• Donnerstag, 11. Mai 2017
  • von Yuki Schubert

Filmstart

Techno-Doku: Denk ich an Deutschland in der Nacht

  • Ein Club mit einer großen Menge und DJ-Pult.
    In seiner vierten Doku über Techno porträtiert Romuald Karmakar fünf erfolgreiche DJs. Foto: externe Quelle - ©Arden Film GmbH 2017

Schallende Bässe, schnelle Schnitte und ein Sog, der den Zuschauer mitten hineinnimmt in die Party-Nacht. So stellt man sich eine Techno-Doku vor: Romuald Karmakar nimmt uns zwar mit in den Club, aber in seinem neusten Film entdeckst du vor allem die leisen Momente des Technos.

Irgendwo inmitten von Kabelsalat, Boxen, Mischpulten, Platten und Verstärkern sitzt der Berliner DJ Ricardo Villalobos. In seiner eigenen kleinen Schaltzentrale arbeitet er gemeinsam mit den "Kontrolleuren", wie er seine Gerätschaften liebevoll nennt. Wie ein Chemieprofessor, der seine Reagenzgläser begutachtet, wirkt der 46-Jährige, als er eine Platte aus den 80ern von der experimentellen Künstlergruppe Minus Delta t anhört. Minutenlang können die Zuschauer ihn dabei beobachten und bald stellt sich die Frage, was wird er wohl daraus zaubern?

In Ricardo Villalobos Schaltzentrale blinkt und summt es. © Arden Film GmbH In Ricardo Villalobos Schaltzentrale blinkt und summt es. © Arden Film GmbH

So beginnt die neue Doku Denk ich an Deutschland in der Nacht (bezieht sich auf Heinrich Heines Gedicht Nachtgedanken) von dem in Berlin lebenden Regisseur Romuald Karmakar über die deutsche Technoszene. Die Doku will keine chronologische Reise mit dem Zuschauer vollziehen und ein historisches Ereignis nach dem nächsten nennen, sondern die Auseinandersetzung mit der Musikrichtung steht im Vordergrund.

Dafür nutzt Karmakar einen persönlichen Zugang und folgt gemeinsam mit dem preisgekrönten Kameramann Frank Griebe (Lola rennt, Das Parfum) fünf etablierten DJs. Sonja Moonear, Ricardo Villalobos, Roman Flügel, Move D und Ata Macias sind allesamt bereits seit den 90ern im Geschäft.

Zwischen Vogelgezwitscher und Weltall

Die Zuschauer landen so mit dem Frankfurter DJ Ata Macias auf der grauen Couch mit Weinflecken. Dabei erzählt er davon, wie sich Deutschland und die USA in der Entwicklung der Clubmusik beeinflusst haben und wie ihn besonders Platten eines afroamerikanischen Soldaten aus seiner Nachbarschaft geprägt haben. Der Kult-DJ, der sowohl im Dorian Gray als auch im Omen aufgelegt hat und schon Besitzer von Plattenladen und Label war, spricht aber auch von Momenten, in denen er der Musik anders begegnet ist: Er verkaufte seine gesamte Plattensammlung und "hörte lieber Vogelgezwitscher".

Zurück zum Natur-Sound geht es auch mit Move D bei einem Spaziergang im Grünen irgendwo in Heidelberg. Umgeben von Obstbäumen fängt er an vom Luftzug unter der Tür als Sound zu sprechen und entspinnt damit einen Vortrag über die Geräusche einer Stadt bis hin ins Weltall. So geht Liebe zur Musik.

Der Heidelberger David Moufang alias Move D philosophiert im Grünen. © Arden Film GmbH Der Heidelberger David Moufang alias Move D philosophiert im Grünen. © Arden Film GmbH

Besonders einprägsam in der Doku sind die Szenen, in denen Roman Flügel und Ricardo Villalobos auflegen. Bei Letzterem geht die Kamera in die Untersicht, sodass noch mehr die Trance, das Schwitzen und Verlieren in eine andere Sphäre betont wird. Dabei sind die Szenen unfassbar lang gefilmt, ohne laut zu sein oder partybesessen. Flügel, der regelmäßig auch in der Panorama Bar im Berghain auflegt, wird gezeigt wie, er in einem riesigen Club an den Reglern steht, um ihn herum tanzendes Partyvolk – doch plötzlich komplette Stille. Alles was bleibt, sind die Bewegungen von DJ und Menschen, die alle nun dem analytischen Auge freigegeben sind.

Fazit: Romuald Karmakar bringt in seiner vierten Auseinandersetzung mit dem Thema Techno seit der Doku 196BPM (2002) den Zuschauer in leere Clubs im Tageslicht oder in die Heidelberger Natur und lässt die fünf Protagonisten darlegen, wie sehr sie Teil ihrer Musik und der damit einhergehenden Kultur sind. Dabei philosophieren sie über historische und soziale Zusammenhänge und weben so ein Netz aus Informationen, in der die elektronische Musik sich entwickelt. So blickt Karmakar auf die DJs als Künstler und zeigt, wie sich durch die ganzen anderen Einflüsse, wie zum Beispiel, dass Ricardo Villalobos mit dem jazzigen Berliner Projekt Ambiq auftritt, letztlich die Person hinter den Reglern formt und damit die Techno-Musik und die Bewegung prägt.

Der Filmstart ist der 11. Mai. Du kannst die Doku unter anderm im fsk am Oranienplatz oder im b-ware! Ladenkino in Friedrichshain anschauen. Eine komplette Übersicht über die Kinos, in denen Denk ich an Deutschland in der Nacht läuft, findest du auf der Website des Verleihers Rapid Eye Movies.

Berghain / Panorama Bar

Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin

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Quelle: QIEZ
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