Neuer Berlin-Comic

Schlitzohrig: Die Autoren von "Gleisdreieck"

Schlitzohrig: Die Autoren von
Autor Jörg Ulbert (links) und Zeichner Jörg Mailliet lassen sich ein Bierchen schmecken. Es ist nur konsequent, dass die Idee zum Comic in einer Kneipe entstanden ist. Zur Foto-Galerie
In der Raucherkneipe "Rote Beete" treffen wir die Comic-Macher Jörg Ulbert und Jörg Mailliet, am Abend wird ihr Buch "Gleisdreieck" Premiere feiern. Vorher gab‘s ein Gespräch über die Entstehungsgeschichte einer Schnapsidee, Hausbesetzer-Musik, das Berlin von gestern und heute - und Parallelen, die bis in die Gegenwart hineinreichen.

Graphic Novel? Nö. Einen Comic haben sie gemacht, finden Autor Jörg Ulbert und Zeichner Jörg Mailliet. „Graphic Novel – das hört sich so prätentiös an“, meint Ulbert. „Es ist ein Comic, ein Buch mit Bildern“, ergänzt Mailliet sachlich, aber nicht, ohne schlitzohrig zu grinsen.

Man nimmt sich nicht so ernst

Schlitzohrig und unprätentiös. So ist das Gespräch von Anfang an. Koketterie oder aber das Naturell der Autoren? Einem Comic über Berlins Hausbesetzerszene der frühen 80er stünde ein Hochnasen-Image schließlich denkbar schlecht. Abwarten. „Das erste Kapitel ist scheiße und das Ende ist scheiße.“ Illustrator Jörg Mailliet bestätigt mit lautem Lachen die Worte seines langjährigen Freundes. „Das zweite ist auch nicht so dolle“, schießt Ulbert nach, Mailliet kriegt sich kurzzeitig nicht mehr ein. Entwaffnend ehrlich sind sie schon mal. Und zu streng mit sich, das auch.

Jörg Ulbert, eigentlich Geschichtsdozent in Frankreich, und Jörg Mailliet, Grafiker und Comic-Zeichner, kennen sich aus Schöneberger Schulzeiten. An einem Kneipenabend ersponnen sie die Idee zum Comic, das die beiden in Frankreich lebenden Männer erst ebendort und nun in Deutschland veröffentlicht haben.

Eintauchen ins Hausbesetzer-Milieu von 1981

Ein fiktiver V-Mann wird im Jahr 1981 auf den Berliner Hausbesetzer und mutmaßlichen Terroristen Martin angesetzt. Soweit das erzählerische Gerüst der knapp 130 Seiten. Aber nicht dem Plot gehört das Hauptaugenmerk des Buches, das sich problemlos als Ode an Westberlin lesen lässt: „Ich wollte Orte der Stadt zeigen“, sagt Illustrator Mailliet. Die Struktur drum herum hast du gebaut.“ Er schaut Ulbert an, der amüsiert entgegnet: „Wenn man da überhaupt von einer Struktur reden kann.“

Kann man. Ulbert nennt es „pragmatisch“, hübscher könnte man es auch als Kunstgriff bezeichnen: Er hat Hauptfigur Otto die Tarnung eines taxifahrenden Studenten zugedacht, damit Mailliet möglichst plausibel möglichst viele Ecken des damaligen Berlins darstellen kann. Schließlich, Ulbert spricht für seinen alten Schulfreund, „hat er die Schnauze voll gehabt, jedem zu erklären, wie Westberlin vor der Wende aussah.“ Nicken.

Playlist ja, Soundtrack nein

Dem Buch vorangestellt ist eine Tracklist. Außer Ton, Steine, Scherben  – „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das weggelassen habe“ –  sind die Klassiker der Szene hier versammelt: Einstürzende Neubauten, Fehlfarben, Slime und The Undertones stehen auf der Liste und begegnen uns auch im Buch wieder. Nachher sei ihm aufgefallen, dass dieses Stilmittel durchaus etwas billig sein könne, meint Ulbert: „Ich meine, sinnstiftende Musik einzubauen ist ja jetzt auch nicht unbedingt neu“.

Billig? Eher im Gegenteil. Zwar ist diese an Pop-Literatur der 90er erinnernde Art der Intermedialität im Vergleich zu Social-TV und Tele-Twitter schon ein bisschen old school. Dafür aber wirkungsvoll. Alle Lieder findet man problemlos bei YouTube – eine CD gab’s nicht dazu, das sei zu kompliziert gewesen. In Kombination mit den akribisch gezeichneten Stadtbildern vermittelt der Soundtrack auch für Folgegenerationen eine lebhafte Ahnung eines längst vergangenen Zeitgeistes. Wobei, längst vergangen? Hausbesetzer von damals werden emphatisch nicken, man kann das aber auch anders sehen. Brandaktuell zeigt der Volksentscheid zu „100 Prozent Tempelhof“, dass die Hauptstadt noch immer eine starke außerparlamentarische Opposition hat.

Es sind aber vor allem die vielen kleinen Anekdoten, die bis heute Gültigkeit besitzen. So macht Ulbert unter anderem eine Typologie der Berliner Kneipen auf: Da gibt es die „Popperläden für Schickeria-Muttersöhnchen“, die „Klitsche der Rock-a-Billys“ und die „Scene-Läden für linke Möchtegernkünstler“. Aus dem Stegreif fallen einem pro Kategorie Belegexemplare noch und nöcher ein. Aktuelle Belegexemplare, versteht sich.

Die Zeit vergeht, zwei Stunden sind schnell rum. Die Buchpremiere am Abend rückt näher, Lampenfieber haben die beiden nicht. Sie wissen nur: Es wird Dosenbier geben. Leider nur für die Autoren auf der Bühne. Aber das ist eine andere Geschichte. Am Ende bleibt die Ahnung, dass hier zwei Freunde gemeinsame Sache gemacht haben, die sein könnte, wie ihre Freundschaft: schlitzohrig, unprätentiös, solide und authentisch.

Weitere Informationen gibt’s im Blog von Illustrator Jörg Mailliet und auf der Seite vom Berlin Story Verlag.

Foto Galerie

Rote Beete, Gleditschstr. 71, 10781 Berlin
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