Berliner Nachtleben

Schluss mit lustig

Im Watergate trudelt der Großteil der Besucher erst weit nach Mitternacht ein. Die tatsächliche Ankunftszeit verzögert sich in der Schlange oft um eine weitere Stunde.
Im Watergate trudelt der Großteil der Besucher erst weit nach Mitternacht ein. Die tatsächliche Ankunftszeit verzögert sich in der Schlange oft um eine weitere Stunde.
Das Berliner Nachtleben macht es einem nicht leicht: Wer mitmachen will, muss seine Tage opfern. Spät losziehen und noch später Spaß haben lautet das Motto der Bars und Clubs in der Hauptstadt. Unsere Autorin setzt sich für die Sperrstunde ein.

Liebe Verwaltungsangestellte und Veranstaltungsmacher, ich bin am Ende meiner Kräfte und möchte um Hilfe bitten! Vor Kurzem erst hat es mich zurück in die Hauptstadt verschlagen und ich wurde komplett überrumpelt: Mir war entfallen, wie sehr sich das Berliner Nachtleben darum bemüht, einem den Schlaf zu rauben. Jede Nacht stehen bekannte DJs hinter den Plattentellern, es werden alle nur erdenklichen Getränke angeboten (seit einigen Monaten gerne mit Rhabarber), es gibt Schaumkanonen, Club-Labyrinthe und Non-Stop-Feierei. Die Berliner Nächte kennen kein Ende.

Schuld an der Misere ist Heinz Zellermayer. Der Gastwirt überzeugte alliierten Mächte gegen Ende der 40er Jahre davon, die Sperrstunde abzuschaffen. Das brachte den Stein ins rollen. Heute hat es keinen Sinn, vor 12 Uhr in der Nacht eine Bar zu besuchen, Clubs lohnen frühestens ab zwei. Und weil sich der Körper natürlich ausreichend erholen muss, verschiebt sich der Partybesuch am nächsten Abend erneut um eine weitere Stunde nach hinten. Man wird also zum Durchhalten gezwungen, vor Mitternacht verharrt Berlin im Standby-Modus.

Schreckgespenst der Nacht

Auch ich lerne, mich zu gedulden und hüpfe mit Ringen unter den Augen durch die Torstraße, wenn der Bäcker seinen sonntäglichen Brötchenverkauf bereits wieder einstellt. In der U-Bahn erschrecke ich Kinder und ihre Familien auf dem Weg zum Picknick im Park mit verwischtem Kajal und wilder Mähne. Sonne und Vögel rauben wiederrum mit selbst den letzten Nerv. An den Samstagen erwache ich zur Sportschau und am Sonntag wird beim Tatort gefrühstückt.

Gerne würde ich meine Wochenenden anders verbringen. Den Markt an der Ecke habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Dort gibt es saftigen Schinken aus Italien und farbenfrohe Frühlingsblumen. Doch nicht für mich. Auch der Sonntags-Brunch mit Freunden und Fahradfahren im Umland sind nurmehr ferne Wunschträume. Der Sommer zieht nachts an mir vorbei und ich sehne mich nach einer Sperrstunde.

„Wir sind in Berlin“, werden solche Forderungen nach kontrolliertem Vergnügen verächtlich abgeschmettert. Als würde ein früher Start in die Nacht von Spießigkeit zeugen! Die ersten wilden Nächte meines Lebens erlebte ich in Brighton. Welch wonnevolle Zeit! Schon eine Stunde vor Mitternacht schlossen in dem englischen Städtchen die Pubs, mit etwas Glück und dem Vertrauen des Besitzers befand man sich noch darin.

Das „Lock-In“ war ein Vertrauensbeweis und machte die Nächte unberechenbar. Das Ende stand einem jederzeit vor Augen, gerade deshalb konnte man die späten Stunden um so mehr genießen. Um zwei Uhr trat man vergnügt den Weg nach Hause an. Die Nächte umfingen die Feiernden einladend und man sprang ins Meer und genoss den Ausblick von den Klippen. Niemand hatte Eile und jeder durfte sicher sein, am nächsten Tag trotzdem noch etwas erleben zu können.

Stadt ohne Geheimnisse

Deshalb mein Appell: Berlin, lass dich nicht so leicht einnehmen, mach dich rar! Nimm dir ein Beispiel an Sankt Petersburg: Hier werden die Brücken im Verlauf der Nacht hochgezogen. Wer in einem Stadtteil jenseits der Neva wohnt, sollte sich einen Plan zurechtgelegt haben. Jederzeit nach Hause, das geht hier nicht. Auch in New York, Paris und London droht beständig das Ende der Nacht, nur Berlin kann nicht genug bekommen. Allein die kostenlosen Pendelbusse zwischen Watergate und Ritter Butzke fehlen noch, um das Nachtleben in der Hauptstadt völlig auszuschlachten.

Hat Berlin eventuell einen Minderwertigkeitskomplex? Sollen späte Partys Mieterhöhungen und Bauboom ausgleichen? Will Berlin sich wenigstens eine schmutzige Seite bewahren? Völker dieser Welt: Schaut auf diese Stadt! Wir feiern bis es nicht mehr geht und die Zeit kennt ab Freitagnacht keine Pflichten mehr.

Beängstigend, dass auch England nachzieht. Das Königshaus gab bereits das Ende der Sperrstunde bekannt. Sie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt worden, um die Moral für den ersten Weltkrieg zu stärken. Obwohl sie den Rückzug von der Sperrstunde beschloss, hat die Queen wohl selten einen nächtlichen Pub von innen gesehen. Berlins Regierung hat da mehr Erfahrung. Und genau deswegen sollte sich Herr Wowereit nicht scheuen, in Berlin das ende der unbegrenzten Nächte auszurufen. Tanzen und Tulpen, beides wäre dann möglich.


Quelle: Der Tagesspiegel

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