Ateliergemeinschaft "studio.74" in Neukölln

Mein Schmuck, das Einschussloch

Gefasster Rippring von Verena Schreppel
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Seit Neuestem logiert eine Ateliergemeinschaft am Ende der Emser Straße in Neukölln. Mitsamt Farbklecksen, Lümmelsofa und wahrlich außergewöhnlichen Ideen.

Am Ende der Emser Straße, dort, wo der Spaziergänger sich abseits des Weges fühlt und nichts Sehenswertes mehr erwartet, haben drei Kreative einen gemeinsamen Arbeitsort geschaffen. „studio.74“ nennen sie ihre Ateliergemeinschaft. Wer nicht weiß, dass er sie hier findet, würde vermutlich vorbeigehen, ohne zu bemerken, was er verpasst. Die Schriftzüge an einem der breiten Ladenfenster künden von vergangenen Zeiten. „Schlittschuhverleih“ lässt sich dort lesen und „Schleiferei – Verkauf“. Doch ein Blick durch die Scheibe zeigt: Hier entsteht Kunst.

Gemaltes Kino

Gemälde von mehreren Quadratmetern Größe locken den Betrachter in den ehemaligen Laden. Die Bilder des Kanadiers Nam Nguyen zeigen schemenhafte Momente, die an verschwommene und verblasste Fotografien erinnern. Zum Beispiel eine Kinoszene in ruhigen Farbverläufen: Die Reihen der Sessellehnen sind zu erahnen, ein paar Hinterköpfe, die Leinwand – ohne Bild. Die Abwesenheit allzu kleiner Details gibt der Vorstellungskraft Raum. Auf den Böden eines Regals in der Ecke von Nguyens kleinem Reich drängen sich seine Arbeitsmaterialien. Weiter rechts lädt ein kleines, altersschwaches Sofa zum Verweilen ein. Der hölzerne Beistelltisch beherbergt ein abgegriffenes Buch, angefüllt mit Notizen.

Zwischen Sofa und Regal ein Türrahmen. In dem Raum dahinter malt Nico Heimann seine Bilder, bunt, abstrakt, zuweilen energisch: Dunkle Spritzer haben den Weg an die Zimmerdecke gefunden, der Stuck stört sich nicht daran. In einem Regal ruht ein schmaler Band des französischen Literaturtheoretikers Roland Barthes; schräg gegenüber, der Blick gleitet über Farbkleckse auf dem Boden, hat der Berliner aus der Uckermark hinter aneinandergelehnten Gemälden ein uraltes Fahrrad geparkt. Es ist Teil eines Sammelsuriums aus vielleicht nützlichen, vielleicht aber auch übriggebliebenen Gegenständen.

Manschettenknöpfe von Verena Schreppel

Ein Kontinent voll Geld

Bei der Dritten im Bunde, ihr Atelier geht rechts von dem des Kanadiers ab, gibt es keine Kleckse, keine Bilder und auch kein Fahrrad zu betrachten. Dafür frisches Laminat, einen Werkbank-artigen Arbeitsplatz und vor allem: Schmuck. Schrill glänzende Perlen und Edelsteine sucht der Gast allerdings vergeblich. Stattdessen stößt er auf bisher nicht Gesehenes. Und zwar vielfach. Damit die Designerin Verena Schreppel sich Zeit für ganz individuelle Vorführungen ihrer Kollektionen nehmen kann, vereinbaren Schmuckfetischisten am besten telefonisch einen Termin.

Beim Treffen in dem Atelier lassen sich dann Ringe aus geflochtenem Haar mit einem 750er Goldüberzug bestaunen (Kollektion „Zopf“). Versilberte Ohrringe aus Metallstückchen samt Einschusslöchern ebenso (Kollektion „Shot“, ab 150 Euro pro Paar). Wo die Erfinderin die Einschusslöcher herhat? „Ich habe Freunde, die beruflich mit Waffen zu tun haben“, sagt sie und verzichtet auf nähere Erklärungen. Oha. Wäre nicht verwunderlich, wenn im Nachbarraum demnächst eine Schießszene zu sehen wäre. Auf der Leinwand, versteht sich.

Zopf-Ring von Verena Schreppel

Doch die Frau mit dem kinnlangen braunen Haar kann auch anders. Sie hat beispielsweise eine Kollektion von Ringen in Form der Kontinente entworfen – riesig, extrem 3D, doch nicht allzu schwer (Kollektion „Take and Give“). Wer schon immer mal so viel Geld haben wollte, wie in ganz Lateinamerika hineinpasst, der bekommt hier einen Ring in entsprechender Gestalt, der komplett aus übereinandergeschichteten Geldscheinen besteht. Lokalpatrioten dürfen sich bei der diplomierten Produktdesignerin sogar Berlin an den Finger stecken, aus Silber oder elegantem Ebenholz und etwas kleiner als der Rest der Welt.

Ringe, die ihr Aussehen mit der Zeit völlig verändern

Besonders stolz aber ist die Ex-Hamburgerin, die seit fünf Jahren in Neukölln lebt, auf ihre „Rippringe“. Wenn sie morgens das Töchterchen ein paar Häuser weiter im Kinderladen abgeliefert hat, macht sie sich ans Werk: Gießt die Ringe, verpasst ihnen mittels Strickwaren eine feingliedrige Textur an der äußeren Oberfläche und überzieht sie mit einer weißen oder dunklen Gusshaut aus Silber. „Das ist das Besondere an den Ringen“, erklärt sie. „Durch das Tragen reibt sich die Gusshaut mit der Zeit ab. Das dauert Jahre. Der Ring verändert sein Aussehen langsam, aber stetig. Je länger man den Ring am Finger hat, desto mehr glänzt die Struktur an der Oberfläche.“

Gefasster Rippring von Verena Schreppel

Die Designerin trägt selbst eines ihrer Unikate. „Vor acht Jahren habe ich das gemacht“, sagt sie, als sie langsam über das schmale Schmuckstück streicht. Seine Oberfläche weist noch immer die kreuz und quer gerillte Textur von damals auf, doch schon abgeflacht. Die dunkle Farbe ist in einigen Ecken des Musters haftengeblieben, den Rest haben die Jahre abgerieben.

Da hat sich doch wahrhaftig ein Glanzstück aus einem scheinbaren Rohling herausgeschält. Ob das die drei hinter dem Schleiferei-Schriftzug auch schaffen? Man kann es ihnen nur wünschen. Und mal vorbeischauen, auf einer kleinen Entdeckungsreise am Ende der Straße.

Foto Galerie

studio.74, Emser Straße 74, 12051 Berlin

Telefon 0177-2403158

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Zopf-Ring von Verena Schreppel

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