Soteria Berlin

So normal wie möglich

So normal wie möglich
Im Wintergarten herrscht eine entspannte, ruhige Atmosphäre - hier kann man vom Nervenstress abschalten. Zur Foto-Galerie
Große Hamburger Straße  - In die Berliner Soteria kommen junge Menschen mit akuten psychotischen Krisen oder solche, die den Ausbruch einer Psychose befürchten. Hier werden sie in einer professionellen stationären Umgebung betreut. Was es mit dem Behandlungsangebot genau auf sich hat, wollte QIEZ wissen und hat sich mit dem Oberarzt Dr. Martin Voss und dem Stationsleiter der Soteria, Götz Strauch, getroffen.

Seit Ende Oktober 2013 gibt es sie nun schon: Die Soteria in der Großen Hamburger Straße, ein Behandlungsangebot der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus – bisher einzigartig in Berlin. Den Begriff selbst hatte ich bis zu dem Zeitpunkt noch nie gehört. Dass hier psychische Erkrankungen behandelt werden, bekam ich schnell raus – weniger aber, was das Ganze so besonders macht.

In einer Soteria wird ein ganz spezieller Behandlungsansatz für Menschen in psychotischen Krisen angeboten, bei dem die sogenannte „Milieutherapie“ im Zentrum steht. Im Altgriechischen steht „Soteria“ übrigens für Heilung, Wohl, Bewahrung und Rettung.

„In den 70er Jahren fand Psychiatrie noch in sehr großen Anstalten statt“, erklärt Dr. Martin Voss den Werdegang des Therapieangebotes. „Hohe Dosen an Medikamenten, die erhebliche Nebenwirkungen mit sich zogen, wurden verabreicht.“ Davon wollte man weg. „Also ist man mit einem relativ radikalen Ansatz aus den klassischen Anstalten rausgegangen und hat psychisch erkrankte Menschen medikamentenfrei behandelt. Wir machen das heute ein wenig anders und entscheiden aus der Situation heraus, ob Medikamente angebracht sind oder nicht“, erzählt er weiter. „Manche Symptome sind teilweise sehr extrem, sodass man diese nur wirkungsvoll mit Medikamenten unterdrücken kann: Es stellt sich dabei natürlich immer die Frage, nach dem richtigen Maß.“

So nah wie möglich an der Normalität

Zwölf Behandlungsplätze stehen in der Station zur Verfügung – nach dem Konzept eines solchen Behandlungsangebotes dürften es auch nicht mehr sein. Im Rahmen der Pflichtversorgung sind diese Plätze zudem ausschließlich für Menschen aus den Bezirken Wedding, Mitte, Tiergarten und Moabit vorgesehen. Die von Dr. Voss erwähnte Milieutherapie besteht im Wesentlichen darin, das alles so normal wie möglich abläuft – vom wohnlichen Ambiente bis hin zur Haltung der Therapeuten gegenüber ihren Patienten – es soll sich alles so nah wie nur möglich an der Normalität und dem „echten Leben“ außerhalb der Klinik orientieren. „Wir haben bewusst einen Schwerpunkt darauf gesetzt, dass wir eine gewisse Normalität im Alltag herstellen – letztendlich ist das Entscheidende beim Umgang mit psychotischen Menschen, dass man sich authentisch und ehrlich zeigt“, erklärt Dr. Voss. Dazu gehört, laut Voss, eine „gewisse Überschaubarkeit, Ruhe und Verlässlichkeit, was die Informationen und den Umgang miteinander angeht.“

Eine gewisse Struktur, die durch gemeinsame Mahlzeiten vorgegeben ist und an der möglichst alle teilnehmen, sei ebenso wichtig. „Es gibt zwei Gruppen, in denen sich alle versammeln und über Aktuelles sprechen – krankheitsspezifische Dinge oder auch typische Probleme des Zusammenlebens“, so der Oberarzt weiter. Diese Situationen, also ebenjene WG-Probleme, wie beispielsweise das Ausräumen der Spülmaschine, sind hier durchaus willkommen, denn sie gestalten den Alltag für die Patienten so normal wie möglich. Das ist, laut Voss, vor allem für Patienten wichtig, die das Vertrauen zu sich und anderen verloren und Schwierigkeiten mit der Interaktion mit Menschen haben. „In diesem geschützten Raum kann man das hier wieder üben“, so Voss.

24 Stunden in Gemeinschaft

In der Soteria fängt man den Morgen gemeinsam an und beendet auch den Tag gemeinsam. „Wir kochen miteinander und verbringen einen Großteil des Alltags miteinander“, erklärt Götz Strauch. „Es gibt selten Situationen, in denen wir die Tür zumachen, um uns im Team zu besprechen, ohne dass Patienten dabei sind“, so der Stationsleiter. „Einkaufen, kochen, Mittagessen, gemeinsam spielen, Ausflüge machen und über Probleme sprechen: Wir sind ganz nah dran am Patienten und die Patienten auch an uns.“ Alles wird miteinander abgesprochen. Das sei ein anderes Arbeiten als in psychiatrischen Angeboten mit Einzelterminen, nach denen sich der Patient wieder zurückzieht. „Hier lebt man 24 Stunden in Gemeinschaft“, erklärt Götz Strauch.

Der Schwerpunkt auf den Erhalt von Normalität spiegelt sich auch in der Raumgestaltung wider. Bei dieser hat man besonders viel Mühe und Zeit aufgewandt und dafür eigens einen Architekten engagiert, der sich vorher mit der Geschichte und dem Konzept einer Soteria auseinandergesetzt hat. Auffällig ist, dass in der Soteria der typische Krankenhauscharakter fehlt – eine ruhige Atmosphäre geht dem Ganzen voraus – nicht zu vergleichen mit dem Trubel und der Lautstärke einer klassischen Station. „Ein geschütztes Setting“ war den Gründern Voss und Strauch wichtig. Die Handläufe in den Fluren fehlen. Stattdessen: modern eingerichtete Stationszimmer, mit gezimmerten Holzmöbeln, farbig gestrichenen Wänden und Aufenthalts-, Beratungs- und Gemeinschaftsräume, die mit gemütlichen Sitzmöbeln ausgestattet sind. Ein Wintergarten lädt zudem mit Kicker, Knautschsesseln, PC, Musikinstrumenten und Blick ins Freie zum Entspannen ein. Obwohl alle Räumlichkeiten durchaus wohnlich eingerichtet sind, wurde darauf geachtet, dass alles „reizarm“ und aufs „Wesentliche“ konzentriert ist, um die Patienten, die häufig an einer Reizüberflutung leiden, nicht noch zusätzlich zu verwirren.

Dr. Martin Voss und Stationsleiter Götz Strauch ist es wichtig, dass Patienten mit dem Konzept der Soteria die Hemmschwelle genommen wird, sich in Behandlung zu begeben. Ihr Tipp: „Wir haben hier durchaus Patienten die sich das Ganze erst einmal angeschaut haben und später wieder gekommen sind, weil das Ambiente der Soteria als weniger stigmatisierend erlebt wird“, so Voss. Ein informativer Besuch und ein erstes Beratungsgespräch, um die Soteria einmal kennenzulernen, wären für Betroffene daher ein erster Schritt in Richtung Hilfe.

Wer sich in der Soteria einen Rat von Fachleuten einholen möchte, findet hier weitere Informationen.

Foto Galerie

Soteria - Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, Große Hamburger Straße 5-11, 10115 Berlin
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