nicht kuscheliger zugegangen, erinnert sie sich. Sie möchte hier jedenfalls nicht mehr ausziehen. Man habe doch alles, was man brauche. „Wollen nur hoffen, dass sie die Miete nicht hochsetzen. Toi, toi, toi!“ Sie klopft auf den Tisch, hält inne: „Ist doch echtes Holz, oder?“, schaut drunter und ist erleichtert. „Ja, isses.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Entspannter als im Weltraum, Allee der Kosmonauten, Berlin

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