Beos - Sprachtalente der Vogelwelt

Die Quassel-Bande

Die Quassel-Bande
Oskar auf der Stange. Er pfeift auch den River-Kwai-Marsch und ruft seinen eigenen Namen: "Oskar Fabig!"
Brandenburg - Beos sind umwerfende Sprach- und Soundtalente. Sie beherrschen ganze Sätze, pfeifen den River-Kwai-Marsch und sogar den Hund zurück. Manchmal büxen sie auch aus und setzen sich Passanten auf den Kopf. Ein Besuch bei Hugo, Oskar und Gerda in Neuenhagen bei Berlin.

Frühstücksradio? Braucht Christel Fabig nicht. Wenn sie morgens in die Küche tritt, wird sie von Hugo begrüßt. Der ist besser als Arnos Morgencrew von 104.6 RTL oder Marco Seiffert von Radioeins. „Guten Morgen, guten Morgen, meine Süße!“, ruft Hugo überschwänglich mit einer tiefen Männerstimme. „Geht’s dir gut?“ Klingt wie aus dem Munde von Christel Fabigs Mann Manfred. Kommt aber aus einem Schnabel. Hugo hockt auf einer Holzstange in seinem großen Käfig am Fenster. Rabenschwarzes Gefieder, Augen wie dunkle Perlen. Sieht fast aus wie ein Star oder eine etwas zu groß geratene Amsel, wären da nicht die dottergelben Streifen am Kopf. Hugo ist ein Beo. Christel Fabig beschreibt ihr Verhältnis zu ihm am liebsten mit den Worten des Dichters Eduard Mörike: „Man muss immer etwas haben, worauf man sich freut.“

Die Fabigs leben in der Gartenstadt Neuenhagen am Südostrand von Berlin. Ein Häuschen in einer kleinen Straße, efeuberankt, weinrote Ziegel, Herbstblumen am Tor. Hinter dem Haus kräht Hahn August im Garten, Hühner scharren, schneeweiße Pfauentauben gurren, Kanarienvögel flöten aus einem Käfig heraus, Indische Laufenten stolzieren mit steil gerecktem Hals durchs Gras – und neben dem gedeckten Kaffeetisch, dicht an der Terrasse, wohnen in ihrer Außenvoliere Oskar und Gerda, zwei weitere Beos. Die Sonne strahlt, Oskars Federkleid schillert blau-violett. Manfred Fabig schmunzelt. „Willkommen in unserem kleinen Vogelpark.“ Christel Fabig serviert Käsekuchen. Oskar fixiert die 62-jährige schlanke Frau, hebt den Kopf: „Schmeckt gut, schmeckt gut!“ – „Christel, komm mal her! Komm mal her!“ Nur ein klein wenig öffnet sich dabei der Schnabel. Die kräftige Stimme scheint aus dem Off zu kommen, klingt verblüffend authentisch, als säße ein Bauchredner in der Volière.

Mit vier bis fünf Monaten lernen sie am besten

Beos gehören zu den Sprachkünstlern der Vogelwelt, sind ebenso talentiert wie Graupapageien, aber viel weniger bekannt. Sie können sogar ganze Sätze fehlerfrei sprechen. „Na ja, sie verstehen zwar nicht, was ihre Worte bedeuten“, sagt Christel Fabig, „sie stellen aber Bezüge her.“ Es komme aufs Training an. Mit vier bis acht Monaten lernen Beos am besten. Damals hat sie Oskar „Schmeckt gut!“ beigebracht, jedes Mal, wenn das Essen auf den Tisch kam. Ihr Mann kümmerte sich unterdessen um die musikalische Früherziehung. Pfiff Oskar Liedchen vor wie den River-Kwai-Marsch. Manfred Fabig spitzt jetzt die Lippen für die ersten Töne der 1957 komponierten Filmmelodie. Oskar legt den Kopf mit dem leuchtend gelb-orangenen Schnabel schief, dann setzt er ein. Pfeift die Anfangsstrophe, im Marschtempo, ganz perfekt. Schreit hinterher: „Oskar Fabig! Oskar Fabig!“

In ihrer asiatischen Heimat ist das die beste Selbstverteidigung. Erschrecker gesucht? – wie jüngst vom Berliner Gruselkabinett. Beos sind da Experten. Im Dschungel ahmen sie Tierstimmen nach, lernen voneinander, erschrecken mit diesem Trick Feinde und locken andere Vögel an.

Ein Vogel rief bei jeder Frau: „Hast Du schöne Beine!“

„Hugo und Oskar plappern ständig, wenn ich bügele oder koche“, sagt Christel Fabig. Sie können niesen, lachen, die Hausklingel nachmachen oder den Hund zurückpfeifen. Doch längst nicht alle sind Plaudertaschen. Mit Obst – ihrer Lieblingsspeise – lassen sie sich eigentlich gut dressieren. Bei Gerda aber hat nichts gefruchtet. Gerda beherrscht nur den Urschrei ihrer Art. Sie sperrt den Schnabel weit auf. „Ti-jong, ti-jong.“ Das klingt wie ein durchdringender schriller Gong.

An der Waldfließstraße wird sie deshalb nicht weniger gemocht. Die Quasselei, sagen die Fabigs, dürfe niemals der einzige Grund sein, sich einen Beo anzuschaffen. Wie kamen die beiden zu ihrer Leidenschaft? Es begann vor 16 Jahren mit einem Malheur kurz vor Manfred Fabigs 50. Geburtstag. Damals warf ein Kater den Kanarienvogelkäfig vom Tisch, zwei der gelben Bewohner entflogen, den dritten krallte die Katze. Zum Trost erfüllte Christel Fabig dem Jubilar einen lang gehegten Wunsch. Auf dem Geburtstagstisch stand sein erster Beo, einer aus zweiter Hand. Den nannten sie Wagner-Sawitzke. Sein Vorbesitzer hieß so. Wagner-Sawitzke rief deshalb ständig „Wagner-Sawitzke!“. Er imitierte gerne Kinderstimmen und rief bei jeder Frau, die zu Besuch kam: „Hast du schöne Beine!“ Christel Fabig lacht. „Beos schnappen irgendwelche Sätze auf und merken sie sich ihr Leben lang. Die kriegt man nicht mehr raus.“

Mehrere der äußerlich eher unscheinbaren Vögel hatten sie seither. Auch ein Paar war dabei, das ihnen Nachwuchs bescherte. Benno und Lieschen. Kamen beide ins Plaudern, hatten sie die tollsten Dialoge. Benno rief: „Akohol, Alkohol!“ Lieschen: „Der Kaffee ist fertig!“ Das erste Küken, das überlebte, war Oskar. Aber die Eltern lehnten ihn ab. Christel Fabig fütterte Oskar per Hand. Ihn großzuziehen, war ein Abenteuer. Sie führte exakt Buch. Acht Uhr früh vier Heimchen und getrocknete Ameiseneier, 9 Uhr 30: Käferlarven. Elf Uhr: halbe Weintraube. So ging das weiter, insgesamt zehn Mal am Tag.

Nichts ist vor ihrem Schnabel sicher

Nur gut, dass die Fabigs da schon beruflich zurückgeschaltet hatten, sie als Erzieherin, er als Ingenieur. Doch auch ausgewachsene Beos sind nicht nur die reine Freude. Oskar planscht im Wasserbecken, dass es nur so spitzt. Schleudert mit Gerda Kiwistücke wild umher, dann – im Fluge – schießt plötzlich ein dünner Strahl aus dem Hinterteil. Flüssiger als üblicher Vogelkot. Eben von Weichfressern. „Beos sind richtige Dreckschweine“, sagt Manfred Fabig. „Und superneugierig, nichts ist vor ihrem Schnabel sicher.“ Wie hält man es mit solchen Nervensägen aus? Vor allem, wenn sie im Winter in der Wohnung im Käfig leben – und täglich ihren Freiflug im Zimmer brauchen? „Man muss sie einfach toll finden“, sagen die Fabigs

Oskar hat zwei Mal die ganz große Freiheit ausprobiert. Beim ersten Ausflug schoss er schnell wie eine Brieftaube aus der Voliere und verschwand hinter der großen Trauerweide. 20 Suchzettel haben sie geschrieben und gehofft, dass er sich irgend jemandem mal wie gewohnt auf den Kopf setzt. Von Hand aufgezogen ist Oskar ja besonders zutraulich. Am nächsten Tag bekamen sie dann einen Anruf. Da sitze ein Vogel auf dem Baugerüst und fresse Bananenstückchen aus der Hand. Die zweite Eskapade war kürzer. Oskar flog alle Dachfirste der Straße ab, bis die Nachbarschaft komplett draußen stand und sein Treiben verfolgte. Dann kehrte er auf Manfred Fabigs Kopf zurück.

Einen Nachteil hat allerdings seine Anhänglichkeit. Henne Gerda, mit der er zusammenlebt, ist gerade total triebig. Aber Oskar will nicht. Von Hand aufgezogen, ist er zu sehr auf den Menschen fixiert. Tassen leer, Christel Fabig bringt die Kuchenplatte in die Küche. Hugo hopst im Käfig hin und her. Kein einziges Mal hat er heute sein Lieblingswort „Flitzpiepe“ gesagt. Vorführeffekt. Aber jetzt macht er den Schnabel auf: „Gute Nacht!“

Übrigens: Du möchtest Beo Hugo von Familie Fabig kennenlernen? Am Wochenende 25./26. Oktober ist er bei der Großen Vogelschau der Interessengemeinschaft Vogelfreunde Märkisch-Oderland in Hoppegarten bei Berlin dabei. Zu sehen ist die Schau im Gemeindesaal Hoppegarten, Lindenallee 14, Samstag und Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Keine Beos, aber Kakadus, Papageien und viele andere Vögel zeigt der Berliner Vogelclub Ornis am kommenden Wochenende 10. bis 12. Oktober bei seiner Jahresschau im Botanischen Garten in Dahlem. Geöffnet: jeweils 9 bis 17 Uhr.


Quelle: Der Tagesspiegel

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