• Mittwoch, 16. Mai 2012

Masterplan zum Vatertag

Holt die Bollerwagen raus!

  • Heißt es Vatertag oder Männertag? Egal! Hauptsache, der Bollerwagen ist dabei!
    Heißt es Vatertag oder Männertag? Egal! Hauptsache, der Bollerwagen ist dabei! Foto: dapd - ©Patrick Sinkel/dapd

An provinziellen Orten ist das noch Ritual: die kleinen Exzesse, ein bisschen über die Stränge schlagen. Doch wieso nicht die Tradition zum Vatertag in der Hauptstadt wieder aufleben lassen? Ein Plädoyer für die Bollerwagenwanderung in Berlin …

In dem Ort, in dem ich noch vor nicht allzu langer Zeit lebte, hatte der Männertag eine deutliches Muster: Am fortgeschrittenen Vormittag, wenn die Messe abgehalten war, fing der Einzug der Bollerwagenmannschaften aus den umliegenden Ortschaften an, bierkastenselig begaben sich Männer aus Einum, Bad Salzdetfurth, Harsum, Jetze, Itzum, Borsum, Achtum, Ochtersum in die Stadt Hildesheim – stets entlang des Flusses Innerste, bis hin zum See des Ortes, dem Hohnsen. Dort angelangt, ließen sie sich auf den Uferwiesen nieder, besäuselten sich, bis einer einem Kumpanen den Bierhelm vom Kopf rupfte, was sogleich in eine heitere Keilerei mündete, an der sich scharenweise Polizisten nicht gerade lustlos beteiligten. Das war ein schönes Leben.

Wenn es etwas gibt, was eine Millionenstadt nicht vermag, dann ist es exakt dies: der beschauliche Exzess, die gezügelten Krawällchen, das übersichtliche Chaos. Hier muss ständig alles sofort das Limit sprengen, anstatt 5000 mild aufgekratzter sind gleich 50.000 komplett auf Randale fixierte Bezechte zur Stelle. Oder kein einziger, wenn Sauftouren gerade wieder gar nicht hip sind. Von den übertrendigen Gleichaltrigen wird man ohnehin ständig schief angeschaut, wenn man mitten im Szenekiez beschickert zu einer alten Volksweise ansetzt.

Bierselig am Wasser entlangwandern

Aber wieso eigentlich nicht? Wieso nicht samt Bollerwagen zum Landwehrkanal ziehen? Wieso nicht mit einem Fußpils in der Hand – einige nennen es auch "Wegbier" – am Ufer entlangschlendern? An der Urbanklinik ein aufheiterndes Sprüchlein für die Nikotinabhängigen mit ihren Infusionsbeuteln, auf der Oberbaumbrücke ein missmutiger Kommentar zu den Globalleutchen mit ihren Gitarren. Dazwischen gut hörbar Touristengruppen auf den vorbeiziehenden Ausflugsbooten beschimpfen – und beobachten, wie vor allem die Männer dann stets so wunderbar hilflos erbost sind.

Irgendwann meldet sich dann die Müdigkeit ob der wilden Umtriebigkeit und zudem längst in Treptow und spätestens dann wird es Zeit, ein Ausflugsschiff zu besteigen und damit zurück nach Kreuzberg zu gondeln. Sollte man dabei von einer Bollerwagenmannschaft am Ufer angepöbelt werden, darf man sich, ohne zu zaudern, wunderbar hilflos aufregen.

Adresse

Puschkinallee 16-17
12435 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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