Karneval der Kulturen in Kreuzberg

Frohsinn mit Aussage

Fantasievolle Verkleidung mit Botschaft beim Karneval der Kulturen in Kreuzberg - wohl auch 2015.
Fantasievolle Verkleidung mit Botschaft beim Karneval der Kulturen in Kreuzberg - wohl auch 2015.
Beim jährlichen Karneval der Kulturen an Pfingsten geht es darum, fröhlich zu sein und eine gute Zeit zu haben – aber nicht nur. Viele der etwa 5000 aktiven Teilnehmer möchten Tanz und Musik mit einer politischen Aussage verknüpfen und auf Missstände hinweisen.

Beim Karneval geht es auch um die Schuhe. Schließlich will man ja tanzen, und das sollte man dann besser nicht barfuß tun, der Scherben wegen. Die beiden Riesenschuhe aus Pappmaché, die am Sonntag auf dem Wagen von Calaca e.V. beim Karneval der Kulturen angebracht sind, dienen jedoch einem anderen Zweck. Sie sollen nicht schmücken, sondern anprangern. In anderen Kulturen stehen Schuhe symbolisch für Schmutz und Unreinheit, ihr Zeigen oder gar Werfen ist eine schwere Beleidigung. „Wir wollen allen Steuerflüchtlingen und Finanzjongleuren zeigen, was wir von ihnen halten“, erklärt Mario Vázquez von Calaca, der die Schuhe zusammen mit anderen gebaut hat. „Sie haben eine Finanzkrise ausgelöst, die jetzt diejenigen ausbaden müssen, die im wirklichen Leben nichts zu melden haben.“

Der Karneval der Kulturen, der am Pfingstwochenende in die 17. Runde geht, war nie unpolitisch. 96 Gruppen beteiligen sich am Umzug, Calaca ist eine davon. Den Verein gibt es bereits seit 1996. Er wurde von Berliner Mexikanern, Spaniern und Deutschen im selben Jahr wie der Karneval gegründet und nahm von Anfang an teil. Eigentlich ist „Calaca“ ein gruseliger Name, er bedeutet „Gerippe“ und bezieht sich auf das mexikanische Totenfest – auch wenn dieses nicht im Mai, sondern am 1. November gefeiert wird. An diesem Tag kehren die Verstorbenen für einen Tag aus dem Jenseits zurück, um mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik und leckerem Essen zu feiern.

Mehr als nur Heiterkeit

Den Calaca-Mitgliedern geht es beim Karneval jedoch nicht nur um Frohsinn. Sie werden sich als „Los Indignos“ („Die Empörten“) kostümieren und mit bunten Schuhen in der Hand tanzen. Graffiti-Künstler verzieren eine Mauer mit „Indignate!“ („Empört euch“), der bekannten Parole des französischen Schriftstellers Stéphane Hessel. „Wir denken, dass die Finanzkrise nicht wirklich eine Krise ist“, sagt Carmen Rojas, „sondern ein Signal dafür, dass das System nicht funktioniert.“ Wütend ist sie auch darüber, dass die blutigen Drogenkriege in Mexiko mit vielen deutschen Waffen geführt werden. Rojas selber stammt aus Peru, sie zog vor 14 Jahren aus demselben Grund nach Berlin wie Mario Vazquez: der Liebe wegen. Vazquez arbeitet als Fotograf und Schauspieler.

Sie sind zwei von 5000: So viele Menschen werden sich nach Veranstalterangaben diesmal aktiv beteiligen, beim Straßenfest am Halleschen Tor, dem Kinderkarneval am Sonnabend, und natürlich beim Umzug am Pfingstsonntag.

Auffällig ist der hohe Anteil an Gruppen aus dem asiatischen Raum, außerdem ist erstmals eine Seniorengruppe aus Friedrichshain-Kreuzberg dabei. Sie alle müssen, wie auch Calaca, beträchtliche Geldsummen aufbringen. Teilnahmegebühren gibt es zwar nicht, doch Wagenmiete und Dekoration erfordern von den Gruppen hohen Einsatz, auch finanzieller Art. Aber: „Es ist wichtig, dass wir mitmachen“, sagt Carmen Rojas. „Damit nicht nur Folklore gezeigt wird, sondern auch politische Ziele deutlich werden.“ Doch keine Frage: Tanzen darf man auch. Zur Not sogar barfuß.


Quelle: Der Tagesspiegel

Frohsinn mit Aussage, Gneisenaustraße, 10961 Berlin

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