Neue Tour

Wie ein Fluchttunnel jetzt hilft, unsere Freiheit wieder zu schätzen

Wie ein Fluchttunnel jetzt hilft, unsere Freiheit wieder zu schätzen
Eng und bedrückend: der Blick in den echten Fluchttunnel wühlt auf.
Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Meinungsfreiheit und freie Wahlen genießen können. Vor wenigen Jahren riskierten Menschen ihr Leben, um aus dem Ostteil unseres Landes zu fliehen. Ein Original-Fluchttunnel aus Zeiten der DDR bietet erstmals ergreifende Einblicke…

Im Geschichtsunterricht mit den Opfern von Diktaturen zu fühlen, ist fast unmöglich. Zu trocken ist das Material und auch die Lehrer*innen zeigen sich emotional oft ungerührt. Selbst die DDR erscheint uns heute fast schon fremd und viel zu weit weg, dabei ist es erst 30 Jahre her, dass Menschen an der totalen Überwachung und dem System aus Angst und Verrat verzweifelten. Die Berliner Unterwelten haben nun einen echten Fluchttunnel freigelegt, der uns vor Augen führt, welche Gefahren Ostdeutsche auf sich nahmen, um im Westen ein besseres Leben führen zu können.

Tunnelfluchten aus der DDR

Dieser Tunnel, der 17 DDR-Bürgern zur Freiheit verhelfen sollte, flog auf. Kein Einzelfall. Von den über 70 bekannten Fluchttunneln, die zwischen 1961 und 1982 gegraben wurden, davon sieben allein auf den 350 Metern unter der Grenzanlage Bernauer Straße, waren nur 19 erfolgreich. Die meisten wurden verraten. Das Bittere daran: oft von Leuten, die selbst am Bau beteiligt und von der Stasi unter Druck geraten waren. Die Stasi entwickelte zudem einen unglaublichen Ehrgeiz, die Tunnel aufzuspüren und die Fluchtpläne erst kurz vor Schluss zu durchkreuzen, damit die Fluchthelfer möglichst viel Arbeit in die Tunnel steckten. Der Boden wurde abgehört oder auch bis zum Grundwasser mit Stahl durchzogen, um den Tunnelbau unmöglich zu machen.

Nur ein Modell, aber auch beklemmend: der Einstieg in einen Fluchttunnel

Nur ein Modell, aber auch beklemmend: der Einstieg in einen Fluchttunnel.

 

In mühsamer Handarbeit – wie die Fluchthelfer damals – hat der Verein Berliner Unterwelten nun also einen Original-Tunnel aus den Jahren 1970/71 durch einen Besuchertunnel erschlossen. Auch wenn wir nicht selbst kriechen müssen, allein der Blick in den engen Gang in acht Metern tiefer Erde ist beklemmend. Und es ist sicher auch der Führung von Klaus Erxleben zu verdanken, dass uns bei der Tour M, die sich zusätzlich auch mit Fluchten durch die Kanalisation und mit Geisterbahnhöfen beschäftigt, die Tränen kommen. Der Rentner, selbst ein Original aus Ost-Berlin, erzählt die Geschichten der Flüchtlinge und ihrer Helfer so lebendig, als hätte er jeden Einzelnen gekannt. Zumindest einigen konnte er im Nachhinein begegnen, wie Ulrich Pfeifer, der am Bau des sichtbar gemachten Tunnels beteiligt war. Gemeinsam mit Hasso Herschel, der auch den legendären Tunnel 29   – vielen durch die Sat1-Verfilmung mit Heino Ferch bekannt – gegraben hatte, arbeitete er vor fast 50 Jahren daran, von der Brunnenstraße 137 im Westen zur Hausnummer 142 im Osten durchzubrechen. 120 Meter hoben sie aus, ehe die Stasi sie auffliegen ließ. Pfeifer ist selbst 1961 durch die Kanalisation in den Westen geflohen und heute Mitglied im Verein Berliner Unterwelten.

Mit Berliner Schnauze und DDR-Erfahrung

Bei all den Schicksalen, von denen Klaus Erxleben mit seiner Berliner Schnauze berichtet, ist es ein Wunder, dass die Tour M nicht zu einer trübseligen Veranstaltung verkommt. Im Gegenteil: Die Mischung aus Spannung, Traurigkeit und Berliner Humor sorgt dafür, dass die zwei Stunden wie im Flug vergehen. Und es ist mit Sicherheit von Vorteil, dass Erxleben aus dem Osten ist und nicht mit westlicher Besserwisserei auf die DDR, ihre Bürger und die Fluchten sieht. Beeindruckend bleibt übrigens immer noch, wie der Verein es ohne öffentliche Mittel geschafft hat, vor acht Jahren die Gewölbe der Oswald-Berliner-Brauerei komplett freizulegen, um schon mit Modellen dort das Gefühl zu vermitteln, zu was Menschen fähig sind, wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. Der brandneue 30 Meter lange Besuchertunnel rundet die Führung sehr eindrücklich ab und macht deutlich, dass die Freiheit in jedem Fall ein schützenswertes demokratisches Gut ist. Ein Must-See nicht nur für Schulklassen.

Berliner Unterwelten-Museum/Berliner Unterwelten e.V., Brunnenstr. 105, 13355 Berlin

Telefon 030 49910517

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