Berliner Stadtmission am Zoologischen Garten

Wo das Gedenken Wurzeln schlägt

Wo das Gedenken Wurzeln schlägt
Viel Trubel um ein Bäumchen: Direkt am Zoo kann künftig verstorbenen Obdachlosen gedacht werden.
In rund 20 Einrichtungen sorgt sich die Berliner Stadtmission um das Wohl sozial benachteiligter Menschen in der Hauptstadt. In der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten wurde heute mit einer besonderen Aktion an das Schicksal obdachloser Menschen erinnert. Am gepflanzten Baum der Erinnerung soll ein würdevoller Abschied von Verstorbenen möglich sein.

Seit Jahren schon stand der Gedanke im Raum, dem Andenken an verstorbene Obdachlose in der Hauptstadt einen besonderen Platz einzuräumen. Nun ist es endlich so weit. Ein Baum der Erinnerung soll am Bahnhof Zoo an die oft unbemerkt Verstorbenen erinnern. „Wir haben lange über die Gastalt solch eines Ortes der Besinnung nachgedacht“, schildert Dieter Puhl von der Bahnhofsmission den Initiierungsprozess des Projektes gegenüber QIEZ. „Ein einfacher Gedenkstein schien uns zu weit vom Leben der Menschen entfernt und auch über den geeigneten Ort waren wir uns lange im Unklaren .“

Direkt vor der Tür der Bahnhofsmission, in einer Baumlücke, habe man schließlich den passenden Rahmen für einen Erinnerungsbaum gefunden. „Hier im Herzen Berlins ist ein guter Ort, um schweren Schicksalen zu gedenken und sich einige Minuten Zeit für Besinnung zu nehmen“, sagt Puhl. Mit der Idee eines Baumes der Erinnerung sei darüber hinaus ein ganz praktischer Nutzen für die Obdachlosen am Zoo verbunden. „Jeden Nachmittag versammeln sich bis zu 100 Menschen vor unserer Tür und warten auf die Essensausgabe“, erzählt der Mitarbeiter der Stadtmission. Vor allem im Sommer könne es dabei sehr heiß werden. „Der Baum schafft nicht nur einen Ort des Gedenkens und Austauschs, er spendet auch Schatten und schützt vor der Witterung.“

Berlin als internationaler Brennpunkt

Am heutigen Tag der Pflanzung wurden bunte Plasitkbänder am gepflanzten Bäumchen befestigt. „Berlin ist eine Stadt, in der leider viel und sehr international gestorben wird“, erklärt Puhl die Aktion. Berlin sei eine Drehscheibe zwischen Ost und West und viele Obdachlose aus anderen Ländern müssten sich auf den Straßen der Hauptstadt durchschlagen. „Mit den Bändchen in Landesfarben wollen wir auch an ihr Schicksal und die oft sehr schweren Verhältnisse Berliner Obdachloser erinnern“, sagt Puhl.

Ihm liegt die Realisierung eines Gedenkortes für verstorbene Obdachlose besonders am Herzen. „In meiner 20jährigen Arbeit für die Stadtmission habe ich zahlreiche Beerdigungen begleitet und leider gehen sie oft ohne viel Würde vonstatten.“ Eine Urnenbeisetzung ohne Grabstein oder Angehörige sei alles, was den Verstorbenen erwarte. Als darüber hinaus im Dezember 2010 berichtet wurde, die Berliner Polizei wolle obdachlose Kältetote nicht mehr selber melden, sah Dieter Puhl Anlass zum Handeln. „Verstorbene Obdachlose fallen in Berlin schnell unter den Tisch – wir wollen ihr Schicksal im Bewusstsein der Lebenden verankern“, erklärt er.

Unterstützung aus Regierungskreisen

Der Erinnerungsbaum am Bahnhof Zoo solle seinen Teil dazu beitragen. Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Marc Schulte (SPD) und Carsten Engelmann (CDU), Bezirksstadtrat für Soziales und Gesundheit von Charlottenburg-Wilmersdorf, hätten das Projekt über die Parteigrenzen hinweg unterstützt. Darüber hinaus kritisiert Puhl jedoch, dass die Probleme der Berliner Obdachlosen von offizieller Seite oft unterschätzt würden. „Zwar übernimmt der Senat die Kosten für die Löhne unserer festen Mitarbeiter in Höhe von 250.000 Euro, doch wir haben trotzdem ein hohes jährliches Defizit zu verkraften“, sagt der Mitarbeiter der Stadtmission. „Ohne das wachsende Engagement vieler Berlinerinnen und Berliner könnten wir unsere weitreichenden Projekte nicht stemmen.“

Die genaue Zahl der Menschen, die in Berlin auf der Straße leben, ist nicht bekannt. Puhl geht von 4000 bis 7000 Betroffenen aus. „Dabei nehmen die Zahlen von Jahr zu Jahr um etwa zehn Prozent zu.“ Mit der Zunahme der Wohnungslosen in der Hauptstadt stiege auch die Zahl der mittellosen oder anonymen Toten. „Nur 46 Jahre beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Obdachlosen in Deutschland“, so Puhl. Mit dem Baum der Erinnerung wolle man den Verstorbenen gedenken und ihnen auch nach dem Tod ein Stück ihrer Würde zurückgeben. „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“, gibt Puhl den Besuchern des Baumes der Erinnerung mit auf den Weg.

Bahnhofsmission Zoologischer Garten, Jebensstraße 5, 10623 Berlin

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