• Dienstag, 03. April 2012

Integrationsproblem

Sie kommen in Scharen

  • Sinti und Roma
    Viele Roma finden keine Wohnung in Berlin. Foto: dapd - ©Steffi Loos

Die Zahl der Roma und Sinti, die sich dauerhaft in Berlin niederlassen, nimmt zu. Eine große Herausforderung für die Bezirke. Es hapert vor allem an Wohnungen und Schulplätzen.

In Berlin leben immer mehr Roma und Sinti. Der Integrationsbeauftragte des Senats sieht auf die Bezirke "neue Herausforderungen" zukommen. Die Erwartungen, dass die Familien aus Rumänien und Bulgarien, die seit dem EU-Beitritt 2007 häufiger in die Stadt kommen, nur in den Sommermonaten bleiben und dann wieder abreisen würden, "waren nicht richtig", so Günter Piening.

Vor allem die Schulen haben mit der Zuwanderung zu kämpfen, weil die neuen Schüler meist kein Deutsch sprechen und oft kaum lesen oder schreiben können. "Wir müssen sie auffangen", sagt Carsten Paeprer, Schulleiter der Hans-Fallada-Schule. Seit Jahren gibt es immer mehr rumänische Schüler in der Harzer Straße in Neukölln. 40 waren es vor einem Jahr, mittlerweile sind es 90. Nun beschäftigt die Schule zwei Dolmetscher. Doch der Blick auf die Anmeldungen zeigt, dass noch einmal 20 hinzukommen sollen. "Unsere Belastungsgrenze ist erreicht", so Paeprer.

Nahe der Schule, in der Harzer Straße, haben sich ganze Familienstämme hauptsächlich aus Fantanele bei Bukarest niedergelassen. 500 Menschen aus diesem Dorf sind bis heute in die Straße gezogen. Wie viele Roma und Sinti in Berlin leben, ist ungewiss. Schätzungsweise sind es 6000. Nicht jeder von ihnen ist angemeldet.

Arbeit nein, Gewerbe ja

Der Migrationsbeauftragte aus Neukölln Arnold Mengelkoch macht für den Ansturm "ein Schlupfloch im System" verantwortlich: Für rumänische und bulgarische Bürger gilt seit 2007 die Bewegungsfreiheit innerhalb der EU. Jobs auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu finden, ist für sie nicht möglich. Die Anmeldung eines Gewerbes wird ihnen wiederum gestattet. Dadurch ist ihnen ein dauerhaftes Bleiberecht sicher. "Und wenn es nicht klappt mit dem Gewerbe, haben sie in kurzer Zeit Anspruch auf Sozialleistungen und Kindergeld", erklärt Mengelkoch. 2400 Gewerbe waren im März in Neukölln von Rumänen und Bulgaren gemeldet. Bis zu 100 in nur einem Mietshaus. Vergeben werden die Räumlichkeiten von den Jobcentern. "Ich weiß nicht, wieso das dort niemandem auffällt", fragt sich Mengelkoch.

Dem Senat sei das Problem anfangs überhaupt nicht aufgefallen. So hat Neukölln 2011 auf eigene Faust den Roma-Statusbericht und einen Runden Tisch zum Thema einberufen. Aber auch Bezirke wie Mitte, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg haben das Problem der exponentiell steigenden Ansiedelung von Neuankömmlingen. "Man geht dorthin, wo Wohnraum zur Verfügung steht“, erklärt der Integrationsbeauftragte Piening das Problem. Für Sinti und Roma sei es extrem schwer, an Wohnungen zu kommen. Ihre Diskriminierung sei auch in Deutschland allgegenwärtig, an vielen Schulen höre man das Schimpfwort "du Zigeuner".

Problemlösungen kosten Geld

"Weil es so schwer ist, eine Wohnung zu finden, geraten Familien in die Hände von ausbeuterischen Vermietern", berichtet Christian Hanke, Bezirksbürgermeister von Mitte. Als 2009 mehrere Familien auf dem Leopoldplatz in Wedding hausten, sei man auf die Problematik aufmerksam geworden. Seither versucht der Bezirk mit einer Arbeitsgruppe und einem Roma-Beratungszentrum gegenzusteuern. "Wir gehen davon aus, dass viele gekommen sind, um hier zu bleiben. Und das erfordert dann einigen Aufwand."

Und ist sehr kostspielig. "Wenn jetzt noch eine große Zuwanderungswelle kommt, schaffen wir das nicht mehr", sagt die Bezirksbürgermisterin von Tempelhof-Schönefeld Angelika Schöttler. Vor allem in den Schulen stößt der Bezirk an seine Grenzen. "Es fehlt die Infrastruktur und die Finanzierung, um die Kinder aufzufangen." Alle Hoffnung setzt sie auf eine Arbeitsgruppe auf Senatsebene. Dort soll das Problem demnächst angegangen werden. Auch die Finanzverwaltung soll dabei eingebunden werden.

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Quelle: Der Tagesspiegel
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