Dokumentarfilm: Violently Happy

Mehr als ein bisschen Haue: Die Lust am Schmerz

Mehr als ein bisschen Haue: Die Lust am Schmerz
Er kann auch sanft: Felix Ruckert in Violently Happy. 
Die Dokumentation Violently Happy folgt Künstler Felix Ruckert in die Welt des BDSM. Dabei werden aber nicht nur Peitschen geschwungen, sondern auch Fragen nach Beziehungs- und Gesellschaftsbildern aufgeworfen.

Einatmen, Arme schwingen, ausatmen. In den ersten, sehr sanften Filmminuten könnte man meinen, versehentlich in eine Dokumentation über Yoga hineingeraten zu sein. Zu sehen ist Choreograph Felix Ruckert, der mit ein paar Teilnehmern einen zumindest an Yoga erinnernden Kurs gibt. Erst als die ersten nackten Körper in Seilen verschnürt von der Decke baumeln, ist es doch klar: Das hier ist tatsächlich eine Dokumentation über BDSM. 

BDSM, das ist dieser Sammelbegriff für verschiedene Spielarten sadomasochistischer Lust. Und dazu gehören, das lernen wir bei Violently Happy recht schnell, unter anderem Bondage und Peitschen, aber auch heißes Wachs, Nadeln und nicht zuletzt die hart zupackende Hand. Und all das weiß Felix Ruckert, Berliner Szenegängern als Gründer des mittlerweile geschlossenen Experimentalraums Schwelle 7 und des Festivals xplore bekannt, durchaus geübt einzusetzen.

Schmerzen können so intim sein

Ihm folgt die in Berlin lebende Filmemacherin Paola Calvos mit der Kamera – und ermöglicht dabei überaus intime Einblicke in das, was in der Schwelle 7 beziehungsweise beim xplore-Festival passiert. Viele Klischees werden dabei erfreulicherweise recht schnell über Bord geworfen: Ruckert und seine Mitstreiter hauen sich nicht etwa in dunklen, rot ausgeleuchteten Kellergewölben permanent die Popos wund. Vielmehr werden jede Menge Workshops abhalten, in hellen Räumen mit Bildern an den Wänden und Blumen auf dem Tisch. Nur eben alles ein bisschen expliziter und manchmal schmerzhafter, als es der Otto-Normal-Zuschauer gewohnt ist.

Mal lernen die Teilnehmer, wie man ein Bondage-Seil richtig knotet, dann hält eine Frau ihre Vagina in die Runde und erklärt, dass ihre doch recht große Klitoris eine andere Behandlung brauche als eine kleinere Variante. Geübt wird am lebenden Objekt, natürlich. Wieder eine Szene weiter packt eine Frau der anderen so lange brutal an die Schulter, bis diese wütend und offenbar den Schmerz nicht mehr aushaltend aufspringt. Kurz darauf sitzen sie nebeneinander und besprechen das Erlebte. Nichts für Zartbesaitete ist etwa die Performance Ruckerts, bei der er sich vor Publikum Nadeln unter die Haut stechen lässt. Brüllender- und kotzenderweise. Da wirkt der Gruppensex mit einer Handvoll junger Frauen und Männer fast schon unspektakulär und irgendwie beruhigend.

Mal eben zum Auspeitschen verabreden

Spannend ist auch die Sichtweise der zweiten Protagonistin des Films, Mara Morgen. Die offenbar bislang in der Berliner Kulturszene aktive Frau lässt sich von Ruckert in die BDSM-Szene einführen und sich nicht nur dabei, sondern auch in Gesprächen mit ihm filmen. So erklärt sie etwa, dass sie sich von ihm eine Peitschen-Session wünsche, als Übergangsritual „zur erwachsenen Frau“. Als handele es sich dabei um eine Verabredung zum gemeinsamen Joggen loten die beiden aus, welche Ziele sie sich setzen – und wer am Ende mehr davon hat.

Die Dokumentation setzt dabei nicht nur auf explizite und für manchen Zuschauer vielleicht verstörende Sex- und SM-Szenen. Sie wechseln sich immer wieder mit sanften Bildern von streichelnden Händen, Pferden auf der Weide oder Ruckert beim Backen in seiner Küche ab. Und auch die Gesprächsszenen, komplett bekleidet, sorgen für kleine Auszeiten. Geschickt, denn so erinnert sich der Zuschauer immer wieder daran: Ja, auch das sind ganz normale Menschen, die eine normale Wohnung haben, mehr oder weniger normale Gespräche führen und die auch mal grübeln und zweifeln. Wobei der Begriff „normal“ in diesem Zusammenhang eher störend wirkt.

Die eigene Lust ausloten – und Fragen stellen

Schön ist auch, dass in den Konversationen, etwa über die zwiespältigen Gefühle bei einer offenen Beziehung oder der Frage nach Macht und Unterwerfung in klassischen Beziehungsmodellen, der Fokus auch mal breiter gefasst wird. Nämlich hin zu Fragen, die auch abseits der BDSM-Szene spannend und allgemeingültig sein können. Etwa, ob nicht auch ein Tattoo oder eine Brust-OP als Gewalt bezeichnet werden kann. Oder wie man im Alter leben möchte. Ob er dann wohl immer noch im Rollstuhl durch die Schwelle 7 rollen wird, sinniert Ruckert? Wird er nicht, denn auch diese Räumlichkeiten fallen einem auslaufenden Mietvertrag zum Opfer. Noch so ein Randthema.

Das Kernthema bleibt das Ausloten der eigenen sexuellen Lust – und ob man nun darauf steht, sich den Rücken knallrot peitschen zu lassen, wie es in der tatsächlich stattfindenden Session von Morgen und Ruckert zelebriert wird, oder es doch lieber ganz schmerzfrei im eigenen Bett mag – das Gedankenkarussell regt Violently Happy auf jeden Fall an. Und ganz so randständig ist das Thema in Hinblick auf die wachsende Zahl von Sexpartys und -clubs in dieser Stadt ebenfalls nicht.

Der Film startet am 26. Januar in den Kinos, in Berlin im Moviemento und in der B-ware!

Moviemento, Kottbusser Damm 22, 10967 Berlin
XMAS Newsletter

Weitere Artikel zum Thema Liebe

Erotikshops | Liebe

Top 10: Erotikshops in Berlin

Wer nach Sexspielzeug sucht, der darf sich spätestens seit Fifty Shades of Grey auf eine […]
Freizeit + Wellness | Kultur + Events | Liebe

Top 10: Events für Singles in Berlin

So groß die Zahl der einsamen Herzen ist, so vielfältig sind in Berlin die Möglichkeiten […]