• Montag, 19. März 2018
  • von Emma Bunt

Von Job zu Job

Freelancer in Berlin: Traum oder Alptraum?

  • Luxusfrühstück auf einer Yacht
    Freiberufler haben immer einen Platz an der Sonne... man darf nur nicht aufhören zu träumen. Foto: Unsplash - ©Reynier Carl

Berlin ist die Hauptstadt der Freiberufler. Nirgendwo kann man (noch) so günstig leben und nirgendwo sonst ist die Dichte der Auftraggeber so hoch: Start-Ups, junge Unternehmen, alte Platzhirsche, Film, TV, Werbung, Musik. Ein Paradies für zu viele und überhaupt...

Hand aufs Herz: Jeder Angestellte hat schon mal die Meute Freelancer beneidet, die Berlins Szenecafés rund um die Uhr mit ihren Powerbooks belagert. Was haben diese Freizeitjobber für ein Leben! Nippen gelassen am Cappuccino , während das arbeitende Volk in die Betriebe hetzt. Ja, aber der schöne Schein trügt. Die meisten von uns nippen den ganzen Tag an nur einem Cappuccino, mehr ist nicht drin. Wir sitzen hier, weil es Free-W-Lan gibt, wir der Einsamkeit des Homeoffice entkommen und ein Platz in einem angesagten Coworking Space das Monatsbudget sprengen würde. Ja, für das Gefühl von Freiheit verzichten wir alltäglich auf einen klassischen Feierabend, auf ein kalkulierbares Einkommen, auf Planungssicherheit im Allgemeinen und Urlaubsgeld im Besonderen, auf Krankschreibungen und Rente sowieso. Das sieht man uns nicht an, das spüren wir nur.

Nein, ich bereue es nicht, mich als Freiberufler selbst aus dem HR-Haifischbecken genommen zu haben und ich habe auch noch nie darüber nachgedacht, wieder in ein festes Arbeitsverhältnis zu wechseln. Natürlich ging es meinem Konto deutlich besser, als ich noch einen beruflichen Heimathafen hatte, aber nun muss ich mich nicht dafür rechtfertigen, wenn ich meinen Sohn selbst aus der Schule abhole, wenn ich wegen Handwerker zu Hause arbeiten muss, wenn ich spontan einer Freundin in der Krise helfe, meinen Schreibtisch an den Wannsee oder in den Tiergarten verlege, wenn ich auf vielen Text-Hochzeiten tanzen will und sterbenslangweilige Projekte ablehne. Ich bin mein Boss, und das einzige was drängt, ist die jeweilige Deadline. So weit, so wunderbar. Aber warum nur verdienen wir so wenig Respekt, obwohl wir die heißesten Kartoffeln aus den internationalen Öfen holen? Obwohl wir Unmögliches in Nachtschichten leisten? Obwohl wir uns flexibel auf neue Menschen, neue Orte und immer neue Ideen einstellen? Obwohl wir breiten Stoff liefern für coole Berichte über die kreative Szene der Hauptstadt?

 

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Für unsere Arbeit wird grundsätzlich kaum Zeit geschweige denn Geld eingeplant. Dass wir über das Wochenende Projekte fertigstellen, ist so selbstverständlich, wie die Bereitschaft krude Korrekturvorschläge auf eigene Kosten vorzunehmen. Absagen bekommt man nur auf Nachfrage, denn kaum ist man raus aus dem Rennen, ist man kein Telefonat mehr wert. Das Absurdeste jedoch sind Anfragen auf Empfehlung, die plötzlich mit dem Personaler-Satz enden: "Wir haben uns leider für jemand anderes entschieden." Der Honig , den man gerade noch ums Maul geschmiert bekam, schmeckt plötzlich bitter. Und manchmal sind die Kundenvorstellungen so schwankend, dass man sich im Nachhinein wünscht, den Job nicht ergattert zu haben. Einen inneren Schutzschild braucht man in jedem Fall vor dem Job, in dem Job und ohne Job. Am wenigsten Respekt vor unserem freien Berufsstand jedoch haben die Mitbewerber, die die Preise derart in den Keller drücken, dass sie selbst nur überleben können, so lange Mama und Papa den Finanzausgleich tätigen. Das Dumme ist nur, die Preise auf dem Markt erholen sich von dem Dumping nicht mehr, aber die Kosten steigen selbst in Berlin ungerührt weiter.

Gegen Magengeschwüre und die ständige Existenzangst hilft nur ein Cocktail Optimismus und den gibt es in Berlin an jeder Ecke. Wir sollten ihn öfter mal gemeinsam genießen: mit den Auftraggebern, die uns zu schätzen wissen (ja, die gibt es natürlich auch!) und den Kollegen, die uns nicht ans Bein pinkeln. In New York ist die Community viel besser verbunden und freundlicher im Umgang. Das können wir nicht auf uns sitzen lassen! Berlin ist doch Berlin, die offenste Stadt der Welt, die kreative Basis für alle abgehobenen Freaks , innovative Querdenker und Schwaben , ja, der Mittelpunkt des Freiberufler-Universums. Trotz allem. Denn hier sind die Übergänge fließend vom beruflichen Event zur Top-Party , vom Small-Talk zur Auftragsvergabe.


Wenn du Lust bekommen hast, in den Freien- Pool zu springen, hole dir einen Steuernummer, eine bezahlbare Krankenkasse, einen Internetauftritt, einige hundert Old-School-Visitenkarten… achja, und falls du noch umziehen willst, mach das lieber, so lange du ein regelmäßiges Gehalt bekommst, später wird es unmöglich, einen klassischen Vermieter von sich zu überzeugen. Bei der Job-Akquise nutze alle Mitteln, die dir zur Verfügung stehen – sogar die sonst verpönte Vetternwirtschaft ist für Freiberufler nicht zu verachten. Mittelmaß geht übrigens unter, du musst besser und schneller sein als im Budget vorgesehen, damit es sich für dich lohnt. In jedem Fall gilt: Überbucht ist besser als ungefragt. Apropos: noch Fragen? Dann such dir Antworten – selbständig!

 

betahaus Berlin

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Quelle: QIEZ
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