Lilli Henoch, jüdische Sportlerin

Die Nazis nahmen ihr den Lebensinhalt und dann das Leben

Die Nazis nahmen ihr den Lebensinhalt und dann das Leben
Auf einer Gedenktafel am Askanischen Platz in Kreuzberg ist Lilli Henoch mit der Kugel zu sehen.
Lilli Henoch war eine der bedeutendsten Sportlerinnen der Zwanzigerjahre. Die Nazis ermordeten sie 1942. Im Rahmen der Makkabiade in Berlin wird an Lilli Henoch erinnert.

Der Sport, er hat Lilli Henoch so viel gegeben. Und Lilli Henoch hat dem Sport so viel gegeben. Wenn am 23. Juli vor dem Berliner Hauptbahnhof die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ beginnt, dann wird Lilli Henoch nicht fehlen. Die Ausstellung findet im Rahmen der jüdischen Europameisterschaften im Sport, der „European Maccabi Games“, statt. Diese werden vom 27. Juli bis zum 5. August erstmals in Berlin und damit auch erstmals in Deutschland ausgerichtet.

Vermutlich wird Lilli Henoch mit einer Kugel in der Hand abgebildet sein. Das Kugelstoßen nämlich war ihre Paradedisziplin. Und ganz sicher werden auch ihre Erfolge aufgelistet sein. Es sind Zahlen aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Zwischen 1922 und 1928 war Henoch vierfache Weltrekordlerin und zehnfache Deutsche Meisterin in Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung und der 4 x 100-Meter-Staffel. Bis in die Dreißiger Jahre hinein war sie zudem eine sehr erfolgreiche Handballspielerin.

Lilli Henoch war weltweit eine der bedeutendsten Leichtathletinnen der 1920er Jahre. Ihr Lebensinhalt war der Sport. Der Nationalsozialismus nahm ihr zuerst den Lebensinhalt und dann das Leben.

Am 5. September 1942 saß sie mit ihrer Mutter und über tausend weiteren Insassen im Deportationszug nach Riga. Wenige Kilometer vor der lettischen Hauptstadt hielt der Zug, alle Insassen wurden in ein Waldgebiet geführt und erschossen.

Aufarbeitung fand spät statt

Es hat lange gedauert, bis sich Deutschland dieser Sportlerpersönlichkeit erinnerte. Und mit großer Wahrscheinlichkeit ist es einem einzigen Mann zu verdanken, dass neben dem Tagesspiegel-Verlagsgebäude ein Lilli-Henoch-Sportplatz steht, dass es im Prenzlauer Berg eine Lilli-Henoch-Straße gibt und dass die Leichtathletikhalle des Sportforums in Hohenschönhausen ihren Namen trägt. Dort, wo Lilli Henoch einst gewohnt hat, im Bayerischen Viertel in Berlin, in der Treuchtlinger Straße, damals Haberlandstraße, liegt ein Stolperstein, der an sie erinnert.

Martin-Heinz Ehlert, Jahrgang 1931, war kein Historiker, als er sich Ende der 1980er-Jahre auf die Spurensuche nach Lilli Henoch begab. Er war einfach nur ein geschichtsinteressierter Mann – und er war Vereinsmitglied beim Berliner Sport-Club, dem Verein, in dem Henoch Mitte der Zwanziger Jahre ihre größten Erfolge feierte.

55 Jahre später war es Kurt Meyerhof, Vorsitzender des Berliner Sport-Clubs, der anregte, man könnte in der Vereinszeitung zumindest in einer Notiz an die einst so erfolgreiche Sportlerin erinnern. So erzählt es Martin-Heinz Ehlert. Aber eine Notiz als Erinnerung an die erfolgreichste Leichtathletin des Klubs? Das konnte nicht genug sein. Wer war diese Lilli Henoch? Ehlert, in dieser Zeit in der Bundesfinanzverwaltung tätig, gab Annoncen in den USA und in Israel auf. Es meldeten sich viele Zeitzeugen bei ihm, ehemalige Lehrerkollegen, aber auch Lillis Schwester Suse. Ehlert traf sie und schrieb die Geschichte von Lilli Henoch auf.

Der Sport machte Lilli Henoch lebendig

Anfang des 20. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als der Sport gerade für Frauen noch in den Kinderschuhen steckte, gab es für die kleine Lilli bereits nichts anderes. Sie stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die ein Sommerhaus in Königsberg besaß. Die Eltern sahen es gerne, wenn die Kinder am Klavier übten. Doch für Lilli war das Spiel mit den Tasten eine Qual. Irgendwann begann sie mit dem Bau einer Sprunggrube oder warf mit schweren Steinen. Sie war ein schüchternes Kind, der Sport aber machte sie lebendig. So berichtete es Suse Henoch im Jahr 1988 Martin-Heinz Ehlert.

Das Leben der Henochs war kein leichtes. Als Lilli 13 Jahre alt war, starb der Vater. Die Familie zog nach Berlin, wo Lilli dem Berliner Sport-Club beitrat. Henoch war die bekannteste Sportlerin des Klubs. In einem Jubiläumsartikel aus dem Jahr 1929 heißt es: „Wir sind alle ehrlich genug anzuerkennen, dass sich unsere im Kampf stehenden Damen fast immer mit vorbildlicher Treue geschlagen haben. Allen voran Lilli Henoch, die nicht weniger als 7 Deutsche Einzel- und 3 Deutsche Staffelmeisterschaften gewonnen hat. Überhaupt Lilli Henoch! Wenn jemals ein Beispiel an Klubtreue und Uneigennützigkeit gebraucht wird, dann ruft ihren Namen. Und die Luft muss rein um uns werden.“

Vier Jahre später, der Arierparagraph war soeben eingeführt worden, wollte der BSC mit dem Namen Lilli Henoch nichts mehr zu tun haben. Deswegen wurde er nur noch einmal notiert – in der Klubzeitung im August 1933 unter der Rubrik „Austritte bzw. Streichungen“. Lilli Henoch, ein Name, eine Legende. Gestrichen, kommentarlos.

Umzug unter Zwang in eine „Judenwohnung“

Dem Sport blieb Henoch aber treu. Sie wurde Turnlehrerin, unterrichtete unter anderem an der jüdischen Volksschule in der Rykestraße in Prenzlauer Berg. Das Leben der Lilli Henoch nach dem Pogrom von 1938 konnte Ehlert nur skizzenhaft nachzeichnen. Henoch musste zusammen mit ihrer Mutter im Mai 1941 in eine „Judenwohnung“ in der Kleiststraße zur Untermiete ziehen. Am 26. August 1942 unterschrieb sie dann die Vermögenserklärung – sicheres Zeichen für die kurz bevorstehende Deportation. Darin war als letzte Beschäftigung vermerkt: „Ernteeinsatz in Neuendorf“. Vermutlich war Henoch dorthin dienstverpflichtet worden.

Der Berliner Sport-Club benötigte lange, bis er sich zu seiner Vergangenheit und seiner Ausnahmesportlerin öffentlich bekannte. 2004 wurde das Frauensportfest des Vereins in Lilli-Henoch-Frauensportfest umbenannt. Der Name der dem Sport beispiellos verfallenen Lilli Henoch ist wieder ein Begriff in Deutschland. Es ist zuvorderst das Verdienst von Martin-Heinz Ehlert.


Quelle: Der Tagesspiegel

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