Gründer-Boom

Hauptstadt der Ideen

Wooga gehört zu den erfolgreichsten Berliner Startups. Inzwischen arbeiten hier 150 Mitarbeiter. 250 sollen es Ende des Jahres sein.
Wooga gehört zu den erfolgreichsten Berliner Startups. Inzwischen arbeiten hier 150 Mitarbeiter. 250 sollen es Ende des Jahres sein.
An der Spree wurden seit 2006 so viele neue Firmen gegründet wie nirgends sonst in Deutschland. Doch die meisten der Berliner Start-ups sind bereits nach drei Jahren wieder verschwunden.

Das setzt viel Mut voraus: 2008 schmiss Jens Begemann seinen leitenden Posten in einer Berliner Internetfirma, um seine eigene Firma zu gründen. Diesen Plan hatte der Mittdreißiger schon lange. Dafür mussten Ersparnisse und viel Energie eingesetzt werden. Heute ist World of Gaming, kurz: Wooga, einer der größten Spieleanbieter bei Facebook. 2011 erhielt Wooga noch einmal eine Finanzspritze von 24 Millionen Dollar – Risikokapital. Mittlerweile arbeiten 150 Mitarbeiter aus 28 Nationen für das Start-up. In diesem Jahr will Begemann 100 zusätzliche Stellen in Berlin schaffen.

6Wunderkinder, Gidsy, Sugarhigh oder Wooga heißen die neuen Berliner In-Unternehmen. Sie sind der neueste Trend im Internet. Andere Gründer liefern Getränkekisten, braten Würstchen oder reparieren tropfende Wasserhähne – und sind plötzlich ihr eigener Chef. 2011 haben fast 49.000 Berliner den großen Schritt gewagt – so viele wie noch nie seit Beginn der Zählung.

Hohe Gründungsquote in Berlin

War Berlin bisher die Hauptstadt der Hartz-IV-Empfänger, ist sie nun zur Hauptstadt der Firmengründer avanciert. Nicht nur historisch, auch im bundesweiten Vergleich liegt Berlin in Sachen Existenzgründung vorn. Im Zeitraum von 2006 bis 2010 gab es in keinem Bundesland bezogen auf die Bevölkerungszahl mehr neue Selbstständige, wie die KfW-Bankengruppe exklusiv für den Tagesspiegel berechnet hat.

2,7 Prozent der 18- bis 64-Jährigen haben an der Spree eine Firma gegründet. In Hamburg waren es 2,5 Prozent, in Bremen 2,0 Prozent. „In Ballungsräumen gibt es einen großen Absatzmarkt, genügend Arbeitskräfte und kurze Transportwege, deshalb ist die Gründungsquote dort höher“, erklärt Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW. Vor allem in Berlin – hier werden 50 Prozent mehr Unternehmen gegründet als im Rest der Republik.

Das Aushängeschild der Gründerszene ist die Internet-Wirtschaft. Junge Kreative treffen sich hier, angezogen von der Aufbruchsstimmung, den geringen Mieten und Gehältern. Experten vergleichen Berlins Szene mit der von New York und San Francisco. Sie ist das neue Kapital einer Stadt, die ihren Vorkriegs-Nimbus als wichtigste europäische Industriemetropole durch die Teilung eingebüßt hat.

Der typische Gründer: männlich, unter 44, Facharbeiter

Der jahrelange Niedergang der Wirtschaftskraft scheint jetzt gestoppt, es entsteht etwas Neues. Das ist wichtig, denn vor allem Konzernzentralen mit ihrer Strahlkraft fehlen, den letzten Dax-Konzern verlor Berlin 2006, als Bayer Schering schluckte. „Vermutlich wird nicht jede Internet-Firma das nächste Google sein“, sagt Wirtschafts-Staatssekretär Christoph von Knobelsdorff. „Aber es gibt die Chance, dass welche dabei sind, die morgen für eine hohe Wertschöpfung am Standort Berlin sorgen.“ Einen sich selbst verstärkenden Effekt beobachtet Hartmut Mertens, Chefökonom der Investitionsbank Berlin. „Berlin ist hip, das zieht Touristen und Kreative an. In der zweiten Welle kommen nun Kapitalgeber und Leute, die etwas von Dauer schaffen wollen.“

Aber nicht jeder Jungunternehmer sitzt im hippen Loft in Mitte und wartet darauf, von Google aufgekauft zu werden. Die meisten neuen Firmen entstehen in der Baubranche, im Handel und häufig im Gastgewerbe. Der typische Gründer eröffnet einen Ein-Mann-Betrieb, ist meist männlich, jünger als 44 und Facharbeiter. Die wenigsten – zwei von hundert – starten mit einer echten Weltneuheit am Markt. Und nach drei Jahren ist jeder Dritte bereits wieder verschwunden.

Kaum noch Zuschüsse für Gründer

Die meisten starten ohnehin nicht aus Überzeugung, sondern weil sie verzweifelt sind. In Städten wie Berlin gebe es „mehr Notgründungen von Leuten, die ansonsten keine Perspektive sehen“, weiß KfW-Experte Irsch. Viele wagen es einfach – mit einem Kiosk, als Änderungsschneider oder als Franchisenehmer einer der großen Ketten wie Subway. Oder sie nehmen einen Mini-Job an und betreiben das eigene Unternehmen nur im Nebenerwerb vom Homeoffice aus.

Zwar gibt es in Berlin ein umfangreiches Beratungsangebot für Firmengründer, von der Industrie- und Handelskammer bis zu Privatkursen. Doch die Arbeitsagenturen wissen um das häufige Misslingen der jungen Firmen. Angesichts der auch in der Hauptstadt immer besseren Arbeitsmarktlage raten sie im Zweifel eher zum festen Job als zum Risiko Unternehmertum. Hinzu kommt, dass sie ihre Zuschüsse für die Gründer drastisch zurückgefahren haben, im März bekamen nur noch 67 den Gründerzuschuss. Neue Rekorde bei den neuen Firmen wird es daher 2012 eher nicht geben. „Insgesamt dürfte die Gründerzahl eher zurückgehen“, prognostiziert Fachmann Irsch.

Ein Gründer-Boom bringt zwar Schwung in die Unternehmenslandschaft – er ist aber nicht nur vorteilhaft. „Je mehr Selbstständige es gibt, desto geringer ist die Wirtschaftsleistung pro Kopf“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Vorteile für einen Standort seien keinesfalls ausgemacht. Die höchste Selbstständigenquote Europas habe ausgerechnet Griechenland. „Berlin sollte sich andere Vorbilder suchen“, rät Brenke.


Quelle: Der Tagesspiegel

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