Ausstellung im Martin-Gropius-Bau

Baukunst der sowjetischen Avantgarde

Baukunst der sowjetischen Avantgarde
Ausschnitt aus Richard Pare, Schabolowka Funkturm, 1998. Er war das erste technische Großbauwerk, das nach der Revolution entstand und ist bis heute der größte Funkturm Russlands.
Faszinierende Bauten auf Fotos, Zeichnungen und Gemälden. Der Martin-Gropius-Bau zeigt in der Ausstellung "Baumeister der Revolution" Avantgarde-Architektur aus der frühen Sowjetunion.

Das Kulturhaus Rusakow mutet an wie ein Mix aus Kathedrale, Theater und Kathedrale. Entworfen wurde es Ende der Zwanziger Jahre vom sowjetischen Architekten Konstantin Melnikow. Mit seiner Größe, der Geometrie und den drei auskragenden Prismen wirkt es menschenabweisend. Und doch ist es für Menschen gebaut worden. Die Ausstellung „Baumeister der Revolution“ im Martin-Gropius-Bau in Kreuzberg zeigt Gebäude, die von der russischen Avantgarde nach der Oktoberrevolution für die junge Sowjetrepublik errichtet wurden: Gemeinschaftswohnanlagen, Arbeiterklubs, Fabriken und Kraftwerke. Sie sind bis heute faszinierend.

Die Revolution erforderte neue Gebäude

Die Ausstellung verbindet Architekturfotografien des Briten Richard Pare mit Archivaufnahmen aus dem Schtschussew-Museum für Architektur in Moskau. Dazu kommen herrliche konstruktivistische Zeichnungen und Gemälde von El Lissitzky, Ljubow Popova, Rodchenko und anderen Avantgarde-Künstlern. Beim Anblick der Fotos schwankt man zwischen Bewunderung und Ratlosigkeit. Da es den bolschewistischen Arbeiter nicht mehr gibt, ist da auch niemand, der noch recht in die Gebäude passen würde. Was macht man also mit dem Erbe? Die Frage, welche Räume Gesellschaft heute benötigt, wird sowohl in Russland als auch in Deutschland oft genug ideenlos beantwortet oder gar nicht gestellt.

Melnikow plante das Kulturhaus für die städtischen Arbeiter Moskaus als Multifunktionswunder. In die Auditorien passten 1200 Menschen. Es ist wohl auch eine Reaktion auf die Kritik von Leo Trotzki, der bemängelte, dass auf Propaganda ausgerichtete Arbeiterklubs im Durchschnitt nur von 13 Personen am Tag aufgesucht würden. Daraufhin überschlugen sich junge Architekten mit Lösungen, wie Bildung, Sport und Kultur in einem Gebäude zu vereinen seien. Die Revolution erforderte neue Gebäudetypen. Die Ausstellung zeigt eine riesige Bäckerei des Bauingenieurs Georgi Marsakow, der auch die Backmaschine selbst konstruierte. Die Großbäckereien entstanden damals, um die Frauen von zeitraubenden häuslichen Pflichten zu befreien.

Die Narkomfin-Gemeinschaftswohnanlage ist mit ihrer freien Fassade und den Stahlbetonpfeilern von Le Corbusier inspiriert. Kleine Wohneinheiten, Speisesäle, ein Extrablock für Kinder, Sporthalle und breite Flure für soziale Kontakte sollten dem Gemeinschaftssinn dienen. Viele dieser Ideen sind auch aus heutiger Sicht noch hervorragend.

Ursprung der Werke

Ohne den britischen Fotografen und Kurator Richard Pare wären sicher nicht so viele dieser bemerkenswerten Gebäude dokumentiert worden. 1993 reiste er zum ersten Mal nach Moskau und fotografierte im Laufe der nächsten Jahre überall im Land die Bauten der Avantgarde. Oft stahl er sich in die Gebäude hinein, Jahre später griff ihm bei seiner Arbeit auch das russische Kulturministerium unter die Arme.

In der bildenden Kunst hatte das Experimentieren mit neuen Formen, Volumina und Materialien in Russland schon einige Jahre zuvor begonnen und sich dann in der Euphorie der Revolution auch auf die Architektur ausgedehnt. In den in Öl gemalten „Raum-Kraft-Konstruktionen“ von Ljubow Popowa oder den propagandistischen Zeichnungen von Gustav Klutsis ist dieselbe Dynamik spürbar wie in den futuristischen Gebäudekonstruktionen der Zeit, auch wenn sich diese Brüder im Geiste in der Ausstellung teils etwas fremd gegenüberhängen. Ein Angestellter der griechischen Botschaft in Moskau namens Costakis hat die Zeichnungen von 1947 bis 1977 gesammelt. Damit hat er die weltweit größte Sammlung russischer Avantgarde-Kunst zusammengetragen. Die Bilder sind eine Leihgabe aus dem Staatlichen Museum für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki.

Absurde Rekonstruktionen sind beliebt

Noch gibt es in Russland keine qualitativ hochwertigen Renovierungen der Avantgarde-Architektur. Aus einer alten Busgarage von Melnikow ließ die Freundin des Billionärs Roman Abramovic ein Privatmuseum bauen – und totsanieren. Irrwitzige Rekonstruktionen sind beliebt. Ein Sinnbild für die Entwicklung der russischen Moderne steht am Eingang der Ausstellung: Wladimir Tatlins Monument für die Dritte Internationale – das wohl berühmteste Bauwerk, das nie gebaut wurde. Stalin übernahm 1932 die Kontrolle und setzte der Ära der Avantgardisten ein abruptes Ende. Vielleicht ergeht es dieser Sowjet-Architektur ja wie einigen Künstlern zu Beginn dieses Jahrtausends. Sie wurden erst im Westen geschätzt und haben sich dann im eigenen Land einen Namen gemacht.

Die Ausstellung läuft noch bis 9. Juli, von Mittwoch bis Montag von 10:00 bis 19:00 Uhr


Quelle: Der Tagesspiegel

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

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Mittwoch bis Montag von 10:00 bis 19:00

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