Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Sängerin Elif zwischen N.Y.C. und Samariterviertel

Sängerin Elif zwischen N.Y.C. und Samariterviertel
Elif im Restaurant Anastasia.
Elif Demirezer ist Jahrgang 1992, waschechte Berlinerin mit türkischem Migrationshintergrund und gefeierte Songschreiberin. Wir haben Tim Bendzkos Supporting Act im Samariterkiez getroffen und uns ihre Gegend zeigen lassen. Ein Gespräch über Erwachsensein in Friedrichshain, Schulzeit in Moabit und ganz ohne die achte Staffel der Casting-Show  "Popstars", durch die sie bekannt wurde.

Elif und ihre Managerin sitzen wie so oft im Restaurant Anastasia, beide vor ihren Klapprechnern, Elif schreibt außerdem handschriftlich Notizen, sie verschieben Termine, grübeln über Ideen, verwerfen sie wieder, bestellen Suppen und Cappuccini. Von hier aus schmieden sie Pläne, wie sie Elifs Fans mit ein paar Überraschungen versorgen können. Als das Gespräch mit QIEZ ansteht, brühten die beiden gerade über einer stimmigen Bühnenbelichtung – schließlich steht die Tournee 2014 an. Da sitzt sie also am Fenster, halb junge Erwachsene, halb Teenieschwarm, sagt „Ich fühl‘ dich“, wenn sie mit etwas einverstanden ist, und zieht an ihrem Wollpullover herum.

Wenn Elif nicht auf ihre Schuhe schaut, wandern ihre verträumten dunklen Augen über ihre Gesprächspartner hinweg aus dem Fenster und wieder zurück ins Restaurant. Überhaupt ist das etwas abgedunkelte Restaurant an der Ecke zur Schreinerstraße reichlich unauffällig, jedenfalls für Friedrichshainer Verhältnisse, überhaupt für die zugetaggten und schillernden Häuserfronten der Samariterstraße. Perfekte Arbeitsatmosphäre für Elif. Schließlich liebt sie es zu arbeiten, wie sie betont: „Wenn ich zuhause bin, räume ich nur auf.“ Man ist ungestört im Restaurant und fühlt sich trotzdem nicht zu geschäftig. Elif gefällt es hier, es ist ihr Stammlokal. Sie und die Bedienung verbindet „eine kleine Freundschaft“, erklärt sie. Die Leute hier sind nerdy, „richtig Big-Bang-Theory-mäßig. Ich mag‘s, wenn’s familiär ist. Wenn man reinkommt und man begrüßt wird.“ Wäre es nicht früher Nachmittag, hätte sie auch schon ihr Stammgetränk serviert bekommen – einen trockenen Rotwein, von dem sie nicht einmal weiß, wie er heißt. Da vertraut sie ganz dem Chef.

Style der französischen Frauen

Auf das Restaurant Anastasia kann sich Elif als Rückzugsort verlassen, ansonsten gibt ihr der Samariterkiez nicht sehr viel. Nicht, dass sie sich unwohl fühlte, nur vom Hocker reißt sie im Kiez wenig. Immer mal wieder fallen ihr kleine Highlights ein, die sie ins laufende Gespräch einwirft. Weiter die Straße hinauf gibt es zum Beispiel ein Bowlingcenter, da kann man für einen Euro eine Runde Airhockey spielen. Airhockey, wirklich jetzt? „Ja! Ich kenn keinen Menschen, der Airhockey nicht mag.“ Da macht sie sich selbst ein wenig nerdy, geht in gespieltem Spleen auf. Sie stellt aber klar: „Ich bin raus dem Hipster-Ding. Ich orientiere mich an den französischen Frauen.“ Sie will 50er und 60er sein, nicht zu sexy, eher „rough und zeitlos.“. Heute mischt sie ihren Look aus Zara-Blouse und von ihrer Mutter gestricktem Pullover, für dessen Komplettierung sie auch gerne mal den Boxi aufsucht. Auf dem Flohmarkt hat sie neulich erst eine alte Lampe gefunden, in die sie sich ganz verschossen hat. Ein cooler Ort. Nur an den Alex würde sie ihren jüngeren Bruder abends nicht lassen – zu gefährlich.

Elif denkt über ihren Kiez nach: „Friedrichshain ist punkig, Kreuzberg nicht mehr so.“ Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie Hauspartys über alles liebt und eher selten clubben geht. Höchstens, „wenn ein guter DJ da ist. Meine Freunde wissen darüber aber besser Bescheid.“ Der nächste Geburtstag jedenfalls wird eine Hausparty – oder aber ein Restaurantbesuch im Engelbecken, am Lietzensee. „Die haben ein megakrasses Schnitzel. Weil: Bei mir zuhause gab’s das nie.“ Als Deutsch-Türkin erinnert sie sich gut an das leckere türkische Essen bei den Eltern in Moabit, nur richtig deftige deutsche Küche möchte sie sich auch ab und zu gönnen. Damals ging sie noch auf das Heinrich-von-Kleist-Gymnasium, das heute eine Flüchtlingsunterkunft ist: „Alles heruntergekommen, krass, aber auch schön, wenn Leute hier unterkommen. Ich freu mich für die.“ Das Gymi. Sie auf ihre Tokyo-Hotel-Phase, ihre eigene Nerd-Zeit in der Mittelstufe anzusprechen ist Elif immer noch lieber, als von Popstars zu sprechen: „Ich hätte mich wohl selbst gehänselt, wenn ich nicht ich gewesen wäre“, lacht sie über ihre Schwärmerei. „Lass uns nicht weiter über Popstars reden“, winkt sie dieses düstere Anfangskapitel ihrer Karriere ab.

Berlin, NYC, „alles andere kommt mir klein vor“

Reifer ist sie jetzt, ganz anders, „es ist ein bisschen mehr als Pop“, findet sie. Gefühlvoll, dringlich, naiv-zärtlich und gerade deswegen ehrlich. Elif lacht und umreißt ihre Musik per Ausschlussverfahren: „Ich rappe nicht. Auf gar keinen Fall Soul. Ich weiß also, was es nicht ist.“

Doch ansonsten steckt noch viel jugendlicher Erkundungsdrang in Elif, selbst Berlin kann sie kaum halten. Für sie darf es gerne auch mal Hamburg sein, voll Wasser, zumindest mal für ein Jahr. Oder gleich New York City. „Alles andere kommt mir sehr klein vor.“

Daheim in Berlin fährt sie jedenfalls viel mit der Bahn, kennt den Nahverkehrsplan inklusive Tram fast auswendig, nachdem ihr Fahrrad letztens geklaut wurde. „Ich besorg mir ein Auto“, ruft sie im Gespräch siegessicher aus, nur um dann wieder an ihre Fans zu denken: „Das was ansteht, ist aber das Bühnenlicht. Und ‘ne Saftpresse zum Geburtstag.“

„Hätten wir doch bloß mehr Zeit gehabt. Mit Elif kann ich mir eine Shoppingtour ziemlich gut vorstellen. Geheimes Highlight war aber auch ihre Managerin. Irgendwo zwischen Organisationstalent und ‚großer Schwester‘ hat sie immer mal wieder knackige Seitenhiebe verteilt. So jemanden als Buddy wünsche ich mir irgendwie auch.“

Restaurant Anastasia, Samariterstraße 13, 10247 Berlin

Telefon 030 42025382

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