• Mittwoch, 11. April 2018
  • von Mareile Morawietz

Lebendige Geschichte

Witzig, rührend, spannend: echte Berliner Kindheiten

  • Kinder in den 1940er Jahren auf einer Bühne
    Jeder erinnert sich anders, aber jede Geschichte ist erzählenswert. Ein Sammlung Berliner Kindheiten gibt es online... Foto: pixabay.com - ©veronicavisconti

Nimm dir Zeit für Geschichte(n)! Heute muss alles schnell gehen: Aber wie soll man in kurzen Info-Happen und Small-Talk persönliche Storys weiterreichen? Johannes Zillhardt rettet mit seinem Erzählprojekt großartige Erinnerungen aus fast 100 Jahren.

Die Disco am Adenauerplatz, das Intermezzo in der Hasenheide oder die Schule in der Elisabethkirchstraße: Neben Menschen sind es natürlich Orte, die sich eingeprägt haben in das kindliche Gedächtnis. Es ist faszinierend, den nun Erwachsenen zuzuhören, wie sie sich erinnern. Beim Erzählen von früher kehren oft die Emotionen von damals zurück wie bei der 97-jährigen Waltraud Jerominski, die sich noch heute vehement über ihre voreingenommene Französischlehrerin empören kann: Auf einem Kartoffelacker gedeihe eben kein Weizen, habe die gesagt, und damit gemeint, dass Waltraud niemals Französisch lernen werde, weil ihr Vater nur ein einfacher Arbeiter gewesen sei. Später übernahm den Unterricht eine andere Lehrerin und Waltraud bekam bessere Noten.

Oder Ruth Krüger (geboren 1931) amüsiert sich königlich darüber, dass sie die einzige war, die nie auf ihren Vater gehört habe. "Ich hab viel Mist gebaut als Mädel, was ich heute auch einsehen tu", gesteht sie charmant und tatsächlich blitzt in ihren Augen wieder die jugendliche Keckheit auf. Weitere Geständnisse folgen. Und Bernd Rühmann (Jahrgang 1942) erzählt, wie seine Berliner Oma auf dem Zugdach nach Thüringen reiste, um ihn und seine Mutter nach der Rückkehr aus der Evakuierung heimzuholen. Ja, und die heute 61-jährige Kerstin Appel verrät uns, dass man Anfang der 1960er Jahre in Dahlem sogar noch eine richtige Apfelbaum-Idylle fand, wo heute die Museen stehen.

Erzähl doch mal von früher

Es sind meist kleine Begebenheiten, die große Gefühle hervorrufen. Bei den Erzählenden und bei uns Zuhörern! Ab Jahrgang 1960 verändert sich allerdings die Erzählkultur. Es geht nun mehr um Ideologien, größere Begebenheiten und gesellschaftliche Zusammenhänge. Das liegt sicher auch daran, dass die jüngeren Jahrgänge einfache kleine Dinge noch für keine Erinnerung wert befinden, während die Älteren richtig in ihre Kindheit eintauchen und alles aufsaugen, was ihnen vor dem geistigen Auge begegnet. Das beobachtet auch Johannes Zillhardt, der die Berliner Kindheiten aufzeichnet. Genauso bemerkenswert ist, dass es den jüngeren Generationen schwerer fällt, in einen Erzählfluss zu kommen. Sie brauchen mehr Fragen, um sich durch ihre Kindheit zu arbeiten, meint Zillhardt. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen wie zum Beispiel Kristina Westerhoff (1965), die es mit den Altmeistern in Sachen lebendigen Einzelheiten locker aufnehmen kann.

Kindheiten nicht nur für Berliner

Der gebürtige Essener Johannes Zillhardt war schon immer fasziniert von Geschichten von früher und hat seit seiner Jugend viele History-Schinken verschlungen, darunter auch die, in denen der amerikanische Schriftsteller Studs Terkle Zeitzeugen zu Wort kommen ließ. Als Student machte Johannes Zillhardt für die Uni Kiezspaziergänge mit Kumpels aus dem Bergbau: echte Kerle, die einen ganz anderen Blick auf ihre Heimat hatten als der Akademiker Zillhardt selbst. Heute arbeitet der als Berufsschullehrer in der Hauptstadt. Zum aktuellen Projekt über Berliner Kindheiten brachte ihn seine ehemalige Nachbarin Waltraud Gasche, die eines Tages darüber plauderte, dass sie 1927 in der Küche seiner damaligen Wohnung im Graefekiez geboren worden sei. Und überhaupt: Die alte Dame erzählte gern und viel – vor allem Anekdoten aus ihrem reichen, aber auch schwierigen Leben. Sie lud Johannes zum Kartenspiel in ihre Wohnung. Und weil es klar war, dass es dabei nicht nur um das Spiel, sondern um Zeit zum Erzählen ging, brachte der nicht nur einen Freund als dritten Spieler mit, sondern auch eine Kamera, um Frau Gasches Erinnerungen festzuhalten. 

Ein Projekt mit Herz und Verstand

Frau Gasche kann leider nicht mehr verfolgen, was aus ihrem Erzähldrang gewachsen ist. Sie verstarb 2015. Johannes Zillhardt jedoch hat aus der privaten Begebenheit ein professionelles Anliegen gemacht. Er will aus jedem Jahrgang von 1920 bis 2000 eine Berliner Kindheit einfangen. Die Hälfte hat er schon beisammen, einige Jahrgänge fehlen ihm noch. Die Interviews sollen am Ende in einem Buch erscheinen , denn auch wenn man seine Arbeit im Internet auf der Berliner-Kindheiten-Website verfolgen kann, ist das Medium Buch sehr viel passender: Ein dicker Wälzer mit 80 Lebensgeschichten zwingt uns eher dazu, uns Zeit zu nehmen, um den Geschichten zu folgen. Und trotzdem sind die simpel geschnittenen Videos, die man auf der schlichten Website finden kann, sehr sehenswert. So kann man in jedem Gesicht das Kind von einst entdecken, das Spaß hatte oder Leid erleben musste. Ob es in den 1930ern groß wurde oder in den 1980er Jahren. Gönn dir ein paar Momente, um zu lauschen. Jetzt überlassen wir aber mal Frau Gasche das allgemeingültige Schlusswort: "Det waren noch Zeiten."

Luftbrückendenkmal

Platz der Luftbrücke 2
12101 Berlin

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Quelle: QIEZ
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