Balkan Mix

Brüder auf Beton

Brüder auf Beton
Das Berliner Straßenfußball-Team Balkan Mix, vorne Gründer Sanel Begzadic.
Pankstraße - Vom Berliner Problembezirk Wedding zur Straßenfußball-Weltmeisterschaft nach Dubai: Sanel Begzadic kam als Flüchtling aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland und gründete hier Balkan Mix. Mit anderen Flüchtlingen spielt er Fußball auf Profiniveau - auf Beton.

„Auf Beton musst du wissen, wer du bist und was zu kannst“, sagt Sanel Begzadic. Besonders dann, wenn der Fußballkäfig, in dem gespielt wird, im Berliner Problembezirk Wedding steht. Die Kriminalität in diesem Stadtteil ist hoch, der Migrantenanteil auch, viele Menschen haben keine Arbeit, die Schulen sind häufig schlecht – trotzdem ist die Panke, der Ort an dem Straßenfußball gespielt wird, zu einer Heimat für Sanel Begzadic geworden. Der gebürtige Bosnier gründete im April 2013 die Straßenfußballmannschaft Balkan Mix und schaffte es mit ihnen sogar bis zur Weltmeisterschaft nach Dubai.

Geboren wurde Sanel 1987 in Srebrenica in Bosnien-Herzegowina. Einige Kriegsjahre später, 1996, flüchtet der damals achtjährige mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Berlin. Ein Jahr nachdem in seiner Heimatstadt durch die bosnischen Serben das größte Massaker der europäischen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg verübt wurde. 8000 bosnische Muslime – fast ausschließlich Männer und Jungen – verloren dabei ihr Leben, auch Familienangehörige von Sanel starben bei diesem Genozid.

Auf dem Beton spielt die Herkunft keine Rolle

Gezeichnet durch das Erlebte, sollte sich der heute 28-Jährige nach dem Willen seiner Eltern, keine serbischen Freunde suchen. Doch das spielte für Sanel keine Rolle: Ihm war nur wichtig, wie gut jemand mit dem Ball auf Asphalt umgehen kann. Sein Team besteht aus 14 Spielern, die aus acht unterschiedlichen Ländern stammen. Darunter Bosnier, Serben, Kroaten, Albaner, Türken, Palästinenser, Marokkaner und auch zwei deutsche Spieler sind dabei – eine Zusammensetzung, die Konfliktpotenzial birgt.

Anstatt jedoch über ihre Herkunft zu diskutieren, duellierten sich die jungen Männer immer wieder an der Panke in Wedding. Sanel erkannte schnell das Potenzial einiger Spieler und wollte mit ihnen gemeinsam bei dem von Nike organisierten Turnier Gewachsen auf Beton teilnehmen. Im April 2013 stand das Team schließlich erstmals als Balkan Mix auf dem Feld und gewann das Turnier.

Das Spiel auf Asphalt ist vor allem eins: hart. Körperliche Beherrschung, sportliches Können und Raffinesse beim Umgang mit dem Ball ist wichtig – denn wer fällt, stürzt nicht auf einen weichen Rasen, sondern auf kalten Beton. „Wer bei uns mitspielen möchte, muss ein wenig verrückt sein und den Fußball einfach lieben“, sagt Gründer Sanel in leichtem Berliner Dialekt.

„Wir haben uns von Turnier zu Turnier gekämpft. Unser Zusammenhalt im Team ist stark.“ Das erkannte auch der Sportartikelhersteller Nike und strebte sogleich eine Zusammenarbeit mit Balkan Mix an. „Dass wir Straßenkids von Nike ausgestattet werden, ist für uns noch immer total krass“, sagt Sanel mit Begeisterung. Nachdem der Konzern einen kurzen Videoclip der Mannschaft drehen ließ und dieser im Internet verbreitet wurde, erlangte Balkan Mix deutschlandweit Aufmerksamkeit.

Leben wie die Profis

Straßenfußballmannschaften aus verschiedenen deutschen Städten sahen das Video und forderten die Berliner zum Duell auf. Kurzerhand wurde eine Tour organisiert und Balkan Mix stellte sich mehr als 60 Gegnern in Köln, Stuttgart, Frankfurt, München und Hamburg. „Wir hatten einen Mannschaftsbus und wurden zu den Turnieren gefahren. Wir fühlten uns wie echte Fußball-Stars“, schwärmt Sanel von dieser Zeit. Die Mannschaft konnte sich beweisen, verlor kein einziges Spiel und kassierte lediglich drei Gegentore. „Wir dachten, wir könnten nur uns selbst schlagen. Doch dann kam Dubai.“

Im vergangenen Jahr schied das Berliner Team bereits in der Vorrunde der Straßenfußball-WM in Dubai aus. Eine bittere Enttäuschung: „Jordanien war einfach krass!“ Stolz ist Sanel dennoch auf die Leistung seiner Mannschaft: „Wir haben als Team verloren. Ich bin stolz auf alles, was wir erreicht haben. Uns ist der Spaß an der Sache am wichtigsten!“

In diesem Jahr gab es eine Genugtuung für Balkan Mix: Sie gewannen das Nike Europa Finale in Berlin. Am Ende gab es nicht nur den Sieg, sondern auch einen Pokal, den Sanel vom Brasilianer Ronaldo persönlich überreicht bekam. Bei dem hohen sportlichen Niveau der Mannschaft muss der Weg zum Profifußballer nah sein. Doch Sanels Einschätzung ist ernüchternd: „Fußball ist ein echtes Drecksgeschäft. Viele, die Potenzial haben, schaffen es nicht bis ganz nach oben, weil ihnen die Kontakte fehlen oder der richtige Pass.“

Ein Teamkollege des Balkan Mix-Gründers spielt bei Hansa Rostock spielte und wurde dort mit den A-Junioren Meister: „Eigentlich ist der Weg zum Profifußballer nun sicher.“ Tatsächlich bekamen fast alle Spieler der Mannschaft einen Profivertrag – nur ein Freund nicht. „Er hatte keinen deutschen Pass.“ Den Traum eines Tages Profi zu werden, hegten viele. Heute arbeiten die meisten der Spieler hauptberuflich oder studieren. „Unsere Mannschaft ist mir wichtiger als 10.000 Euro im Monat“, sagt Sanel.

Spieler aus acht verschiedenen Nationen

Für viele der Spieler ist Balkan Mix ein wichtiger Teil in ihrem Leben. Sie stammen aus acht verschiedenen Nationen und bringen ihre persönliche Flüchtlingsgeschichte mit. Dabei denken sie selbst nicht über ihre Herkunft nach: „Was für Leute bei uns spielen? Einfach Menschen.“ Denn Diskussionen über Nationalitäten haben auf Beton keinen Platz. „Natürlich ist es nicht einfach, über das, was im Krieg geschehen ist, hinwegzusehen. Aber wir tragen keine Verantwortung für das, was passiert ist – egal, woher wir kommen.“

Für Sanel trägt allein die Politik Schuld an Kriegen. Auch deshalb hat er damals nicht auf seine Eltern gehört. Über Milos, der aus Serbien stammt und in seiner Mannschaft spielt, sagt er: „Er ist wie ein Bruder für mich. Mich interessiert es nicht, woher er kommt. Mittlerweile sieht das meine Familie genauso.“

Im Fußball scheinen viele der jungen Männer, deren Jugend zu einem großen Teil in Weddings Panke stattfand, eine neue Heimat gefunden zu haben. Sanel bringt es auf den Punkt: „Wir sind eine Familie.“ Nach Srebrenica zurückgehen, würde der 28-Jährige heute nicht mehr, obwohl viele Familienteile noch dort leben: „Ich bin ein Berliner Junge. Ich bleibe hier.“


Quelle: externe Quelle

Brüder auf Beton, Gerichtstraße 23, 13347 Berlin
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