Tiergarten
Kiez-Kino in Berlin

Diese Drag-Performerin macht Kino

Diese Drag-Performerin macht Kino
Der Künstler und Filmmacher Vaginal Davis im Café "East London" am Mehringdamm.
Potsdamer Platz - Hier die Multiplexe, da das Internet - wer heute davon lebt, Menschen Filme zu zeigen, muss seinen Job schon sehr lieben. Zur der Berlinale erzählen Berliner Kinomacher gefragt, woher ihre Liebe kommt. Heute: Vaginal Davis und ihr Queer Cinema.

Der Film, der sie bis heute bewegt, war damals eine unglaubliche Provokation. Eine wohlhabende Familie aus Mailand bekommt Besuch von einem Fremden. Seine jugendliche Schönheit und sein Charme bannen jeden – und so schläft das Dienstmädchen mit ihm, die Mutter, der Sohn, die Tochter und der Patriarch. Als der Fremde geht, müssen alle mit dem Verlust umgehen. Flüchten sich in Sex, Selbstkasteiung, Religion. Das ist der Plot von „Teorema“, gedreht 1968 von Pier Paolo Pasolini. Die römische Oberstaatsanwaltschaft verbot damals den Film, der Vatikan schrie: Blasphemie!

Vaginal Davis dagegen ruft: Lieblingsfilm! „Der junge Mann zerstückelt darin die ganze bürgerliche, spießige Ordnung“, sagt sie. „Ich bin danach mit tausend Fragen im Kopf nach Hause gegangen.“ Davis ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen. „Schon als Kind lebte ich in meinem eigenen Kosmos“, erzählt sie beim Gespräch in einem Kreuzberger Café. Und lacht. Fast jeden Tag war sie im Kino, Schule interessierte sie kaum. „Dort glaubten sie, ich sei zurückgeblieben. Nur weil mich andere Dinge interessierten.“ Eine Lehrerin dachte zu ihrem Glück anders und schlug Davis vor, an einer Kinoklasse teilzunehmen. Einer ihrer Lehrer war der Drehbuchschreiber Oscar Saul. Damit fing alles an.

Stummfilmklassiker, begleitet von Livemusik

In Berlin lebt die intersexuelle Drag-Performerin und Filmkuratorin seit zehn Jahren. Sie begeistert sich für das frühe Kino und Queer Cinema. Bekannt ist sie hier für ihre Reihe „Rising Stars, Falling Stars“ im Arsenal, bei der sie Klassiker aus der Stummfilmzeit zeigt, begleitet von Livemusik.

Beim Frühstück im Café denkt sie über Filme nach, die sie noch gefesselt haben. Da war „Boom“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, da war „Reflections in a Golden Eye“ mit Marlon Brando. Auch in diesen Filmen geht es um sexuelle Identität – und um diesen seltsamen Eindringling, der infrage stellt, was die Protagonisten bis dahin über Sexualität dachten. „Gut ist ein Film ja nicht allein dadurch, dass dich interessiert, was du siehst“, sagt Davis. „Sondern dass er dich aufwühlt, dich reizt, dir unter die Haut geht.“ Sie mag die Rolle des Unangepassten, der aneckt. In Schauspiel- und Performance-Seminaren lehrt sie: Lass den Freak in dir zu – und dann lass ihn raus!

Vaginal Davis bevorzugt experimentelle Filme, keine Blockbuster. Bei der Berlinale sieht sie sich die Forums-Filme an, nicht den Wettbewerb. „Der neue ‚Star Wars‘-Film zum Beispiel ist furchtbar, so langweilig“, findet sie. Ohne Magie. Was waren da noch die 20er bis 60er Jahre, die Goldene Ära, wie sie es nennt, die Musicals mit Gene Kelly und Judy Garland. Auch wenn ihr eigenes Leben so viel weniger mit Hollywood-Glamour zu tun hatte. Vaginal Davis wuchs in einer sehr armen Gegend auf, erzählt sie. Wo Kriminelle herumlungerten und Prostituierte. Wo viele ihrer damaligen Freunde heute im Knast sitzen. Das Kino, sagt sie, sei ihr Rettungsanker gewesen.


Mehr Kinomacher aus Berlin:

Kino Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V., Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin

Kino Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.

Bis zum 17. Juni wird im Arsenal die Vielfalt des jüdischen Kinos präsentiert.

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