Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

"Fashioning Fashion": Modegeschichte

Detail eines Anzugs der Ausstellung "Fashioning Fashion" im Deutschen Historischen Museum
Das Deutsche Historische Museum zeigt derzeit die Ausstellung „Fashioning Fashion“ – eine historische Modenschau.

Ein Podest zeigt eine Reihe von Puppen in geschichtsträchtigen Herrenkostümen. Die letzte präsentiert einen Nadelstreifenanzug: ein klassischer Dreiknopf, mit fünf Taschen, gerader Hose und markanter Bügelfalte – praktisch und angenehm zu tragen. Der Vatermörderkragen am Hemd zwar ein wenig zu hoch und steif für die heutige Zeit, doch der Schlips würde in jedes Großraumbüro der Gegenwart passen. Hinter der Figur ist die Jahreszahl 1911 zu lesen. Im Vordergrund des Podestes hingegen steht Sharon Sadako Takeda vom Los Angeles County Museum of Art, die die Ausstellung „Fashioning Fashion“ kuratiert – in einem grauen Hosenanzug. Ihren Anzug und jenen auf dem Podest trennen einhundert Jahre, doch an der Männermode scheinen sie spurlos vorbeigegangen zu sein.

Ein historischer Herrenanzug, der eines Geschäftsmanns aus Zeiten des englischen Königs Edward VII., beeinflusst selbst Damenmode unserer Zeit. Den Männern auf den Podesten gegenüber stehen die Frauen. Sie hatten im Jahr 1908, modisch betrachtet, noch einen langen Weg vor sich. Das demselben Jahr entstammende Kleid betont stark eine S-Silhouette: flacher Bauch mit nach vorn geschobener Brust, zurückgedrückten Schultern und Gesäß, das durch die Tournüre, ein Gestell aus Fischbein und Stahl, unter dem Rock aufgebauscht wird. Der Saum berührt hinten den Fußboden, der Kragen umschlingt mit seiner Höhe den Hals. Derartige Kleidung ließ der Dame fast keinen Spielraum.

Ein Tenniskleid, das gar nicht zu erkennen ist

Direkt am Anfang des modischen Reigens im Deutschen Historischen Museum mit geliehenen Exponaten aus dem Los Angeles County Museum wird deutlich, dass Kleider dem gesellschaftlichen Wandel Ausdruck verleihen. Regine Falkenberg, die Projektleiterin des DHM, hat trotzdem vor allem diesen Wunsch: „Ein Augenschmaus soll die Ausstellung sein.“ Der Betrachter soll sich auf die Kleidungsstücke einlassen. Für politische Zusammenhänge gebe es später noch genug Zeit.

In der Dauerausstellung des Hauses wurden extra grüne Punkte als Weg zu weiteren 25 Objekten fixiert, die sich auf die aus Los Angeles stammenden Kleider beziehen und Erklärungen zu den Hintergründen der Modeentwicklung bieten. Der Herzogin Liselotte von der Pfalz beispielsweise quillt auf einer Malerei aus dem Jahr 1673 ein Bausch aus weißer Spitze aus der Kleidung: Die politische Beziehung zu ihrem Schwager, dem Sonnenkönig Ludwig XIV., war so vorteilhaft, dass sie Manufakturen für Spitze in Frankreich zum Herausgeben ihrer Handwerksgeheimnisse nötigen konnte.

Das Tenniskleid von 1885 zeigt, wie sich Damen Schritt für Schritt von Einschnürungen und Unmengen an Stoff befreien konnten. Das Stück scheint genauso einengend und massig wie die Mode für Frauen in der damaligen Zeit, nur etwas kürzer. Seinen Zweck würde der Mensch des Jahres 2012 nicht annähernd erkennen, würde sie nicht im begleitenden Heft genannt. Auf den Podesten sind zu Füßen der Puppen nur winzige Tafeln mit Nummern, die nicht darüber aufklären, dass dies ein Tenniskleid ist. Wer lediglich die Ästhetik genießen will, kann dies problemlos tun.

Befreiung von der Verpflichtung, 12 Röcke übereinander zu tragen

Darin zeichnet sich das Subversive der Ausstellung ab. Der Betrachter lässt sich von dem Schönen eines zierlichen Schattens begeistern, der einer Vogelvoliere gleicht, den jedoch eine Stahlband-Krinoline an die Wand wirft. 1855 war es befreiend für Damen, nicht länger zwölf Reifröcke übereinander tragen zu müssen, um den Vorgaben gerecht zu werden. Als Ersatz diente ein einziges Gestell aus Stahl, das den größten Luxus möglich machte, nämlich Röcke mit einem Saumumfang von acht Metern zu tragen. Ab sofort waren die Frauen nicht länger zu totaler Bewegungslosigkeit verdammt.

Die Kleidungsstücke sind genau so hoch positioniert, dass die Museumsbesucher auf die Mitte des Leibes sehen, wo sich die Schönheit am meisten entfaltet. Ähnlich einem Justaucorps, der dem heutigen Herrenjackett voranging und dem frühen 18. Jahrhundert entstammt, über und über mit Goldfäden bestickt, die allein ein Gewicht von 24 Kilo erreichen. Die Kleider sind nicht, wie in anderen Kostümausstellungen üblich, von den Besuchern durch gläserne Scheiben getrennt. Bob Verhelst, der Gestalter der Ausstellung, platzierte sie gerade mit der ausreichenden Entfernung, um sie nicht berühren zu lassen. Dass die Puppen auf dem Podest zwei Schritte zurückgesetzt platziert sind, wirkt noch in einer anderen Weise: Die schön beleuchteten Figuren mit ihren markanten Schatten scheinen sich auf dem Laufsteg getroffen zu haben, als stammten sie aus einem anderen Leben und würden einander nun berichten, wie es ihnen in den Kleidungsstücken ergangen ist.

Zu sehen ist die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, noch bis zum 29. 7. täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr.


Quelle: Der Tagesspiegel

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin

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Täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr

Deutsches Historisches Museum

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