Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Yang Liu: "Mitte passt zu meinen Bedürfnissen"

Yang Liu:
Auf einen Kaffee mit Yang Liu im Fleury. Zur Foto-Galerie
Yang Liu wurde in Beijing geboren, studierte in Berlin und pendelte anschließend zwischen den Kontinenten. Nach Singapur, London und New York wurde sie schließlich in Berlin sesshaft. Wir trafen die mehrfach ausgezeichnete Designern in ihrem Wahlbezirk Mitte und ließen uns überzeugen, dass die Friedrichsstraße durchaus ein toller Ort zum Wohnen sein kann.

Seit Yang Liu Kinder hat, sucht sie sich Orte aus, an denen sie „nicht auffällt“. Vielleicht fiel die Wahl auch deshalb auf das Café Fleury als Treffpunkt für unser Interview. Denn an diesem kühlen Herbstmorgen platzt der kleine Franzose aus allen Nähten, der Geräuschpegel kommt dem in einem Bahnhof gleich. Da stört es wirklich nicht, wenn Kinder quengeln oder weinen. Doch ihre beiden hat die gebürtige Chinesin lieber daheim gelassen, um in Ruhe von ihrem Leben in Berlin zu erzählen.

Das fing an, als Yang Liu mit 13 Jahren in die deutsche Hauptstadt kam. Bereits mit 16 durfte sie als eine der jüngsten Studentinnen an der UdK studieren. Während dieser Zeit lebte sie überwiegend in Tiergarten, Wedding und Charlottenburg – alles Bezirke in Uni-Nähe. „Charlottenburg war außerdem der Lieblingsbezirk meiner Mutter, die damals – ich war ja fast noch ein Kind – großen Einfluss auf mich hatte“, erkält Yang Liu ihre Wohnortwahl. Heute fährt sie höchstens mit ihrem Besuch in die City-West oder, um in den Wäldern in Grunewald spazieren zu gehen. 

Immer in Bewegung

Seit 2004 lebt die Designerin, deren aktuelles Buch „Mann trifft Frau“ gerade im TASCHEN-Verlag erschienen ist, in Mitte. Davor waren neben Berlin abwechselnd New York und London ihre Heimat. „Als ich von meinen Reisen zurück kam, hat Mitte sehr gut zu meinen Bedürfnissen gepasst. Die Atmosphäre hier ist der in Greenwich Village sehr ähnlich. Es ist international und gleichzeitig beweglich“, sagt sie. Charlottenburg sei im Gegensatz dazu sehr ansässig. Auch Liu selbst war viel in Bewegung, bevor ihr letzten Endes die Professur für Kommunikationsdesign an der BTK einen damit verbundenen dauerhaften Wohnsitz in Berlin brachte.

Mit ihrer Familie lebt sie in unmittelbarer Nähe zur Friedrichstraße. In der Kalkscheuenstraße fanden sie und ihr Mann, ein chinesischer Künstler, eine Bleibe im letzten hier noch stehenden Wohnhaus. „Ein absoluter Zufalls- wie Glücksgriff“, so Yang Liu. „Von unserer Wohnung aus haben wir den Künstlereingang des Friedrichstadt-Palastes im Blick und absolute Ruhe“. Im Vergleich zu anderen Straßen sei die Friedrichstraße sehr idyllisch. „Früher habe ich auf der Torstraße gewohnt, da war viel mehr los“, sagt sie und nippt an ihrem Milchkaffee. Nur die Umgebung an der S-Bahn- und U-Bahn sei stark frequentiert, „ansonsten ist der Rest sehr ruhig und nicht so überlaufen.“ 

Berlin ist erwachsen geworden

Trotzdem hält sie sich viel an touristischen Orten auf. Das Ballhaus Mitte beispielweise besucht die 38-Jährige oft, oder im Sommer den Garten von Clärchens Ballhaus. Früher hatte sie ihr Büro im Haus Schwarzenberg: ein ganz besonderer Ort von Geschichte, Kultur und Kunst. „Das war eine sehr schöne Zeit damals. Alles dort ist sehr unkonventionell“, findet Yang Liu. Mittlerweile hat sie zwar auf der Torstraße ein Design-Studio – „ich wollte einfach zu Fuß in fünf Minuten auf der Arbeit sein“ – , doch die Künstler-Ateliers und Galerien in der Rosenthaler Straße 39 besucht sie, gerade auch der vielen Freunde wegen, noch recht oft. 

„Schade, dass es von solchen Orten nicht mehr gibt“, bedauert die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin, die 2012 den German Design Award erhielt. „Aber das ist wohl eine Entwicklung, die man nicht aufhalten kann“. In ihren Augen verhält es sich ein bisschen wie mit Soho in New York: „Berlin ist erwachsen geworden. Mitte speziell war früher der Bezirk von Künstlern und Kreativen, jetzt ist es kommerzieller geworden. Es gibt viele internationale Galerien und Agenturen, eine ganz andere Klientel als in den 90ern“. 

So kinderfreundlich wie keine andere Stadt

Apropos Galerien: In Mitte besucht Yang Liu gerne Kunstwerke in der Auguststraße, die mit wechselnden Ausstellungen junger, zeitgenössischer Künstler aufwarten. Früher sei sie sehr viel zum Hamburger Bahnhof gegangen. „Inzwischen ist es weniger geworden, auch wegen der Kinder“, sagt die zweifache Mutter. Besonders empfehlen kann sie die Galerien in Tiergarten rund um die Zimmerstraße. „Aber mit den Kinder gehen wir dort im Moment meistens nur ganz schnell vorbei“, lacht sie.

Da sei der Krausnickpark schon geeigneter. „Den riesigen Gemeinschaftshinterhof mit seinem tollen Spielplatz kennen fast nur die Anwohner“, verrät sie. Ansonsten findet sie den Spielplatz im Weinbergspark oder im Monbijoupark toll. Sie ist beeindruckt, wie viele schöne Spielplätze es in ihrer unmittelbaren Umgebung gibt. „Das ist in keiner anderen Stadt so, die ich kenne“, lobt sie Berlins Kinderfreundlichkeit. In den Restaurants sieht das schon anders aus. Darum bevorzugt sie Lokale mit „Mensa-Charakter“, wie das Ishin, „dort fallen wir nicht negativ auf.“ Genauso wenig wie bei La Galleria Italiana, einem kleinen Italiener auf der Torstraße. „Der Laden ist sehr unauffällig, das Essen traditionell, der Besitzer kann einfach wahnsinnig gut kochen“, schwärmt die gebürtige Chinesin.

Was die Küche ihres Heimatlandes angehe, gibt es wenig Auswahl. „Es gibt kaum Chinesen in Berlin, die Gastronomie betreiben. Wenn, dann sind das eher Thais oder Vietnamesen“, erklärt Yang Liu. Doch dann fällt ihr ein gutes Restaurant ein, das von Chinesen betrieben wird und traditionelle Gerichte modern interpretiert: das Toca Rouge. Ab und an gehen sie und ihr Mann auch zur Ming Dynastie neben der Chinesischen Botschaft. Oft wird daheim gekocht, auch Chinesisch. Die Zutaten hierfür gibt es im Vinh-Loi Asien Supermarkt in Wedding.

Der kleine Unterschied

Das Einkaufen übernimmt übrigens ihr Mann, genauso wie viele andere Dinge im Haushalt. Das sei in China gang und gäbe. Sie ist erstaunt darüber, wie wenig sich Väter bzw. Männer hierzulande im Haushalt oder an der Erziehung der Kinder beteiligen. Theorie und Praxis driften eben immer noch sehr weit auseinander. „In Sachen Gleichberechtigung sind wir noch nicht wirklich weiter gekommen“, resümiert sie. Wo wir noch einmal bei ihrem aktuellen Buch „Mann trifft Frau“ wären. Darin hat Yang Liu alles gesammelt, was sie zum Thema Kommunikationsprobleme zwischen den Geschlechtern erlebt und wahrgenommen hat. Sie musste feststellen, dass auf der ganzen Welt meist „missverständlich vom anderen Geschlecht“ gesprochen wird. Das sei so universell, das musste sie einfach dokumentieren. 

Foto Galerie

Café Fleury, Weinbergsweg 20, 10119 Berlin

Telefon 030 44034144


Montag bis Freitag von 8 bis 21 Uhr
Samstag und Sonntag von 9.30 bis 20 Uhr

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