Durch den Kiez

Johannes Krätschell: Herr Schlau-Schlau und sein Pankow

Johannes Krätschell: Herr Schlau-Schlau und sein Pankow
Johannes Krätschell (r., mit QIEZ-Redakteur Nikolaus Triantafillou) ist der perfekte Kiez-Guide. Hier zeigt er uns einen seiner Lieblingsbuchläden. Zur Foto-Galerie
Den Spitznamen, den er seinem Romanhelden verpasst hat, trug Johannes Krätschell früher selbst. Wir freuen uns, dass der Autor so viel über Pankow weiß und uns auf einem Spaziergang davon erzählt hat.

Als junger Mann „Herr Schlau-Schlau“ genannt zu werden, fühlt sich bestimmt nicht so schön an. Heute arbeitet der gebürtige Pankower Johannes Krätschell, Jahrgang 1976, bei einem Wissenschaftsverlag und hat vor Kurzem seinen Debütroman Herr Schlau-Schlau wird erwachsen veröffentlicht. Seine riesigen Kenntnisse über den heimischen Florakiez und Pankow teilt er gerne. Nichts gegen kluge Leute also!

Wir treffen uns mit Krätschell am Volkspark Schönholzer Heide, den der Autor für die ruhigeren Momente schätzt. In den 1940ern wurde das Gelände zum Vergnügungspark umgestaltet, erzählt er. Davon ist einzig der Rodelberg geblieben, auf dem sich Krätschell nach wie vor beim ersten richtigen Schneefall mit Freunden trifft. Heute begegnen uns auf dem Weg durch den Wald tatsächlich nur wenige Menschen; der Park ist also ideal für eine gemütliche Jogging-Runde oder einen erholsamen Spaziergang.

Ein Bücherschatz im Park

Im Anschluss flanieren wir durch das südwestliche Niederschönhausen, vorbei am Friedhof, auf dem unter anderem Schauspieler und Sänger Ernst Busch begraben liegt, und über den Heinrich-Mann-Platz. Im Bürgerpark ist deutlich mehr los. Wir überqueren die Panke und Johannes Krätschell weist uns auf eine Rarität hin: Es gibt hier tatsächlich eine Parkbibliothek, wo er auch immer gerne selbst was ausleiht. Wer keinen eigenen Lesestoff dabei hat, kann sich am Rand des Parks kurz entschlossen etwas ausleihen und sich damit auf die Wiese setzen. Die Bibliothek gehört zum Café Rosenstein, das ebenfalls in dem Flachbau residiert.

Versteckt hinter Bäumen: die Parkbibliothek des Bürgerparks Pankow, im Café Rosenstein.

Man merkt, der Schriftsteller und studierte Historiker geht auch in der Rolle als Stadtführer auf. Krätschell weiß, wo der Erfinder der Thermoskanne wohnte (Wilhelm-Kuhr-Straße 3), wo noch auf ursprüngliche Art gebacken wird (Museum Bäckerei, Wollankstraße 130) oder wo man das nicht gentrifizierte Pankow kennenlernen kann (Rathaus Center). Die unübersehbare Gentrifizierung nennt Krätschell eine „Frage des Maßes“. Was er ablehnt, ist, dass Menschen sich ihren Wohnort nicht frei, sondern nur nach Höhe ihres Einkommens aussuchen können. Gegen Durchmischung und Veränderung an sich hat er nichts. Sehr deutlich äußert sich er sich zur Offenhaltung des Flughafens Tegel: „Ich kenne niemanden in Pankow, der dafür ist.“

Die Gentrifizierung schwebt auch über Krätschells Roman. In dem geht es allerdings in erster Linie um den Neustart eines emotional abgestumpften Bücherwurms. Herr Schlau-Schlau ist irrsinnig belesen und daraus zieht er auch seine Lebenserfahrung, doch für die Realität in Pankow ist diese absolut unzureichend. So wirft es ihn ziemlich aus der Bahn, als seine Eltern ihm eröffnen, alleine in die Uckermark ziehen zu wollen.

Eine Leseratte bekommt den Reality Check

Herr Schlau-Schlau hat einen Job und findet sogar eine Wohnung, doch normale zwischenmenschliche Beziehungen muss er erst einmal lernen. Zum Glück gibt es seinen neuen Nachbarn Hupe. Der klingelt einfach an der Tür und bringt den Protagonisten mit Leuten aus Schichten in Kontakt, mit denen er noch nie in seinem Leben zu tun hatte. Johannes Krätschell bringt den Lernprozess sehr schön auf den Punkt: „Manchmal ist die spannendste Welt direkt vor der Tür. Du musst sie nur aufmachen und die Leute an dich ranlassen.“ Dieser Grundgedanke ist natürlich nicht nur in Pankow gültig. Somit ist Herr Schlau-Schlau wird erwachsen für den Autor zwar „eine Hommage an einen Berliner Kiez – die Geschichte könnte aber auch in Potsdam, Hamburg oder Köln passieren.

Pankows älteste Kneipe, die "Eiche" an der Wollankstraße: Flugzeugbeobachtung inklusive.

Das „alte“ Pankow ist im Roman noch nicht verschwunden, es wirkt aber dennoch mit Krätschells Worten wie „eine verlorene Welt“. Ein verbitterter Nostalgiker ist Johannes Krätschell aber beileibe nicht. Er mag seinen Kiez nach wie vor, schwärmt etwa von tollen Buchläden wie Pankebuch oder Buch Disko. Eines findet er aber verbesserungswürdig: Pankow sei noch weitgehend „kulinarische Diaspora“.

Ausnahmen seien die Tapas-Bar Esstilo oder das bulgarische Restaurant BIP. Besser sieht es mit Kneipen aus: Zum Abschluss zeigt uns Johannes Krätschell das angeblich älteste Exemplar Pankows, die Eiche auf der Wollankstraße. Ihm zufolge treffen sich hier seit drei bis vier Jahren der Alt-Pankower mit dem Zugezogenen. Für Krätschell fühlt es sich an wie ein „verlängertes Wohnzimmer“.

Herr Schlau-Schlau wird erwachsen ist bei Periplaneta erschienen. Weitere Informationen findest du auf dem Blog des Autoren.

Foto Galerie

Zur Eiche, Wollankstr. 127, 13187 Berlin

Telefon 030 49906697

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