Berlin, Friedrichshain, Kreuzberg [...]
Beklebte Verkehrsschilder

Kein Tag ohne Sticker

Kein Tag ohne Sticker
Schön bunt verzieren die Eintrittskarten zum Museum für Kommunikation diese Ampel. Leider sind sie auch eine Gefahr für den Verkehr: wenn sie direkt auf der Lampe kleben, zum Beispiel.
Abziehbildchen waren schon in jüngsten Kindertagen immer der Hit. Man kann damit alles verschönern: den eigenen Oberarm, Muttis Kommode, oder eben Straßenschilder. Früher waren Aufkleber nur auf den Masten zu Hause. Seit ein paar Jahren werden auch die Schilder an sich beklebt, was deren reflektierende Schicht angreift. Das wird gefährlich im Straßenverkehr – und teuer für die Bezirke.

In Pankow gibt es eine weitläufige Halle, die alles, was mit Verkehrsregelung zu tun hat, behaust. Es gibt Parkverbotsschilder, Schilder mit Pfeilen, Mo–Fr und Di–Do. Daneben liegen von A wie Amalienpark bis Z wie Zillertalstraße alle Straßennamenschilder. Irgendwo in diesem Schilderurwald findet man auch Silvia Seehagen, die Leiterin der Regiekolonne am Werkhof: „Alles wird mit Aufklebern beklebt.“ Manche sind so zugepflastert, dass die Reflektoren am Schild nicht mehr wirken. Damit werden Verkehrsteilnehmer gefährdet. Dann muss Seehagen die Auswechselung der Schilder veranlassen.

Jeden Tag ist es das gleiche Spiel und der Schilderberg schrumpft. So muss sich Sisyphus gefühlt haben: Rund um die Eberswalder Straße und in ähnlich frequentierten Kiezen blieben einige Schilder nicht einmal einen Tag frei von Aufklebern. „Und ist einer drauf, kommen schnell ganz viele andere hinzu.“

Ein kleiner Sticker zerstört ein ganzes Straßenschild

Zwischen 450 und 500 Verkehrs- und Straßennamenschilder sind es, die der Bezirk Pankow jährlich wechselt. Jens-Holger Kirchner (Grüne) attestiert, dass 350 der Schilderaustausche wegen mutwilliger Beschädigung stattfinden müssen. Die Sitte, das Schild an sich zu bekleben, sei noch nicht alt, findet Kirchner. Bis vor einiger Zeit seien nur die Pfosten beklebt worden. Sie waren eine Art schwarzes Brett, eine kostenfreie, wenn auch nicht legale Anzeigenfläche. Vor drei bis vier Jahren fing es an, dass „Meinungsäußerungen“ auf gedruckten Aufklebern ihren Aufschwung fanden. Diese Aufkleber nahmen dann ihren Weg von den Masten zusätzlich auch direkt auf die Schilder. „Gegen Kapitalismus, für Hertha BSC und den Tierschutz, alles ist dabei“, sagt Kirchner.

Wer sich selbst einen Aufkleber über das Internet bestellen will, muss nicht viel bezahlen. Der Kleber dieser Produkte ist oft nicht wasserlöslich. Mit chemischen Lösemitteln wird man des Aufklebers Herr, aber „die beschädigen die reflektierende Beschichtung der Schilder“ sagt Silvia Seehagen. Danach sind sie nicht mehr zu gebrauchen und müssen ausgewechselt werden. So wird in den meisten Bezirken verfahren. Die gebrauchten Schilder kommen in den Müll. Das wiederrum wird teuer für die Bezirke. Mit höchstens zehn Euro schlagen die einzelnen Straßennamensschilder am wenigsten zu Buche. Ein rot-weißes Dreieck (Vorfahrt beachten) bekommt der Bezirk für 14 Euro, ein Stoppschild kostet 32 Euro. Nur die Hinfahrt des Monteurs kostet den Bezirk bereits pauschal 44 Euro. Hinzu kommen die Kosten der Montage an sich. Wie viel für ein Schild gezahlt wird, spricht jeder Bezirk selbst mit dem Hersteller ab.

Die Lebenserwartung von Stickern schrumpft

Der Bezirk Mitte zahlt durchschnittlich 50 Euro pro ausgetauschtes Schild. Die Sachbeschädigung wird auch hier nicht auf die leichte Schulter genommen: „Die Halbwertszeit am Hackeschen Markt liegt bei einem Tag, dann sind die Schilder wieder beschmiert oder beklebt“, erörtert Andreas Zierach, Bauleiter Verkehrszeichen und -einrichtungen in Mitte. „Wo es Touristen gibt, wird geklebt.“ Doch die Vandalen könnten selten zur Rechenschaft gezogen werden, da sie fast nie bei der Ausübung der Tat erwischt werden. „Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, in dem wir Geld vom Täter bekommen hätten.“ Eine Statistik kann er für Mitte zwar nicht vorlegen, aber Zierach schätzt, dass der Wechsel der Schilder, wenn man alte und durch Unfälle beschädigte Exemplare mitzählt, ungefähr ein Drittel der jährlichen Gelder und somit über 100.000 Euro jedes Jahr auffrisst.

Unkenntlich gemachte Schilder werden von sogenannten Begehern gemeldet. In Friedrichshain-Kreuzberg sind drei unterwegs. Alle zwei Wochen gehen sie die größeren Straßen des Hauptnetzes ab, das Nebennetz wird alle zwei Monate begutachtet. Sonntagstraße, Simon-Dach- und Wrangelkiez sind auch ein Teil davon. Dort wird am meisten geklebt. Von den 6600 Schildern in Friedrichshain und Kreuzberg wurden letztes Jahr 260 ausgewechselt. Im Vergleich zu anderen Bezirken ist das nicht viel. Hier achtet das Tiefbauamt darauf, möglichst wenige der Schilder zu verschrotten und diese stattdessen zu reinigen. „Dafür geben wir jedes Jahr zusätzlich 3000 Euro aus“, erklärt der Fachbereichsleiter beim Tiefbauamt Friedrichshain-Kreuzberg, Helmut Schulz-Herrmann. Vereinzelte Fälle hätten auch aufgeklärt werden können. Drei Jugendliche seien nach ihrer Tat zur Sticker-Putzkolonne abkommandiert worden. „Aber das sind Tropfen auf den heißen Stein.“

Rettet die Straßenschilder!

Eine neue Anti-Graffiti-Beschichtung könnte Abhilfe schaffen. Laut Hersteller bleibt daran nichts haften. Nächstes Jahr soll das Produkt in Friedrichshain-Kreuzberg getestet werden. In Mitte ist man eher skeptisch. Andreas Zierach vom Tiefbauamt meint: „Die Schilder sind sehr teuer und man kann sie nicht im Nachhinein mit dieser Beschichtung überziehen.“ In Neukölln hat man ganz andere Sorgen. Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) klagt: „Die Schilder sind aus Metall. Sie werden wie Kupfer geklaut, weil man sie verkaufen kann.“ Eine Statistik zu den Diebstählen oder zu Vandalismus an Schildern gibt es auch in Neukölln nicht. Verfassungsfeindliche Motive werden sofort entfernt – in jedem Bezirk.

15 bis 20 Jahre lang kann ein Straßenschild normalerweise seinen Dienst leisten, meint Helmut Schulz-Herrmann vom Tiefbauamt Friedrichshain-Kreuzberg. Durch Aufkleber sind sie oft nur wenige Wochen im Einsatz. Einfach einen Sticker irgendwo draufkleben – „vielen ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass das echter Vandalismus ist“, mutmaßt Andreas Zierach. Die Bezirke können nur auf Einsicht hoffen – und bergeweise Straßenschilder mit bunten Bildchen verschrotten.

Wenn Sie sich für Aufkleber interessieren, könnte Ihnen auch unser Artikel über das weltweit erste Sticker-Museum gefallen: Ja, wo kleben sie denn?

Kein Tag ohne Sticker, Panoramastraße 1A, 10178 Berlin

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben

Kultur + Events | Wohnen + Leben

Top 10: Berliner Nörgelthemen

Berliner jammern gern. Und weil das Wetter und die lieben Nachbarn einfach zu wenig hergeben, […]