• Freitag, 13. April 2012

Mangelnde Finanzierung

Berliner Taxifahrer werden selten überprüft

  • Taxis in Berlin
    Das Image von Berlins Taxifahrern hat gelitten. Angeprangert werden rücksichtslose Fahrweise und fehlende Lizenzen. Doch für strengere Kontrollen fehlt dem Senat das Geld. Foto: Der Tagesspiegel - ©Kai-Uwe Heinrich

In der Hauptstadt gibt es 17.000 Taxifahrer – und nur sechs Kontrolleure, die auf die Einhaltung von Vorschriften achten. Selbst die Branchen-Innung plädiert für eine Aufstockung.

Seit mehr als 25 Jahren ist Peter Müller (Name geändert) mit seinem Taxi auf den Straßen Berlins unterwegs. In dieser Zeit wurde er nur zweimal angehalten und nach seiner Taxiunternehmer-Lizenz und der Berechtigung zur Personenbeförderung gefragt. "Da denken manche, das sei schön, so wenig Kontrollen", sagt er. "Aber alle ehrlichen Taxifahrer in Berlin wünschen sich, dass viel mehr und viel härter kontrolliert würde."

Der Wunsch existierte bereits, bevor sich die Nachricht über den tödlichen Unfall an Ostern verbreitete, bei dem ein Taxifahrer in Wedding im Rückwärtsgang ein Rentnerpaar erfasste. Es geht um das Ansehen der gesamten Branche – und daher stimmen viele Peter Müller zu, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Taxi-Innung, Roland Bahr: "Wir fordern, dass das für die Taxi-Ordnung zuständige Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo) endlich seine Aufsichts- und Kontrollpflicht wahrnimmt. Vorschriften gibt es genügend. Aber da nur sechs Labo-Mitarbeiter für 7244 Taxen und rund 17 000 Fahrer zuständig sind, schaffen sie es nicht einmal, jene Sünder zu bestrafen, die sie von uns gemeldet bekommen."

Kein Geld für Kontrollen

Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport, der das Labo angegliedert ist, leugnet das Problem keineswegs. "Wir haben bei den letzten Haushaltsverhandlungen versucht, sechs Stellen mehr für das Labo zu bekommen, sind aber an der Finanzverwaltung gescheitert", sagt Staatssekretär Andreas Statzkowski (CDU). Man arbeite aber nach wie vor daran, das Problem zu lösen. "Wir werden allerdings im Zusammenhang mit der Eröffnung des Großflughafens in Schönefeld die Kontrollen deutlich intensivieren – zumindest für eine gewisse Zeit."

Roland Bahr von der Innung misst der Ankündigung keine Bedeutung bei. "Diese Kontrollen müssen sowieso sein, weil es Ärger mit den zusätzlichen Taxen aus dem Landkreis Dahme-Spree gibt", erklärt er. "Das löst aber nicht das Problem, dass viel zu selten kontrolliert wird, ob jemand P-Schein beziehungsweise FzF-Schein besitzt."

Vom P-Schein wird in der Branche noch allgemein gesprochen, er steht für Personenbeförderungsschein, der allerdings durch die Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung (FzF) ersetzt wurde. Die kann in Berlin beantragen, wer das 21. Lebensjahr vollendet hat, ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Auskunft aus dem Verkehrszentralregister einreicht sowie eine ärztliche Untersuchung und das Gutachten eines Arbeits- oder Betriebsmediziners, das Gesundheit und Fahrtauglichkeit bescheinigt.

Ein Taxischein für die Familie

In einer Prüfung müssen die Bewerber außerdem zeigen, dass sie sich in Berlin auskennen – rund 80 Prozent fallen dabei durch, sagt Innungschef Bahr. Vorwürfe, dass bei den Tests nicht alles mit rechten Dingen zugehe, bestreitet er: "Das würden die Prüfer nicht tun, es wäre technisch auch nicht möglich." Die FzF gilt fünf Jahre lang – eine Verlängerung kann beantragt werden, dazu ist die erneute Vorlage der genannten Nachweise nötig. Die Lizenz erlischt automatisch bei Entzug der allgemeinen Fahrerlaubnis.

"Alles gut, nur leider wird es eben nicht kontrolliert", sagt Roland Bahr. Taxifahrer erzählen von manchen Kollegen, die sich mit ihren Geschwistern einen P-Schein teilen. Die mangelhafte Ortskenntnis werde dann durch das Navi oder übers Telefon ausgeglichen. Häufig seien Fahrer auch bis zu 18 Stunden unterwegs.

Betrüger verlangen Wucherpreise

Aber auch ordnungsgemäß zugelassene Fahrer zählen manchmal zu den schwarzen Schafen der Branche. Manche suchen sich in betrügerischer Absicht gezielt ahnungslose Ausländer aus, erzählt Bahr. Ein Fahrgast habe 180 Euro vom Flughafen Tegel bis zum Hotel am Lützowplatz gezahlt, dabei koste die Strecke regulär nicht mal 20 Euro. Die schwarzen Schafe seien schuld, wenn das Image der Branche leide, meint Taxifahrer Peter Müller. Er versucht längst nicht mehr, solche "Kollegen" auf Moral hinzuweisen. "Da muss man ja aufpassen, dass man nicht eins auf die Nase kriegt", sagt er. Heute sei es nicht mehr so, dass ein unbesetztes Taxi ein anderes nicht überhole. Ein Wunder, meint er, dass nicht mehr passiere.

Unfallforscher Brockmann hat übrigens keine Hinweise darauf, dass Taxifahrer relativ gesehen häufiger Unfälle verursachen als andere Autofahrer. Doch eines gelte immer: "Da, wo der Verdienst im Verhältnis zur Fahrzeit steht, werden Verkehrsregeln schneller missachtet." Auch der tödliche Unfall in Wedding sei eine Folge von Zeit- und Konkurrenzdruck, vermutet Innungschef Roland Bahr. Offenbar sei der 25-jährige Taxifahrer erst an der Schlange seiner Kollegen vor dem Virchow-Klinikum vorbeigefahren. Dann wollte er sich doch einreihen, da die Schlange nicht so lang gewesen sei und habe deshalb mit Tempo 40 zurückgesetzt - vermutlich, um dem nächsten Taxi zuvorzukommen. Das wurde dem älteren Ehepaar wohl zum Verhängnis.

Berlin

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: Der Tagesspiegel
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Wohnen & Leben"

Durch den Kiez

Marlene von Steenvag: "Nur Kurven haben reicht nicht."

Marlene von Steenvag: "Nur Kurven haben reicht nicht."

Auf der Bühne eine Diva, privat super sympathisch: Wir sind im Kiez … mehr Prenzlauer Berg

Wohnen & Leben

Alle raus: Die Masche mit den verwahrlosten Häusern

Alle raus: Die Masche mit den verwahrlosten Häusern

Extremes Mietermobbing – was hat das für Gründe? Die menschenunwürdige … mehr Berlin

Wohnen & Leben

Sex mit jüngeren Männern – Unsere Singlekolumne #50

Sex mit jüngeren Männern – Unsere Singlekolumne #50

Neugier trifft Ego: Mascha macht sich mal wieder Gedanken über Männer. … mehr Berlin

Wohnen & Leben

Videos von Dashcams als Beweismittel zulässig

Videos von Dashcams als Beweismittel zulässig

Die kleinen Auto-Minikameras, die ständig das Straßengeschehen filmen, … mehr Berlin

TOP-LISTEN

Top 10: Strandbäder in Berlin

Top 10: Strandbäder in Berlin

Du willst bei strahlendem Sonnenschein eine erfrischende Abkühlung … mehr Berlin

TOP-LISTEN

Top 10: Campingplätze in Berlin und Umgebung

Top 10: Campingplätze in Berlin und Umgebung

Du suchst in der Nähe von Berlin einen Campingplatz, auf dem du mit … mehr Brandenburg, Berlin

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen