• Dienstag, 06. März 2012

Immer weniger Lichtspieltheater in Berlin

Rettet die Kinos

Rettet die Kinos

Die Zahl der Berliner Lichtspieltheater sinkt und sinkt. 1990 waren es 40 mehr als jetzt. Wenn das Kino überleben will, muss es sich teurer verkaufen.

22 Kinos logierten einst am Ku’damm, geblieben sind davon zwei. Dass parallel zum Niedergang der West-City auch die Filmpaläste verschwanden, das edle Gloria, die Filmbühne Wien, das Marmorhaus, das alte Astor – man erinnerte sich unwillkürlich daran, als sich im Juni 2011 am Tauentzien auch noch das kleine Broadway verabschiedete. Seit dem Mauerfall hat auch Ostberlin Verluste zu beklagen, vom Börse-Kino des Progress-Verleihs über das Kosmos an der Karl-Marx-Allee bis hin zum Venus in Hohenschönhausen und zum Forum in Köpenick. 40 Lichtspielhäuser haben seit 1990 in Berlin ihr Leben ausgehaucht, Traditionshäuser an den Boulevards genauso wie Kiezkinos.

Großes Klagen tut dennoch nicht not. 95 Spielstätten gibt es in Berlin heute. Das sind zwar 15 weniger als noch 1997, doch der Europatrend vermeldet schlechtere Zahlen. Und dem Schwinden des Publikums zum Trotz stieg der Umsatz, dank höherer Eintrittspreise für 3-D-Vorführungen. Die immer noch rund 270 Kinosäle der Stadt stellen eine immer noch paradiesische Vielfalt sicher. Sind halt bloß weniger Einzelhäuser und umso mehr Multiplex-Kinos, sagen manche – und erwähnen nicht, dass die Zuschauer wegbleiben und es ausgerechnet die Arthouse-Kinos erwischt, die Anderes und Nachhaltigeres zeigen als Fantasy, Action und Fastfood-Spaß.

Reichhaltiges Kulturangebot der Stadt zieht Publikum von den Kinos ab

Seit 2001 vermelden die Kinos in den Hackeschen Höfen etwa fünf Prozent weniger Zuschauer pro Jahr, doch 2012 geht der Trend wieder aufwärts. Das liegt an den Filmen, sagt Burkhard Voiges, der Programmdisponent der Hackeschen Höfe. Bald läuft der neue Woody Allen an, von Trier, Almodóvar Kaurismäki – der Herbst wird erfolgreich, so viel ist klar.

Bei den Yorck-Kinos bleiben die Zahlen seit einigen Jahren zwar stabil, aber auch Yorck-Chef Georg Kloster unterstreicht die Bedeutung des Filmangebots für die Lichtspielhäuser. Ihre Konkurrenz sind weniger die Blockbuster-Kinos als vielmehr die immer vielfältigeren Berliner Kulturangebote: Jede Lange Nacht der Theater oder Museen, jeder Karneval der Kulturen, jedes andere Event lockt Publikum an – und von den Kinos weg.

3D als langfristiger Kassenschlager umstritten

Ursachen für die Krise gibt es viele. Schon lange bietet das Kino nur noch eine unter vielen Abspielmöglichkeiten. Der Film ist jetzt mobil, es gibt ihn auf DVD, als Home-Entertainment mit Flachbildschirm in Übergröße, als Download auf dem PC, dem Smartphone, dem iPad. Genau genommen sind nicht die Filmzuschauer weniger geworden, sondern die Kinogänger: 2006 waren es in Deutschland gut 136 Millionen, 2010 noch 126. Die größte Gefahr besteht in der Provinz. 2009 sank die Anzahl der bundesweiten Kinostandorte erstmalig seit Messung unter 1.000.

Rettet das Kino, fragt sich nur wie. Gegen die erste Sterbewelle beim Siegeszug des Fernsehens in den Sechzigerjahren behalf man sich mit den Schachtelkinos. Die zweite Krise nach der Einführung der Videokassette und des Privatfernsehens in den Achtzigerjahren wurde mithilfe der Multiplexe ausgefochten. Jetzt, zur Zeit der DVD und der Piraterie, sind es "Avatar" und Co. Jedoch: Experten sind sich uneins darüber, ob die Wunderwaffe 3D auf Dauer umsatzstabilisierende Kräfte entfaltet.

Sind die älteren Kinogänger die Lösung?

Das digitale Zeitalter sorgt allerdings nicht nur für neue Schauwerte und größere Verwertungskonkurrenz, sondern auch für gewaltige Kostenverschiebungen. Für Verleiher und Filmemacher ist das Material erheblich günstiger geworden: eine Zelluloidkopie kostet ganze 1.200 Euro, ein digitaler Datensatz hingegen nur 80 Euro. Und ausgerechnet jetzt, da die Kinos dem schärferen Verwertungswettbewerb ausgesetzt sind und zusätzlich das Zeitfenster zwischen Kinostart und DVD- wie TV-Auswertung immer kürzer wird, sollen die Kinos ordentlich investieren. Ein digitaler Vorführapparat, der die lukrativen Hollywoodformate abspielen kann, schlägt mit 70.000 Euro zu Buche.

Ist die Flucht nach vorn geboten? In der Hauptstadt läuft bereits der Betrieb in den ersten Lichtspieltheatern der Zukunft: die Astor Film Lounge am Ku’damm, mitsamt Leder-Liegesitzen und Bedienung am Platz. Der Betreiber – der Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe – will bis zum Herbst 2012 auch den Zoo-Palast zum komfortorientierten Filmtheater umgerüstet haben. Für die betagtere Generation, die mehr fürs Ticket hinlegt, sofern der Abend auch mehr Angenehmes verspricht. Kino de luxe, mit rotem Wein und einer Auswahl an Speisen: Hier ist Wachstumspotenzial zu Gast. Das Publikum altert. Die Generation 40 plus geht mit zunehmender Häufigkeit ins Kino, die über 60-Jährigen sogar dreimal so viel wie noch vor einem Jahrzehnt.

Ein zielgruppenspezifisches Programm bringt auch Publikum

Was die letzten Traditionshäuser angeht, besteht Anlass zur Hoffnung. Langsam macht die Idee die Runde, dass die Säle tagsüber für Konferenzen und Seminare vermietet werden können. Doch das Gebäude ist nur die halbe Miete. Dauerhaft wird vor allem die Attraktivität eines spezialisierten Programms helfen.

Am katastrophalsten, so Burkhard Voiges, ist die aus reiner Angst produzierte Mischware. Besonders in Deutschland entstehen immer mehr Kinofilme, die wie Fernsehfilme aussehen – Kassengift für ein Lichtspielhaus wie die Hackeschen Höfe. Voiges’ Meinung: "In der Branche wird zu viel nebeneinander her gearbeitet, die Produzenten wissen nicht, was im Kino läuft. Wir müssen mehr miteinander kommunizieren." Wer seiner Zielgruppe jedoch das Richtige anbietet, der braucht sich nicht vor dem Download-Zeitalter zu fürchten. Das beweist der aktuelle "Harry Potter"-Rekord genauso wie die zwei Millionen Zuschauer für "Das Leben der Anderen" oder die knapp 700.000 Kinogäste für "Das weiße Band".

Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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