Literatur in Friedenau

Lesen, wo es niemand erwartet

Bei der 2. Friedenauer Lesenacht wird an ungewöhnlichen Orten gelesen.
Bei der 2. Friedenauer Lesenacht wird an ungewöhnlichen Orten gelesen.
Bei der zweiten Friedenauer Lesenacht kommenden Samstag wird auch in gewöhnlichen Buchhandlungen vorgetragen. Doch die Veranstalter haben darüber hinaus gezielt nach für Literatur ungewöhnlichen Orten gesucht und sie gefunden - etwa eine Möbelwerkstatt oder einen Dessous-Laden.

Wundervolles Friedenau. Hier rankt Efeu in verwunschenen Hinterhöfen. Im Gärtchen lagern aparte Stapel mit Holzscheiten. Werkstätten erinnern an Zilles Zeiten. Und schon um fünf Uhr nachmittags labt man sich an goldenem Weißwein. Herrlich, das Leben der Boheme eben. Michael Wintjen ist allerdings kein Künstler, sondern Handwerker mit einem Händchen für Literaten. Kein Wunder, schließlich wuchs er im niedersächsischen Dorf Nartum auf, wo auch der verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski lebte. Für den habe er früher Möbel hergerichtet, sagt der Restaurator, der seit 2002 in Berlin wohnt und seit 2009 eine Werkstatt in Friedenau führt. Na, das sollten doch die richtigen Voraussetzungen sein, um Gastgeber der Friedenauer Lesenacht zu werden.

Zu der kommen am Samstag schon zum zweiten Mal Literaten zu mehr als 40 Lesungen an 23 verschiedenen Orten zusammen. Natürlich wird auch in ganz gewöhnlichen Buchhandlungen gelesen, doch ebenso in für diesen Zweck exotisch anmutenden Örtlichkeiten, etwa einem Dessous-Geschäft oder einer Kaffeerösterei. Dabei sollen die außergewöhnlichen Leseplätze mit dem Inhalt der dort vorgestellten Bücher korrespondieren, wie Sabine Würich vom Kunstverein Südwestpassage erklärt. Der organisiert bereits seit vier Jahren eine Tour durch Friedenauer Künstlerateliers – die nächste findet am 22. und 23. September statt – und kümmert sich jetzt im Sommer auch um Literatur.

Poetryslam im Schuhladen

In diesem Jahr steht das Spiel mit der Sprache im Mittelpunkt, weswegen es im braven Friedenau auch mal etwas frecher werden darf: Im Schuhladen „Ganzkörperschuh“ steigt ein Poetryslam, auf der Lyrikbühne im S-Café Friedenau wird experimentiert und die Schriftstellerin Yoko Tawada lädt zur Textperformance in eine Tai-Chi-Schule in der Stubenrauchstraße. Zwar gehe es dem Verein Südwestpassage nicht darum, den Mythos vom Schriftsteller-Bezirk Friedenau wiederzubeleben, sagt Sabine Würich. „Aber wir wollen Leben in den Bezirk bringen und mit Selbstbewusstsein zeigen, dass hier weiter Autoren leben.“ Zu denen gehört Herta Müller, die 2009 den Nobelpreis für Literatur bekam.

Sie wird man bei der Lesenacht vergeblich suchen. Dafür stößt man auf andere Schriftsteller wie Sabine Ludwig, Larissa Boehning, Helmut Krausser, Michael Wildenhain, Cornelia Becker oder Bernd Schroeder. Der im heutigen Tschechien geborene und in Oberbayern aufgewachsene Lakoniker des Jahrgangs 1944 lebt erst seit 2011 in Friedenau. Früher war Schroeder gefeierter Drehbuchautor, wofür er mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde, und obendrein Ehemann von Elke Heidenreich. Im zweiten Leben wendete er sich den Romanen zu und zog für eine neue Liebe nach Berlin. Wohin genau? „Na, in die Niedstraße, wie es sich für einen Schriftsteller gehört“, flachst der ansonsten eher ruhige Mann. In die lokale Dichtermeile also, wo einst Erich Kästner, Günter Grass, Uwe Johnson oder Max Halbe wohnten.

Kennenlernen beim Italiener

Schroeders Leseort – die Werkstatt von Michael Wintjen in der Schmargendorfer Straße 5, in der es ganz heimelig nach Holz und Leim duftet – hat der Autor selbst gewählt. Er hat den 38-jährigen Kunsttischler beim Italiener kennengelernt, wie es halt so läuft in Friedenau. Und der Ort erinnert frappierend an die Welt seiner Bücher „Handwerken“ und „Auf Amerika“, einer im Frühjahr erschienenen oberbayerischen Dorfskizze, in der sich die Alten noch ihre eigenen Särge bauen.

Schon im letzten Jahr las Neuzugang Schroeder bei der Lesenacht, damals in seinem Stammlokal „Sponholz“ – warum? Tja, zuckt er die Achseln und sagt: „Support your local reader.“ Neue Leute kennenzulernen sei ja in seinem Alter nicht mehr so üblich, aber in Friedenau habe das sofort funktioniert. Mit seinem Hausnachbarn, einem Cellisten der Philharmoniker, hat er in seiner Stammkneipe sogar schon selbst eine Lesung mit Musik organisiert. So ist das im glücklichen Friedenau – hier sind selbst die Kneipengänger in kultureller Mission unterwegs.

Friedenauer Lesenacht, Samstag 18.8., 18 bis 24 Uhr, 10 Euro (Führungen extra, bitte anmelden). Bernd Schroeder liest um 20.40 Uhr und 22.20 Uhr. Vorverkauf: Ganzkörperschuh, Bundesallee 87, Bio Company, Bundesallee 88, Aktiviale Gesundheitszentrum Hauptstraße 78-79. Programminfos: www.suedwestpassage.com

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Quelle: Der Tagesspiegel

Lesen, wo es niemand erwartet, Schmargendorfer Straße 5, 12159 Berlin

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