Studie zu Berliner Bezirksbewohnern

Spießige Steglitzer, arme Lichtenberger. Oder?

Spießige Steglitzer, arme Lichtenberger. Oder?
Dem Spandauer lacht die Sonne entgegen. In anderen Bezirken geht's nicht ganz so heiter zu.
Seit der Veröffentlichung der Hertie-Berlin-Studie 2014, die die Meinung und Einstellung der Bewohner zu unserer Stadt aufdeckt, wissen wir, dass in Spandau die glücklichsten Berliner wohnen. Dabei lässt sich aus den Forschungsergebnissen noch viel mehr Spannendes herauslesen: Wie ist er so drauf, der gemeine Pankower, Schöneberger oder Köpenicker? Wo wohnen die meisten Ur-Berliner? Und wie fühlen sich eigentlich die Zugezogenen in Berlin?

Soviel vorweg: 93 Prozent der Berliner leben gern oder sehr gern hier. Besonders viele davon sind in der Hauptstadt geboren. „Das ist unser Grundoptimismus, klar“, wird der ein oder andere jetzt denken. Tatsächlich ist die Zufriedenheit der Berliner in den letzten fünf Jahren sogar gestiegen, etwas unzufriedener sind nur die Neu-Berliner geworden. Aber sei’s drum, die brauchen auch nicht mehr lange: Nach etwa zehn Jahren fühlt sich jeder ganz oder fast als Berliner. In der ganzen Stadt behaupten das 73 Prozent von sich, obwohl fast die Hälfte der 2012 von der Hertie-Stiftung befragten Probanden nicht aus Berlin kommen. Was die Studie über die Bewohner unserer zwölf Bezirke verrät, haben wir für euch zusammengefasst.

Charlottenburg-Wilmersdorf
Hier ist’s elitär. Die Hertie-Stiftung verortet in Charlottenburg gleich zwei Eliten: die „aufgeklärte Bildungselite“ und eine „effizienzorientierte Leistungselite“. Und diese wohnen auch noch in einem der drei zufriedensten Stadtteile. Ob darum viele Neu-Berliner hierher kommen? Jedenfalls hat das nichts daran geändert, dass der Bezirk einer der ältesten Berlins ist. Noch mehr alte Menschen leben nur in Steglitz-Zehlendorf.

Friedrichshain-Kreuzberg
Die Hertie-Berlin-Studie verortet vor allem hier eine „ambitionierte kreative Avantgarde“, die gut vernetzt, mobil und „auf der Suche nach neuen Grenzen und Lösungen“ ist. In Friedrichshain-Kreuzberg werde nicht nur in Sachen Wirtschaft global und effizient gedacht. Dazu passt, dass die Bewohner des Bezirkes nicht mal mehr zur Hälfte aus Berlin, sondern vor allem aus dem Ausland kommen. Insgesamt ist der Bezirk der jüngste Berlins. In Sachen Konsum und Stil und ihrer Kompetenzen in der IT- und Multimediabranche zählen die Kreuzberger und Friedrichshainer zu den Vorreitern Berlins, so die Hertie-Stiftung. Trotzdem leben hier besonders viele unzufriedene Alt- und Neu-Berliner.

Lichtenberg
Hier bemüht man sich trotz geringer Aufstiegschancen und hoher sozialer Benachteiligung darum, mit dem Konsumstandard der Masse mitzuhalten, berichtet die Hertie-Studie. Außerdem ist Lichtenberg einer der Bezirke mit den meisten Unzufriedenen. Trotzdem haben die Lichtenberger viele intellektuelle Interessen und wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Hier leben besonders wenige Menschen aus dem Ausland, aber die meisten Neu-Berliner, die es vor mehr als zehn Jahren in die Hauptstadt verschlagen hat. Nach Ur-Berlinern sollte man in Lichtenberg nicht suchen – schlechtere Aussichten dararauf, ein Exemplar dieser Spezies zu finden, gibt es nur in Mitte.

Marzahn-Hellersdorf
Mit Marzahn-Hellersdorf ist das Triple der unzufriedensten Berliner Bezirke komplett. Hierher finden besonders wenige ganz neue Berliner, allerdings viele von denen, die schon seit mehr als zehn Jahren in der Hauptstadt leben. Entsprechend der Studie gibt es in Marzahn-Hellersdorf besonders wenige kreative und ambitionierte Menschen, stattdessen viele Zukunftsängste und Ressentiments. Allerdings: Hier sind auch viele Hedonisten zu Hause und man ist besonders frei von Konventionen und Erwartungshaltungen. Doch man sollte nicht vergessen, dass die Hertie-Studie abgeschlossen war, bevor viele Kunstprojekte ihre Zelte in Marzahn-Hellersdorf aufgeschlagen haben. Ob sich nun etwas ändert?

Mitte
Mitte ist der mobilste aller Bezirke und zwei Drittel der Einwohner hier sind nicht in Berlin geboren. Kein Stadtteil ist internationaler und wird von Neuberlinern so häufig als Anlaufpunkt gewählt. Entsprechend jung sind auch die Menschen, die hier leben. Außerdem konsumiert man in Mitte kritisch, versucht, „richtig“ zu leben und gibt sich vielfältig.

Neukölln
Frei von Konventionen und frei nach dem Motto „Mit dem Dispo in die Disco“ geht es in diesem lebendigen Bezirk zu. In Neukölln zählt sich kaum jemand zum „bürgerlichen Mainstream“, dafür leben hier neben Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg die meisten Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Außerdem leben hier besonders viele, die vor mehr als zehn Jahren in die Hauptstadt gekommen sind.

Pankow
Pankow zählt sowohl zu den jüngsten, als auch zu den am wenigsten internationalen Bezirken. Ur-Berlinern wird an dieser Stelle vielleicht ein Kommentar auf der Zunge liegen, sehen doch einige vor allem den Prenzlauer Berg als schwäbische Kolonie zur Familienerweiterung an. Tatsächlich glänzt dieser Bezirk in der Studie vor allem durch Unauffälligkeit, hier scheint also jeder Charakter sein Plätzchen zu finden. Die meisten Zugezogenen findet man woanders und die Pankower sind im Durchschnitt auch nicht viel ambitionierter, kreativer oder erlebnisfreudiger als der Rest Berlins. Alles im Lot.

 

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Reinickendorf
Glaubt man der Hertie-Studie, dann lebt hier die „erlebnisorientierte moderne Unter- und untere Mittelschicht“ Tür an Tür mit der Sicherheit und Ordnung liebenden, sparsamen Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Hier treffen die, die Konventionen ablehnen auf solche, die sich Notwendigkeiten anpassen. Wem der Weg nach Spandau zu weit ist, der findet in Reinickendorf besonders viele Ur-Berliner und besonders wenige Zugezogene. In der Hertie-Studie fällt Reinickendorf vor allem dadurch auf, dass es der einzige Berliner Bezirk ist, in dem die Menschen in den letzten Jahren unzufriedener geworden sind.

Spandau
Nach wie vor sind die Berliner hier am zufriedensten, aber auch am ältesten und es gibt hier die meisten gebürtigen Berliner. Davon abgesehen fällt Spandau in der Studie nur geringfügig dadurch auf, dass es hier auch viele kleinbürgerliche Berliner gibt, die Sicherheit und Ordnung schätzen.

Steglitz-Zehlendorf
Was es in Steglitz-Zehlendorf nicht gibt, das sind junge Leute ohne Geld auf der Suche nach Spaß. Stattdessen verortet die Hertie-Stiftung hier viele anpassungsbereite Bürger höheren  Alters, die sich in der gesellschaftlichen Ordnung sicher und harmonisch eingerichtet haben. Auch die aufgeklärte Bildungselite ist in Steglitz-Zehlendorf zu Hause. Kein Wunder also, dass die Berliner auch hier angeben, besonders zufrieden zu sein.

Tempelhof-Schöneberg
Dieser Bezirk ist individuell: Hier lebt ein besonders großer Anteil des „klassischen Establishments“, so die Hertie-Studie. Der Tempelhofer und Schöneberger ist verantwortungsbewusst, strebt nach Erfolg und Exklusivität. Zu denen, die diesen Ansprüchen nicht genügen, hält er oft Abstand.

Treptow-Köpenick
Berlins flächenmäßig größter Bezirk ist vor allem alt. Das Durchschnittsalter beträgt hier 45,5 Jahre. Trotzdem gibt es viele Menschen, die sich in der IT- und Multimedia-Branche auskennen, sowie eine „Konsum- und Stil-Avantgarde“. Allerdings konsumiert man in Treptow und Köpenick bewusst, gibt sich politisch korrekt und globalisierungsskeptisch. Aber hier findet sich auch die sicherheitsliebende traditionelle Arbeiterkultur mit einem Hang zu Sicherheit und Ordnung.

So unterschiedlich wir auch sind, in einem sind sich alle Berliner, ob gefühlt oder gebürtig, einig. Die Studie zeigt, wir lieben unsere Stadt. Auch wenn, oder gerade weil, Berlin nirgendwo einheitlich ist und auch kein wirtschaftlicher Überflieger. Immerhin: fast 70% der befragten Berliner gehen davon aus, dass sich die Hauptstadt in den nächsten fünf Jahren zum Positiven entwickeln wird. Kiek an, da ist er wieder, unser natürlicher Grundoptimismus.

Die ganze Studie zum detaillierten Nachlesen gibt es zu kaufen. Weitere Infos und die wichtigsten Ergebnisse der Hertie-Berlin-Studie 2014 könnt ihr hier nachlesen.

 

Spießige Steglitzer, arme Lichtenberger. Oder?, Carl-Schurz-Straße 15-21, 13597 Berlin
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