Neue Kulturstätte für Berlin

Neu in Charlottenburg: Das Kieztheater Globe

Neu in Charlottenburg: Das Kieztheater Globe
Romeo und Julia, hier noch glücklich vereint.
20 Jahre lang hat Christian Leonard auf sein Open-Air-Theater gespart. Architektonisch an das berühmte Globe Theater Shakespeares angelehnt, ist die neue Kulturspielstätte auf der Charlottenburger Mierendorff-Insel ein Ort für Schauspiel, Wortkunst und Weltmusik.

Mit Romeo und Julia kann man heute vermutlich keinen Jugendlichen mehr hinter dem Smartphone hervorlocken. Oder doch? Christian Leonard will das zumindest versuchen: Sein Lebensprojekt ist der Bau eines Globe Theaters in Berlin. Und er fast ist am Ziel: Seit Juni zeigt er auf der Mierendorff-Insel an der Spree in Charlottenburg seine Vorführungen. Natürlich getreu der Shakespeare-Theatermanier in einem achteckigen Rondell. Zwar sieht das provisorische Theater derzeit noch nicht so spektakulär aus wie das Original in London, inhaltlich lässt es das Globe Ensemble aber schon mal krachen.

Um auch und vor allem Jugendlichen klassische Stücke schmackhaft zu machen, hat der Regisseur, Schauspieler und Theatermacher sogar den englischen Originalext von Julia und Romeo selber übersetzt – selbstverständlich mit dem gleichen Reimschema, Versmaß und der Sprachmelodie Shakespeares. Dabei kommen prägnante Weisheiten heraus wie „Traurige Stunden dauern länger“ oder wunderschöne Reime wie „Hasserfüllte Liebe, lieber Hass, nur das Extrem ist hier das Maß“. Das ist poetisch, aber nicht altbacken und scheint zu wirken – im Publikum sitzen einige junge Menschen.

Auch die Rollen des Klassikers sind im Globe neu interpretiert und zeigen Parallelen zu heutigen Lebensentwürfen: Aus Julias Eltern wird eine strenge, alleinerziehende Mutter und die Montague-Clique, zu der auch der unsterblich verliebte Romeo gehört, gleicht einer hübschen, Popsongs trällerenden Boyband. Nicht fehlen darf natürlich eine wunderschöne rothaarige Julia aus dem verfeindeten Clan der Capulets. Diese wird streng erzogen, während die Jungs sich ausleben und Unruhe stiften dürfen –  ein Erziehungsmodell der Renaissance, das sich auch heute noch häufig finde, wie Leonard sagt. Auch einige deftige sexuelle Anspielungen kommen – wie im Original – vor. Leonard schafft es dabei, die Waage zu halten zwischen frech und vulgär. Die Schüler*innen werden auf alle Fälle ihre Freude haben an gewissen Szenen und oberkörperfreien jungen Männern, so viel ist klar.

Die Monatgues mit Romeo, die obene ohne auf der Bühne sind, sowie Julias Amme mit Koch.
Viele Emotionen erwarten die Besucher bei Romeo und Julia - und auch einige pikante Szenen.

Open-Air Theater à la Shakespeare

Die jungen Schauspieler*innen des 17-köpfigen Globe Ensembles machen ihre Sache sehr gut, selbst wenn ihre Stimmen manchmal etwas leise sind. Sie müssen aber auch einiges leisten: Ganze 80 Aufführungen von Romeo und Julia wird es in der Spielzeit von Juni bis September zu sehen geben. Außerdem noch Stücke wie Bukowskis Nach dem Kuss oder Brechts Über die Verführung von Engeln. Da ist es kein Wunder, dass die Julia sich bereits ein wenig heiser anhört. „Jeder Tag ist ein Kraftakt“, bestätigt Theatermacher Leonard. Trotzdem spielen alle Schauspieler*innen mit Hingabe und nicht nur das – sie singen, tanzen, fechten und kämpfen in drei Richtungen gleichzeitig und schaffen es trotzdem, den Straßenlärm nebenan vergessen zu lassen. Das ist handwerkliches Multitasking und eine besondere Herausforderung, die die Architektur des kreisförmigen Globe mit sich bringt: Sie müssen die Zuschauer*innen auf jedem Platz mit einbeziehen und fesseln. Und das ohne Bühnenbild – die Fantasiereise soll hier vorwiegend im Kopf stattfinden, das Publikum muss schon ein wenig selber mitdenken.

Die besondere architektonische Bauweise des Globe Theaters entstand aus der Zeit antiker Marktplätze, auf denen einfach ein fahrender Theaterwagen aufgeklappt wurde und die Zuschauer*innen im Kreis rundherum saßen. Diese räumliche Nähe, durch die eine enge Verbindung mit dem Publikum entsteht, nimmt auch das – im Original mehrstöckige – Globe wieder auf. Die Menschen sitzen nicht wie in heutigen Spielstätten im Dunklen, sondern sind sichtbar und werden auch von den Schauspieler*innen aktiv mit einbezogen. So entsteht ein intensives Erlebnis für Jung und Alt und eine tolle kulturelle Bereichung für den Kiez – wenn das Theater denn bleiben darf.

Eine elektronische Visualisierung des Globe Theater.

So soll das Globe später einmal aussehen.

Voller Einsatz für das Globe

Noch fehlt nämlich der notwendige Erbpachtvertrag des Senats, der schon Monate überfällig ist. Dieser ist jedoch notwendig, um Investoren zu bekommen. „Die Berliner Politik brüstet sich gerne mit unserem Projekt, unterstützt uns allerdings nicht. Das Risiko ist voll auf unserer Seite“, klagt Christian Leonard. Im Oktober schon soll das provisorische Globe einem dauerhaften, mehrstöckigen Bau weichen. Für die Berliner Kultur wäre das Theater eine Bereicherung, schließlich gibt es deutschlandweit nur noch zwei Mal diese historische Theaterform. Zumindest von den Anwohner*innen kommt Unterstützung – diese hätten schon beim Aufbau mitgeholfen und freuten sich über das neue kulturelle Begegnungszentrum. Leonard hat über eine halbe Million Euro in sein ehrgeiziges Herzensprojekt gesteckt – hoffen wir, dass seine Geschichte im Gegensatz zu Romeo und Julia ein Happy End haben wird.

Globe Theater, Sömmeringstraße 15, 10589 Charlottenburg

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