Reinickendorf, Tegel
Flughafen Tegel

Totgesagte leben länger

Totgesagte leben länger
Der TXL ist schon jetzt länger in Betrieb als letztes Jahr noch gedacht. Manche der Direktkandidaten haben eine recht genaue Vorstellung, ob der Flughafen geht oder bleibt.
Das Chaos am Großflughafen Schönefeld sorgt auch in Tegel für viel Trubel. Die verschobene Eröffnung des BER ruft bei Flughafenmitarbeitern und Ladeninhabern unterschiedliche Reaktionen hervor. Fest steht: Ihre nahe Zukunft ist nun wieder ungewiss.

Als gestern Mittag die Nachricht von den Problemen am Großflughafen Schönefeld in Tegel die Runde macht, ertönen in den Personalräumen leise Freudenrufe. Noch bevor die Reisenden etwas von dem Desaster auf dem BER erfahren, freuen sich die Flughafenangestellten über den Fortbestand ihrer angestammten Wirkungsstätte.

Eine Mitarbeiterin am Check-In gibt dem Grund für ihre Freude Ausdruck: „An Tegel habe ich mich gewöhnt, BER ist mitarbeiterunfreundlich, die Entfernungen dort sind viel zu groß.“ Sie scheint von der Absage des geplanten Eröffnungstermins nicht besonders beeindruckt zu sein. Ein Arbeiter von der Großbaustelle habe ihrem Kollegen bereits in der vergangenen Woche berichtet, dass die Bauarbeiten in Schönefeld nicht rechtzeitig beendet werden könnten. „Schlecht organisiert, peinlich“, findet die Mitarbeiterin.

Andere Flughafenangestellte geben sich gegenseitig die Hand. Sie alle sind sich einig, dass der neue Willy-Brandt-Flughafen zu dezentral gelegen und die Wege über das Flughafengelände zu weit seien. So mancher Mitarbeiter würde das nicht in Kauf nehmen. „Vielen Kollegen wurde gekündigt oder sie haben gekündigt, weil sie da nicht rausfahren wollten“, berichtet eine Angestellte von Air-Berlin.

Belastung für Tegel

Doch die Frau erwartet auch Turbulenzen in Tegel. Fluglinien, die erst seit der Eröffnung des BER die Hauptstadt anfliegen sollten, würden nun in Tegel und Schönefeld landen müssen. „Die Kapazitäten haben wir doch gar nicht, das wird Ärger geben und Regressforderungen.“ Ein Service-Mitarbeiter sagt, er sei schon im April von der verlängerten Öffnung Tegels informiert worden. Weitere Angestellte wollen sich dieser Verlautbarung jedoch nicht anschließen. Viele Utensilien seien bereits auf dem neuen Flughafengelände untergebracht. Zurückholen müsse man nichts – die Kapazitäten im Norden der Stadt reichten aus.

Im Geschäft „presse + buch“ sind seit Anfang Mai keine Waren nachbestellt worden. Nun können die Kunden nur noch auf ein eingeschränktes Sortiment zurückgreifen. „Wir hatten allen Verlagen gesagt, dass sie nun zum BER liefern sollen“, so Mitarbeiter Daniel Slawkowski. Nun müssten alle Bestellungen neu adressiert werden. Darüber hinaus brauchen alle Angestellten auf dem Flughafen Tegel ein neues Parkticket. Die alte Karte läuft bereits zum Ende des Monats aus.

Der Mitarbeiter eines Last-Minute-Reisevermittlers sagt: „Wir haben seit drei Monaten alles vorbereitet am BER“. Trotzdem freue er sich über den Verbleib in Tegel. „Am BER gibt’s keine Last Minute-Kunden aus der Stadt. Das Schulferiengeschäft läuft hier besser.“ Außerdem müsse er am neuen Flughafen mehr Miete für einen zu großen Geschäftsraum zahlen: 120 Quadratmeter würden dort 12.000 Euro kosten. In Tegel zahle er 1.700 Euro für 25 Quadratmeter. Bei der Leihwagen-Firma Sixt begegnet man dem Chaos entspannt. Autos seien überall einsetzbar und die Mitarbeiter würden bis auf weiteres an den beiden alten Flughäfen arbeiten.

Ungewisse Zukunft

Die meisten anderen Geschäftstreibenden sind von den Nachrichten aus Schönefeld in Aufregung versetzt worden. Bisher kann ihnen niemand eine klare Auskunft über ihre Zukunft in Tegel geben. Der Mitarbeiterin eines Souvenir-Geschäftes war eigentlich zu Monatsende gekündigt worden – noch weiß sie nicht, wie es weitergeht. An anderen Stelle läuft der Ausverkauf weiter auf Hochtouren. Beim Modelabel S.Oliver sind die Waren um 20 Prozent heruntergesetzt. Hier konnte man sich ebenfalls noch nicht über die Zukunft auf dem alten Flughafengelände äußern.

Die Fluggäste sind zwar überrascht, nehmen die Nachricht vom vorläufigen Fortbestehen Tegels aber gelassen auf. „Betrifft uns nicht, wir sind zum Glück vorher wieder zurück und haben dann erstmal nichts gebucht“, gibt etwa ein reisendes Paar aus Pankow zu Protokoll. Viele Reisende sind froh, weil sie aus Tegel rasch in die Innenstadt kommen. Die Taxifahrer bleiben ebenfalls ruhig: „Dann fahr’ ich halt weiter nach Tegel“, so Salar Djafari.

Gewerbetreibende, die am 3. Juni am BER neu eröffnen wollten, sind da schon besorgter. „Es ist schon ein Schock“, sagt etwa die Betreiberin der Ladenkette „Die kleine Gesellschaft“. Béatrice Posch wollte ab Juni mit fünf Mitarbeitern auf dem Willy-Brandt-Flughafen Spielwaren und Geschenkideen anbieten. Nun versucht sie, die Verluste durch eine verzögerte Eröffnung zu kalkulieren und sich über den Fortgang am Flughafen BER zu informieren.

Der lange Weg zur Currywurst

Überrascht wurde auch Ernst-Hermann Exter, der Unternehmer, dessen Bio-Currywurst nicht nur am Wittenbergplatz gut ankommt. Auch er möchte am neuen Großflughafen seine Ware vertreiben. „Wir sind sehr traurig, das kam für uns völlig überraschend“, sagt er. Jetzt müsse man die Verluste berechnen und nach vorne schauen: „Irgendwann wird das Ding eröffnen, und dann werden wir dort erfolgreich sein.“

Vom Flughafenbetreiber haben die Geschäftsleute offenbar keinerlei Auskünfte erhalten. Der Inhaber des Blumenhauses Schamp wurde über die verschobene Eröffnung vom Tagesspiegel in Kenntnis gesetzt. Auch er wollte im Juni eine neue Filiale am BER eröffnen. Wenn sich der Start des Flughafens nun tatsächlich in den August verlagern würde, dann fahre er vorher in Urlaub. Weniger heiter berichtet er von seinen fünf Angestellten, die er bis zur Eröffnung nicht an anderer Stelle einsetzen könne. Bezahlen wird er sie trotzdem – auch ohne Einnahmen. Ob er einen Anspruch auf Ersatz seiner Verluste hat, bezweifelt Herring.

Beim Catering-Anbieter Optimahl hat die Verzögerung keine so nachhaltigen Folgen. Die zwölf Mitarbeiter, die ab Juni den Stand „Ick bin ein Berliner“ in Schönefeld betreiben sollten, können an andere Einsatzorte verlagert werden. Alles weitere müsse sich zeigen, wenn ein neuer Termin für die Eröffnung des BER bekannt gegeben werde.

Totgesagte leben länger, Flughafen Berlin-Tegel (TXL), Berlin, Deutschland 13405, 13405 Berlin

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