Das Aufbau-Haus am Moritzplatz

Networking für Künstler und Kulturschaffende

Aufbau-Haus am Moritzplatz
Das Aufbau-Haus ist Hoffnungsträger: Es gibt verschiedenen Ideen Raum. Damit könnte der trostlose Kiez am Kreuzberger Moritzplatz einen Aufschwung erleben.

Eine Dönerbude war lange Zeit der einzige Grund, den Moritzplatz anzusteuern – einen Platz, auf dem eine geradezu biblische Ödnis herrschte, Peripherie inmitten der Stadt, ein Ort, dem nichts anderes blieb als Jahr um Jahr auf eine bessere Zukunft zu warten. Vielleicht hat die inzwischen angefangen. Seit dem Frühling 2010 ragt hier das Aufbau-Haus in die Höhe. Ein wenig abweisend wirkt es im ersten Moment. Dann aber fällt der Blick auf die einladend breite Treppe und hinauf zu einer öffentlichen Ladenstraße. Hinter der Fassade aus grauem Beton brummt das Leben: Neben dem namensgebenden Aufbau-Verlag logieren hier fast 50 Mieter, darunter Galerien, eine Kita, das Theater Aufbau Kreuzberg (TAK), ein Café und zahlreiche Geschäfte von Kreativen.

Am Beginn des Aufbau-Hauses, wie es sich nun präsentiert, standen verschiedene Ideen. Matthias Koch, der den Aufbau-Verlag im Jahr 2008 gekauft hat, erinnert sich: „Ich wollte ein Kreativzentrum schaffen, und ich suchte nach einem neuen Standort für den Verlag.“ Zur selben Zeit hörte Koch, dass der Materialgroßhändler „Modulor“ seinen Standort von der Gneisenaustraße in das ehemalige Bechsteinhaus am Moritzplatz verlegen wollte. Die Idee, sich zusammenzutun, war quasi folgerichtig. Koch, ursprünglich Deutschlehrer, verwaltet das Geld einer Erbengemeinschaft. Im Grunde ist er kein Verleger, sondern ein Geschäftsmann mit Hang zum Kreativen.

Das Aufbau-Haus als Treffpunkt für Künstler, jedoch nicht als Elfenbeinturm

Ein Ort der Vernetzung soll das Aufbau-Haus sein. Ein Ort, an dem Künstler nicht länger isoliert schaffen müssen. Die Idee erinnert an das Betahaus einige Meter weiter, in dem sich vor allem Einzelkämpfer aus den Medien vernetzen und zusammen eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Die Begegnung am Moritzplatz ist vorprogrammiert: Verlagsmitarbeiter, Clubgänger, Theaterbesucher, Literaturinteressierte und gewöhnliche Passanten treffen hier aufeinander. Im besten Fall inspirieren sie sich gegenseitig. Ein Elfenbeinturm soll aus dem Aufbau-Haus aber nicht werden, erklärt Architekt Roland Kuhn, vielmehr „eine bewusste Verschränkung von Kunst und Kommerz“.

Wie diese Vernetzung funktionieren kann, demonstriert das Beispiel „Coledampf’s“. Hier kann man nicht nur alles rund ums Kochen käuflich erwerben, sondern sich das Kochen gleich noch beibringen lassen. Oder einfach nur essen gehen, auf Basis regionaler Zutaten, versteht sich. Das regionale Prinzip wird auch mit dem Prinzessinnengarten auf der gegenüberliegenden Straßenseite verfolgt, wo Gartenfreunde seit Jahren der weltweiten Lebensmittelverschiffung eine Abfuhr erteilen, indem sie in der Stadt ihr eigenes Gemüse pflanzen.

Das Prinzip der Vernetzung beherrscht den Moritzplatz

Direkt daneben setzt die Künstlerin Susanna Kraus das regionale Prinzip um: Sie geht nicht mit ihrer Kamera hinaus in die Welt, sondern lässt ihre Modelle zu sich kommen, in die größte begehbare Großformatkamera der Welt. Negative gibt es nicht, jedes Bild bleibt zwangsläufig Unikat. Dieselbe Technik findet sich bei Passbildautomaten, darum steht auch einer vor dem Haus. Er scheint vollkommen aus der Zeit gefallen zu sein, ist jedoch genau deshalb ein Symbol für das Prinzip der Vernetzung, das ja ebenso gut wie räumlich auch temporär gedacht werden kann: als Vernetzung unterschiedlicher Zeitebenen.

Ein wahres Einzelstück ist auch die Galerie Kai Dikhas. Sie ist die erste Galerie in Deutschland, die ausschließlich Kunst von Roma und Sinti ausstellt. Die „Buchhandlung am Moritzplatz“ ist eine Verlängerung der Büchermeile Oranienstraße und trainiert jeden Tag den Spagat zwischen John Grisham und Walter Benjamin, und der Betreiber vom Café M1 vernetzt sich auf ganz eigene Weise: Er ist zugleich für die Gastronomie im Radialsystem verantwortlich.

Das Aufbau-Haus gibt dem Moritzplatz seine Fassung zurück

Das städtische Leben scheint also tatsächlich zum Moritzplatz zurückzukehren. Das wird auch Zeit. Es gibt den Platz seit dem 19. Jahrhundert, die Wohnhäuser standen hier dicht an dicht, Straßenbahnen kreuzten, es gab viele Gaststätten. Dann kam der Krieg und schließlich die Mauer, die nur wenige Meter weiter nördlich errichtet wurde. Der Platz wurde zum Ende der Welt, ein städtebauliches Loch bar jeder Fassung, reduziert auf die reine Verkehrsfunktion. Nur eine von vier Platzkanten der Gründerzeit überlebte. Jahrzehntelang sollte eine Autobahn hier entlangführen, was die Entwicklung besonders erschwerte.

Der Prinzessinnengarten war ein zögerlicher Versuch, mehr aus dem Platz zu machen. Das Aufbau-Haus jedoch ist der erste tatsächliche Schritt, ihm eine Fassung zurückzugeben. Es dehnt den belebten Teil der Oranienstraße nach Westen hin aus und die neue Lebhaftigkeit könnte abstrahlen bis zum Checkpoint Charlie und zur Kochstraße.

Für den Frankfurter Eichborn-Verlag wäre ist im Aufbau-Haus ebenfalls Platz, doch der Betriebsrat hat den Umzug abgelehnt. Matthias Koch bleibt optimistisch. Die Branche konzentriere sich, sagt er, und dass heute gar nichts mehr gehe ohne den Kontakt zum Publikum. Der lasse sich herstellen durch Open Mikes oder Lesebühnen. Berlin sei wie geschaffen dafür.


Quelle: Der Tagesspiegel

Aufbau-Haus, Prinzenstraße 85 F, 10969 Berlin

Telefon 030-48824119
Fax 030-49912437

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