• Mittwoch, 11. April 2012

Semesterbeginn

Der Student, das unbekannte Wesen

  • Erstsemester
    Wer füllt sie eigentlich, die Hörsäle in Berlin? Foto: dapd - ©Fabian Matzerath

Das Sommersemester hat begonnen und zahlreiche Studenten strömen wieder in Vorlesungssäle und Seminarräume. Doch wer füllt eigentlich die Reihen der Berliner Unis? Wir geben einen Einblick.

Der ewige Student

Sein Magisterstudium geht bereits ins 21. Semester. Für ihn bedeutet das Hochschulleben weniger konkrete Berufsvorbereitung als vielmehr die Möglichkeit, Menschen, Dinge und Zusammenhänge ständig neu zu begreifen. Von ehrgeizigen Bachelors hält er nicht viel. Die Jagd nach Studienpunkten erscheint ihm lächerlich im Verhältnis zum Streben nach Wissen und Erkenntnis. Dass er obendrein mit seinem Studienausweis günstig U-Bahnfahren und in der Mensa vorzüglich speisen kann, ist natürlich nur ein Nebenaspekt. Trifft er frühere Studienkollegen, die schon mit beiden Beinen im Berufsleben stehen, bedauert er gern die Hochschulpolitik, die ihm Fristen in Bezug auf seine Studiendauer setzen will.

Der greise Student

Er hat seine Karriere bereits hinter sich und sucht Ziele jenseits von Senioren-Reisen und Kaffee-Klatsch. In den Seminaren übertrifft er den Dozenten meist an Jahren und hält sich abseits von den jungen Studenten, um deren Ehrgeiz nicht zu stören. Dass er, wenn er auf den äußersten Sitzplätzen fleißig seinen Block mit handschriftlichen Anmerkungen füllt, schnell die innen liegenden Sitzgelegenheiten blockiert, stört nur wenige Kommilitonen. Wenn er allerdings die Vorlesungen in Politik oder Geschichte mit altklugen Kommentaren wie "So war es nicht, ich weiß es besser!" unterbricht, wandert mancher Blick frustriert zur Decke.

Der alteingesessene Student

Im Unialltag zählt der Urberliner zu einer Minderheit. Er setzt auf alte Bekannte und hat es nicht nötig, sich den zugezogenen Studienkollegen zu öffnen. Auf Erstsemesterpartys trifft man ihn daher selten - er feiert schon längst in den angesagten aber geheimen Ecken der Stadt. Psychische Belastungen wie Desorientierung im Großstadtgewimmel oder Sehnsucht nach Daheim sind ihm fremd. Und so kann er sich mit vollem Einsatz und leistungsorientiert in seinen Studiengang stürzen. Hervorragende Leistungen und Praktika kennt er schon aus seinen Schuljahren - nur so konnte es ihm gelingen, einen der umkämpften Plätze an einer Uni in seiner Heimat zu ergattern.

Der zugezogene Student

Ihn hat der Glamourfaktor der Stadt nach Berlin getrieben, in die Uni zieht es ihn nur selten. Wenn er einmal da ist, dann holt er im Seminarraum lediglich kurz Luft zwischen einer Party und dem nächsten Event. Er wohnt - wie sollte es auch anders sein - in Neukölln und hält die drohende Gentrifizierung für ein wahres Übel. Baumwolltragetasche und Club Mate kennzeichnen ihn weithin sichtbar als den Vertreter einer neuen, überlegenen Generation. Mit Insider-Tipps bemüht er sich, den alteingesessenen Berliner zu umgarnen.

Der vernetzte Student

Er zählt nach wenigen Tagen an der Uni mindestens einige hundert neue Freunde bei Facebook und ist ständig auf der Suche nach weiteren Bekanntschaften. Sein Motto "Gemeinsam statt einsam!" lässt ihn in Lerngruppen und Studienprojekten nach Mitstreitern im Unileben suchen. Auch auf dem Ausflug der Erstsemester kann man ihn treffen. Und weil ihn eigentlich jeder kennt, darf er sicher sein, in jeder Vorlesung einen Platz freigehalten zu bekommen. Statt einsam über Hausarbeiten zu brüten oder sich in der Bibliothek mit Büchern zurückzuziehen, sitzt er lieber mit Kommilitonen Milchkaffee schlürfend im Coffeeshop.

Der nerdige Student

Die meist männlichen Exemplare dieses Studententyps rotten sich mit Gleichgesinnten zusammen. Sie erkennen sich gegenseitig an ihrem nicht im Trend liegenden Bekleidungsstil, praktische Aspekte bestimmen das Outfit. Sein Studium orientiert sich an der Zukunft und daher stört es ihn nicht, wenn er mit seiner Wahl auf exotischen Pfaden wandelt. Früher oder später kommt man ohnehin auf ihn zurück, spätestens wenn der eigene PC samt gespeicherter Hausarbeit den Geist aufgibt. Neue Bekannte trifft der Nerd nicht auf angesagten Partys oder in Vorlesungssaal, sondern im World-of-Warcraft-Chatroom.

Der konservative Student

Er besucht das Seminar im Anzug oder wenigsten im handgewebten Seidenhemd und zu ausgewählten Anlässen darf die Tracht mit den Verbindungsfarben nicht fehlen. In seiner Burschenschaft findet er einen geschützten Ort, der sich modernen Trends und Moden zuverlässig verschließt. Nach einem handfesten Mensurgefecht steht hier handfestes Bier bereit, um Schmerz und Schmach gemeinsam zu ertränken. Dem weiblichen Geschlecht begegnet er mit ausgesuchter Höflichkeit und seine Studienleistungen sind zweitrangig. Der Einstieg ins Berufsleben wird durch ältere Mitglieder seiner Verbindung gewährleistet.

Der leistungsorientierte Student

Den Bachelor schafft er in vier Semestern mit einem sehr guten Abschluss. Ferienzeit ist Praktikumszeit und zusätzlich zum Studium lernt er mindestens zwei Sprachen und besucht einen Kurs in Unternehmens-Management. Damit ist er gut gewappnet für den freien Markt. Er wirkt seriös und kann sein Studienleben über ein Stipendium finanzieren. Danach kann er sich unter zahlreichen Angeboten verschiedener Unternehmen das beste Einstiegsgehalt aussuchen. Damit ist sein zukünftiger Erfolg jedoch keineswegs garantiert. Ein Fernstudium neben dem Beruf soll ihn deshalb weiter voranbringen.

Der alternative Student

Er besetzt, sobald sich die Gelegenheit bietet, das Audimax und erweitert sein Wissen durch Bücher und Drogen. Gerne würde er ausschließlich im Biomarkt einkaufen, doch die Studienunterstützung vom Staat reicht dafür nicht aus. Deshalb sucht er sich sein Essen oft im Müll zusammen. Zwar muss er sich dadurch manchmal einseitig ernähren - etwa wenn ein Discounter seine gesamten Dosentomaten-Vorräte entsorgt hat - doch das nimmt der alternative Student gerne in Kauf. Darüber hinaus organisiert er Seminare zu denen "jeder herzlich eingeladen" ist und bei denen alle "ihre eigene Meinung äußern" dürfen. Beliebte Themen hierbei sind Nachhaltigkeit, Kapitalismuskritik und globale Erwärmung.

Adresse

Unter den Linden 6
10117 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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