Durch den Kiez

Anna König: "Ich liebe Regen und hasse Sonntage!"

Anna König:
Das Con Tho in Neukölln ist zwar vegan – mehr als Blumen durften wir aber trotzdem essen. Zur Foto-Galerie
Interessant, schön und mit einem Herz aus Gold: Das ist die Schauspielerin Anna König, die uns mit ihrem preisgekrönten Film "Die Hannas" begeisterte. Die Wahl-Kreuzbergerin redet mit uns über Authentizität, ihre Hörbuchsucht und das Frauenbild der Filmbranche.

Wir sind wie zu erwarten viel zu früh am verabredeten Treffpunkt – es ist kalt und wir freuen uns auf einen warmen Platz im Café. Aber als Anna König, sprühend vor guter Laune und Energie, auf uns zusteuert, schlägt sie vor, gleich über den Markt am Maybachufer zu schlendern. Den findet sie so „heimelig und gemütlich, weil er mich an die Märkte in London erinnert“. Spazierengehen macht ihr sowieso viel mehr Spaß, als nur im Café zu sitzen. „Ihr erlebt jetzt sozusagen das Berlin, das ich meinen Freunden immer zeige“, so Anna. Denn mit denen würde sie auch immer gerne über den Markt schlendern.

Lebensmittel kauft die lebenslustige Schauspielerin allerdings meist lieber im Biomarkt – immerhin kocht sie nicht nur im Film Die Hannas gerne, sondern auch privat ist es ihre Leidenschaft. Zusammen mit ihrem Freund betreibt sie deswegen das Projekt Der Ultimative Kochblog, in dem das Pärchen leckere, bunte und gesunde Gerichte zum Nachkochen zaubert. Sogar ein eigenes Kochbuch haben die beiden schon veröffentlicht. „Ich komme aus einer sehr essbegeisterten Familie. Kochen bedeutet für mich Inspiration und Entspannung. Sogar während Drehs koche ich fast jeden Tag, und wenn es nur was Klitzekleines ist. Das hilft mir runterzukommen“, erzählt sie. Ihre Kochkünste hat Anne vor allem von ihrer Mutter und auch ihrer Oma gelernt, die während des Zweiten Weltkrieges überall in Europa als Hausmädchen und Köchin gearbeitet hat und deshalb wahnsinnig gut kochen konnte.

Lecker Lakritz? Naja, die Frage spaltet die Gemüter. Anna liebt die schwarze Leckerei.

Guilty Pleasures und die harte Wahrheit

Seit zwei Jahren lebt die 37-jährige Schauspielerin nun in Berlin, davor wohnte sie mit ihrem Freund drei Jahre lang in London. Wegen der gestiegenen Sicherheitsbedingungen war das Pendeln aber irgendwann zu anstrengend. Vermisst Anna etwas an London? Sie macht eine nachdenkliche Pause: „Ich vermisse es, dass die Menschen dort so wahnsinnig freundlich und zuvorkommend sind. Ich habe oft das Gefühl, dass Deutsche ein wenig an Wahrheits-Tourette leiden – egal ob es was bringt oder nicht, man muss die Wahrheit sagen. Die Engländer dagegen machen sich mit sogenannten white lies, also gut gemeinten kleinen Lügen, das Leben schöner und einfacher, indem man nett miteinander umgeht.“

Schlussendlich hat es die gebürtige Pfälzerin aber wieder in ihre Wahlheimat Berlin zurückgezogen. Auch früher wohnte sie schon einige Jahre in Berlin, und zwar im Prenzlauer Berg, aber da könne sie heute nicht mehr leben. Warum wurde genau Kreuzberg ihre neue Heimat? „Weil ich es hier schön finde und gerne am Wasser wohnen wollte. Kreuzberg ist einfach eine gute Mischung aus Schönheit und Wildheit und es fährt hier meine heißgeliebte U8„, so Anna, während wir am Paul-Linke-Ufer durch den Matsch stapfen. Vor allem wenn es dunkel ist, geht sie gerne hier spazieren: „Ich bin nämlich ein heimlicher Spanner“, sagt sie lachend, während wir durch den schlammigen Weg stapfen: „Ich find es wahnsinnig spannend, wenn man abends hier langgeht, in die Wohnungen gucken und sich alles anschauen kann. In London bin ich am liebsten oben im Doppeldecker gesessen und da konnte man direkt in die Wohnungen und Leben der Menschen reingucken.“ Am Ufer holt sie sich gerne noch schnell einen Kaffee zum Mitnehmen im Concierge Coffee – aber nur mit eigenem Thermobecher.

Lebe lieber ungewöhnlich

So viel Ehrlichkeit gefällt uns gut. Aber Anna König ist eben herrlich unkonventionell – sie mag keine Sonntage, dafür aber Regen. Sie kocht ihrem Freund jeden Abend ein leckeres Essen „wie ein Hausmütterchen“, ist aber überzeugte Feministin und #Metoo-Verfechterin – ihr Freund darf als Geschlechter-Ausgleich dann das Nähen, Bügeln und Handwerken übernehmen. Denn das ist auch eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen für ungeliebte Sonntage: auf Flohmärkten stöbern und dann mit ihrem Schatz zusammen neue Möbel für die Wohnung zimmern. Ihr Geheimtipp ist der Flohmarkt am Ostbahnhof: „Viele Ostberliner, die schönes altes Zeug zu einem guten Preis verkaufen“, sagt die Hobbybastlerin.

Mit ihrem Freund ist Anna schon seit über 10 Jahren glücklich zusammen. Im Film Die Hannas zerbricht die dort gezeigte Langzeitbeziehung am Ende an der Routine und zu wenig Abwechslung. Was ist Annas Geheimnis für eine glückliche Beziehung? „Ich bin viel weg, womit wir nie in einen Alltagstrott verfallen, es ist für uns nach 10 Jahren immer noch das Schönste einen Abend nur zu zweit zu verbringen. Ich glaube, das Geheimrezept ist, dass man immer fast selbst aufopfernd das Beste für den anderen möchte. Wenn das beide wollen, hat man ein ziemlich tolles Leben!“, so die 37-Jährige.

Langweilig wird es mit dieser Powerfrau bestimmt nicht so schnell. Ständig ist sie am herumalbern und macht Witze, zitiert dann aber plötzlich reihenweise klassische Gedichte von Rilke, Ringelnatz oder Brecht. Auswendiglernen ist sowieso eine von Annas Stärken. „Wenn ich gerade richtig drin bin mit Auswendiglernen und dabei ein Hörbuch höre, dann lerne ich manchmal einfach weiter, bis das Hörbuch zu Ende ist“, sagt sie. Bei ihrer Hörbuch-Sucht ist es nur logisch, dass sie auch schon einige selbst eingesprochen hat, zum Beispiel Der Tagträumer von Ian McEwan. Drehbücher proben muss sie trotz ihres guten Gedächtnisses aber trotzdem – ein „Privileg“, das nur ihr Freund genießt und das er schon auch mal telefonisch übernehmen muss.

An Selbstbewusstsein mangelt es der passionierten Schauspielerin auf jeden Fall nicht – denkt man: „Eigentlich bin ich schüchtern. Und deswegen ist es eine echte Herausforderung für mich, öffentlich oder im Radio zu sein. Aber das hier gerade ist ja wie unter Freunden“, gesteht Anna lachend. „Meine Aufregung ist lustigerweise mit den Jahren mehr geworden. Aber nicht beim Schauspiel – das ist ein Handwerk, das ich gelernt habe. Ich könnte sogar mit Mads Mickelsen drehen – den ich verehre – und das wäre nicht so schlimm, wie über den Roten Teppich zu laufen oder in einer Livesendung zu sein“. Aber warum? „Weil ich da ich selbst sein muss. Viele sagen, sie spielen in der Öffentlichkeit eine Rolle, aber das finde ich, macht keinen Sinn. Ich möchte nicht irgendwas vorspielen müssen“, sagt sie.

Anna zeigt uns die schönen Ketten im Laden "Dunkelblaufastschwarz".

Entscheidungskriterium: Kleidergröße statt Talent

Schauspielerin wollte Anna schon immer werden. Ihre Begeisterung zeigte sich vor allem beim Nachspielen ihres Lieblingsfilms Harold & Maude von Hal Ashby: „Dieser Film hat mich nachhaltig inspiriert und ich lag nicht selten als Teenager mit Blutkapseln totspielend bei uns zu Hause rum„, so die passionierte Kinogängerin. Ihre wahre Leidenschaft galt allerdings lange Zeit nicht dem Film, sondern dem Theater, wofür sie eine Ausbildung in Zürich machte. Aber auch im Theater ist ihr zufolge vieles nicht immer so perfekt, wie es scheint: „Ich liebe das Theaterspielen, da liegen meine Wurzeln. Aber ich habe dort ein Machtgefüge erlebt, das für mich nicht mehr ganz gestimmt hat“, so Anna.

Die Oberflächlichkeit der Filmbranche beschäftigt Anna König sehr und sie selbst nervt die Schublade, in die sie automatisch gesteckt wird: „Früher haben die mir immer gesagt: Du bist so ein besonderer Typ. Und ich hab irgendwann geschnallt – weil ich keine Größe 34 hab, das ist der besondere Typ“, sagt sie. Sogar, dass sie eher der Kumpeltyp als der Liebhaber sei, musste sich die Frau mit dem ansteckenden Lachen anhören. Sie selbst glaubt aber trotzdem fest daran, dass sich an den bestehenden Verhältnissen der Filmbranche etwas ändern kann: „Ich glaube, am Anfang habe ich keine Jobs bekommen, weil ich ein bisschen dicker bin, dann habe ich Jobs bekommen, genau weil ich nicht die Modelmasse habe und jetzt ist die Zeit, wo ich endlich auch Rollen unabhängig von meinem Gewicht angeboten bekommen.“

Die Hannas ist ihrer Meinung nach auch ein Film, in dem dieses Rollenklischee umgedreht werde – darin zeigt sie mit Sinnlichkeit und Charme, dass man auch ohne Größe 34 eine Verführerin sein kann. Die Hannas ist bisher Annas Lieblingsfilm unter ihren Projekten, weil da sehr viel von ihr selbst drin stecke. „Wir haben viel improvisiert im Vorfeld, so entstanden auch ein paar Ideen für den Film. Da viele vom Team und den Schauspielern schon Das Floß zusammengedreht hatten, war da gleich eine gemeinsame Sprache. Es war ein sehr intensiver und anstrengender, aber auch inspirierender und besonderer Dreh, an den ich wahnsinnig gerne zurückdenke“, erzählt Anna. Der Impro-Film spielt übrigens nur im Wedding und die Kreuzbergerin fand es toll, den Wedding mal richtig kennenzulernen. „Der Bezirk ist so schön schräg – es ist  herrlich, was man da auf dem Leopoldplatz erlebt“, sagt Anna begeistert.

Kochen für mehr Selbstbestimmung

Keine Frage, Anna König liebt ihrer Job und übt ihn mit Herzblut aus. Und manchmal würde sie am liebsten alles hinschmeißen: „Ich habe auch schon mit der Schauspielerei gehadert und dachte, es sei eine gute Idee ungelernt als Köchin zu arbeiten …“ So bewarb sie sich in einer Phase der Frustration wirklich als Köchin und begann in einem Berliner Café zu arbeiten. Doch es war nicht so romantisch wie angenommen, gibt Anna zu: „Ich dachte, ich kann gemütlich backen und dabei Hörbücher hören.“ Die extremen Arbeitszeiten in der Gastronomie und der ganze Stress waren nicht ihr Ding. „Ich war noch nie in meinem Leben so fertig. Ich bin dann gerne wieder schauspielern gegangen“, so die 37-Jährige lachend. Kochen tut sie aber weiterhin gerne: „Den Blog habe ich unter anderem auch angefangen, um ein bisschen selbstbestimmter zu sein, weil man in der Filmbranche ja oft auch nur als Ausführende gesehen wird. Man ist von anderen abhängig überhaupt arbeiten zu dürfen. Darum ist es eine herrliche Zweitbeschäftigung, die Spaß macht, aber niemals das Schauspiel ersetzen wird!“, so Anna.

Das Projekt "Refugio Café" liegt Anna besonders am Herzen.

Ein Publikum hat Anna König auch im echten Leben sofort. Sie ist eine Persönlichkeit, die einen schnell für sich gewinnt: mit Herzlichkeit, Offenheit und Humor. Und das, obwohl sie abseits des Jobs gar nicht im Rampenlicht stehen will: Sie nimmt sich selbst nicht so ernst, aber die Menschen um sich herum dafür umso mehr. Wenn Anna vorbei kommt, ist die Freude überall groß. Das merken wir in ihren vielen Lieblingsläden im Kiez, wo die Besitzer sie bereits kennen, sofort freudestrahlend auf uns zu kommen und sie überschwänglich begrüßen. Im Dunkelblaufastschwarz, wo wir Hüte anprobieren, beim Lakritzenaschen im Kadó, beim Weinverkosten in der Weinhandlung von Eisen oder beim Bestaunen der ausgefallenen Deko im House of Dotcity, von der Anna sagt: „Jedes Mal zu Weihnachten wünsch ich mir etwas aus diesem Laden. Ich liebe es, ich könnte jedes einzelne Stück da drinnen kaufen.“

Anna will neben ihrem Lieblingsbuchladen Die Buchkönigin, der tolle, feministische Literatur hat, auch noch unbedingt schnell im Refugio vorbeigucken, weil sie das Projekt so toll findet. Dort leben und arbeiten seit zwei Jahren Geflüchtete, außerdem gibt es ein Sprachcafé und verschiedene Veranstaltungen. Am Ende des Interviews merken wir, dass wir gar nicht alle unsere Fragen los geworden sind – denn Anna will nicht immer nur über sich selbst reden, sondern ist auch auf den Fotografen und mich neugierig und quetscht uns aus: Woher kommst du denn? Welche Kamera hast du da, kannst du eine empfehlen? Und so quatschen wir so entspannt, dass wir fast die Zeit vergessen: denn Anna hat später einen Termin. Sie muss noch aufräumen, denn der Tagesspiegel kommt vorbei und dann soll sie Gedichte vorlesen – diesmal leider kein Rilke.

Am 25. Februar ist Anna König auch in der ZDF-Komödie „Lügen, die von Herzen kommen“ zu sehen.

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