• Dienstag, 05. September 2017
  • von Julia Stürzl

Ein Roman von Fatma Aydemir

"Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir“

  • Das Buch Ellbogen von Fatma Aydemir
    In der Welt der 18-jährigen Hazal kommt man nur mit Körpereinsatz weiter. Foto: QIEZ

Ist ein Land schon deine Heimat, nur weil du dort geboren bist? Die junge Deutschtürkin Hazal Akgündüzim, Hauptfigur im Debütroman "Ellbogen" von Fatma Aydemir, lebt im Wedding und ist eigentlich eine ganz normale Jugendliche. Aber nur eigentlich.

Im ersten Teil des Buches Ellbogen wirkt Hazal Akgündüzim wie eine der vielen gelangweilten Jugendlichen in Berlin, die Unfug machen. Stehlen, kiffen und heimlich knutschen – das alleine ist noch nichts Besonderes. Doch da ist auch diese brodelnde Wut und Hilflosigkeit gegenüber der Welt, in der sie lebt: in der Männer das Sagen haben, Mädchen sich unterordnen müssen und Migranten keine Chance bekommen.

Die Milieustudie kippt hier etwas ins Klischee: Hazals Eltern, arrangierte und unglückliche Ehe, wohnen im Wedding und sind nie richtig in Deutschland angekommen. Und obwohl Hazal selbst auf der Suche nach Heimat ist und sich Anerkennung wünscht, hat sie keine großen Ambitionen für ihre eigene Zukunft. Sie geht nur sporadisch in die Berufsvorbereitung und jobbt ansonsten in der türkischen Bäckerei ihres Onkels. Erst 17 Jahre alt, hat sie bereits resigniert und sich mit ihrem vermeintlichen Schicksal abgefunden. Denn obwohl sie in Deutschland geboren ist, fühlt sich gegenüber den "Kartoffeln" immer benachteiligt .


Opfer und Täter gleichermaßen

"Meine Wut ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst", sagt sie. In ihrer Ohnmacht, sich nicht gegen ihr Schicksal wehren zu können, steigt Hazals Wut. Und braucht ein Ventil: Fremde Menschen anzupöbeln gibt der Mädchenclique ein Gefühl der Macht und Stärke. Einmal sind nicht sie, sondern die anderen die Opfer. Doch in der Nacht von Hazals 18. Geburtstag geraten die Dinge außer Kontrolle: Hazal geht zu weit. Und so flieht sie vor der Polizei nach Istanbul – eine Stadt, in der sie noch nie war.

Der Vorfall dieser Nacht ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Ab hier ändert sich der Ton des Buches: war es vorher brutal, drängend und messerscharf, so ist es jetzt schwerfälliger und wie in dicken Nebel gehüllt. Die Hauptfigur ist betäubt, orientierungslos aber auch trotzig nach ihrer Flucht. Nun muss sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, aber Istanbul ist nicht das Paradies, das sie erwartet hat. Auch dort gibt es keine Freiheit für sie, sondern ein Patriarchat der Männer. Auch dort ist sie als deutsches Mädchen, das schlecht Türkisch spricht, eine Außenseiterin. Ob Hazal es alleine schafft?


Fazit

Fatma Aydemir hat einen Roman geschrieben, der provoziert, fesselt und sich mit Ellbogeneinsatz einen Platz in unserem Herz erkämpft. Noch immer denken wir über Hazal nach: Wir sind wütend auf sie und wollen ihr gleichzeitig helfen. Und wir freuen uns auf das nächste Buch der 31-jährigen Autorin.

 

Das Buch Ellbogen von Fatma Aydemir ist beim Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 20 Euro. ISBN: 978-3446254411

Carl Hanser Verlag GmbH & Co KG

Friedrichstr. 210
10969 Berlin

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Quelle: QIEZ
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