• Donnerstag, 03. Mai 2012

Gedenken auf Porzellan

Tafeln erinnern an prominente Berliner

  • Gedenktafel Eiserner Gustav Berlin
    Ursula Buchwitz-Wiebach, die Enkelin des 'Eisernen Gustav', vor der Berliner Porzellan-Gedenktafel, die ihrem Großvater gewidmet ist. Foto: dapd - ©Felix Abraham/ddp

Auf edlem weißen Porzellan der Königlichen Porzellan-Manufaktur wird in Berlin an berühmte Söhne und Töchter der Hauptstadt gedacht. Inzwischen gibt es 400 solcher Gedenktafeln, doch nicht jeder Vorschlag kann berücksichtigt werden. Ob ein Prominenter 'ehrwürdig' genug für eine Tafel ist, entscheiden die ehrenamtlichen Helfer eines Vereins.

Gelegentlich verschwinden die begehrten Stücke sogar. Die Gedenktafel für die Schauspielerin Adele Sandrock, die an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Leibnizstraße 60 in Charlottenburg angebracht war, wurde eines Tages beim Internetanbieter Ebay zum Verkauf angeboten. Sie wurde sichergestellt und wieder aufgehängt. Taucht eine Tafel nicht wieder auf, wie etwa die zu Ehren von Alfred Döblin, muss eine neue her, dafür braucht es immer auch Sponsoren. An Döblin wird ebenfalls in Charlottenburg gedacht, am Haus Kaiserdamm 28, wo der Schriftsteller wohnte und als Arzt praktizierte.

Die Berliner Gedenktafeln finden sich in der ganzen Stadt, sie sind etwa so groß wie eine Zeitungsseite im Querformat und werden aus feinstem weißen Porzellan der Königlichen Porzellan-Manufaktur hergestellt. Rund 400 Exemplare erinnern mit kobaltblauer Gravur an Menschen und Einrichtungen, die etwas in und für Berlin geleistet haben.

Aus dem Jahr 2002 stammt die neueste Tafel, die in Charlottenburg an den verstorbenen Kabarettisten Wolfgang Gruner als "Inbegriff der Berliner Schnauze mit Herz" erinnert. Weitere Tafeln sind geplant, etwa für Curt Heinrich Dathe, den ehemaligen Tierparkdirektor, und den Schauspieler Carl Raddatz, der dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte.

Eine erfolgreiche Geburtstagsidee

Um die Anbringung der Tafeln kümmert sich seit 1993 die Historische Kommission zu Berlin e.V. (HIKO) ehrenamtlich. In diesem Jahr des 775. Stadtgeburtstags Berlins hat sie mit 400 Tafeln das Ziel des Programms deutlich übertroffen. Das war zu Beginn nicht absehbar. Die Idee zu den Gedenktafeln geht auf die Vorbereitungen zum 750. Geburtstag Berlins zurück. Bis zur großen Feier im Jahr 1987 waren für jeden der damaligen West-Berliner Bezirke 20 Tafeln geplant. Die Finanzierung sollte die Berliner Sparkasse übernehmen. Doch zunächst scheiterten die weitreichenden Vorstellungen.

Hauseigentümer setzten sich zur Wehr, ehemalige Wohnorte von bedeutenden Persönlichkeiten waren nicht ermittelbar. Am Ende wurden aus den geplanten 240 Tafeln gerade einmal elf. Doch man blieb dran. Als zwei Jahre später die Mauer fiel, stellte die Sparkasse einen größeren Betrag für die neuen Bezirke zur Verfügung. Insgesamt wurde etwa eine halbe Million Euro investiert. Das Geld reichte bis ins Jahr 2000. Seitdem ist der Antragsteller für die Kosten verantwortlich, die heute 2952 Euro betragen. Privatpersonen, aber auch Sponsoren wie das Energieunternehmen Gasag und die Senatskanzlei/Kulturelle Angelegenheiten kommen für die Tafeln auf. 2011 kamen 16 Stück hinzu.

Ungleiche Verteilung

Das quantitative Ziel des Programms wurde übertroffen, doch die Verteilung ist ungleich. Über die Hälfte der Berliner Gedenktafeln hängen in zwei Bezirken: Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf. Insgesamt gibt es dort mehr als 200 Tafeln. Spandau und Marzahn kommen zusammen auf vier. Rosemarie Baudisch, Geschäftsführerin der HIKO, begründet das damit, dass die beiden Spitzenstandorte der Gedenktafeln schon immer beliebte Wohngebiete waren. "Da haben sich viele Künstler und Wissenschaftler angesiedelt." Und die Menschen, die heute in den Kiezen leben, wollen an sie erinnern.

Die Brüder Grimm, Marlene Dietrich, der Hauptmann von Köpenick, sie alle sind selbstverständlich unter den Geehrten. Doch die Initiative Berliner Gedenktafel möchte auch Persönlichkeiten gedenken, die in Vergessenheit geraten sind. In Köpenick hängt eine Tafel für Henriette Lustig. "Mutter Lustig" eröffnete 1835 in Köpenick die erste Lohnwäscherei und war somit die Gründerin einer ganzen Dienstleistungsbranche.

Es wird jedoch nicht allen Anträgen zugestimmt. Aus verschiedenen Gründen kann es auch zu einer negativen Entscheidung kommen. Baudisch erinnert sich an den Vorschlag für Frank Zander. Doch lebende Persönlichkeiten werden nicht berücksichtigt, ebensowenig jene, die nicht über einen Bezirk hinaus tätig wurden. "Dafür gibt es die bezirkseigenen Gedenktafeln", sagt Baudisch. Bei einer unklaren Vergangenheit in der Nazizeit würde sehr sorgfältig geprüft. Ein Parteibuch sei nicht in jedem Fall ein Hinweis auf die Überzeugung des Betreffenden, heißt es. Wenn Baudisch selbst sich für Tafeln einsetzen sollte, würde sie sich eine für Hildegard Knef und eine für Günter Pfitzmann wünschen.

Adresse

Kaiserdamm 28
14057 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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