Wunderbar maroder Saal wird zur Möbelboutique

Vom Vintage verweht

Hinter dem sperrigen Titel steckt ein Raum voller anachronistischer Details: "Between Time - A Curated Showcase of Fine Furnishings and Art".
Hinter dem sperrigen Titel steckt ein Raum voller anachronistischer Details: "Between Time - A Curated Showcase of Fine Furnishings and Art".
Am Spittelmarkt - In der Wallstraße zwischen den U-Bahnstationen Märkisches Museum und Spittelmarkt liegt ein unscheinbares Wohngebäude, dessen verwitterter Saal bis jetzt Geheimtipp für Freunde von Vintage-Architektur war. Bis zur Sanierung nach dem 22. September können Besucher nun eine märchenhafte Kombination aus bröckelndem Ziegelstein und Designermöbeln erleben.

Das Gebäude gegenüber ist schon vor geraumer Zeit abgerissen worden, das heißt, an guten Tagen scheint nachmittags die Sonne durch die riesigen Fenster in den Saal des viergeschossigen ehemaligen Wohn- und Geschäftshauses. Das Gebäude mit der altmodisch verschnörkelten, aber gut verputzten Fassade in der Wallstraße 85 lässt von außen nur erahnen, was die Strahlen innen belichten. Der Saal drinnen ist weit und hell, es bröckelt Putz und Stücke Ziegelstein von den Wänden. Die grau-braunen Holzdielen wirken wie von einem dünnen Aschefilm bedeckt, hier und da blickt das hölzerne Gebälk durch die Decke. Im ersten Stock umringt eine schmutzig-edle Balustrade, ein metallenes Geländer, den Saal, doch die Treppe hinauf ist zerbrochen. Dass es hier einmal anders ausgesehen hat, ist mindestens dreißig Jahre her – in der DDR-Zeit wurde das 1870 errichtete Kleinod in Mitte mehr und mehr vernachlässigt. Seit geraumer Zeit gilt das äußerlich unscheinbare Gebäude der Wallstraße als Geheimtipp wunderbar verwitterterter Architektur.

Nun hat sich der Innenarchitekt Gisbert Pöppler des historischen Saals angenommen, um gerade diesen Vintage-Aspekt hervorzuheben. Filigran kontrastierend hat Erik Hofstetter seine Stoffe und Designmobiliar ins Setting eingearbeitet – im Raum entsteht Zeitlosigkeit, es fällt unmöglich, sich selbst und den Saal zeitlich zu verorten. Alles ist gleichzeitig  heruntergekommen und hochwertig, verwittert und designt, tot und lebendig. „Between Time“, so nennt sich der zeitlose Raum, wird damit gleichzeitig zur Kunstgalerie, zur exemplarischen Ausstellung hochwertiger Innenarchitektur, sogar zur Möbelboutique, schließlich kann man die Vintage-Einrichtung auch erwerben.

Bis zum 22. September kann man kostenlos zwischen Designermöbeln und bröckelndem Putz dem vergessenen 19. Jahrhundert nachsinnen. Danach wird der märchenhafte Ort grundsaniert.


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Vom Vintage verweht, Wallstraße 85, 10179 Berlin

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