Berlins Jugendarrestanstalt

Zwischen Gefängnisalltag und Erziehung

Zwischen Gefängnisalltag und Erziehung
Irgendein Stuhl in irgendeiner Zelle des Traktes. Durchschnittlich sitzen Jugendliche knapp zwei Wochen hier ein.
Kirchhainer Damm - Berlins einzige Jugendarrestanstalt gibt straffällig gewordenen Jugendlichen einen bis zu vierwöchigen Einblick in den Gefängnisalltag. Über eine Besserungsanstalt für junge Kriminelle, die weder so hart ist, wie sie aussieht, noch so weich, wie es sich die Halbstarken einreden.

Wie ist es einzuwandern? Diese Frage sollten sich vor allem straffällig gewordene Kinder und Jugendliche einmal gestellt haben. Denn die wortwörtlichen „Klein“kriminellen haben mitnichten Narrenfreiheit. Die Jugendarrestanstalt in Lichtenrade beispielsweise ist dafür zuständig, dass auch schon die über 14-Jährigen hinter Gitter wandern – jedenfalls für bis zu vier Wochen. Der Rechtsanwalt Volker Loeschner setzt sich seit Jahren mit dem Jugendzentrum Betonia dafür ein, dass der Problemjugend aus Marzahn mal der Alltag in der Anstalt vor Augen geführt wird. Und dieser stellt sich ganz unromantisch dar.

6:45 Uhr wird geweckt. Bis 8:00 Uhr hat man gefrühstückt und sein Zimmer aufgeräumt. Danach fängt die Arbeit an: Wie viele andere Gefängnisse ist die Jugendarrestanstalt zu großen Teilen autark, was Reinigung angeht. Die bis zu 60 Insassen – von den Vollzugsbeamten Arrestanten genannt – putzen selbstständig, bis auf die Sicherheitsräume natürlich. Momentan gibt es nur 17 Arrestanten in der Einrichtung, im Herbst gilt es, die Apfelbäume im Hof zu pflegen und Kartoffeln müssen auch geerntet werden. Es gibt Kompetenztrainings und selbst eine Werkstatt, die es den Jugendlichen auch bei kürzesten Arrestaufenthalten ermöglicht, etwas eigenes hergestellt zu haben.

Eine Lektion lernen

Denn manche Jugendliche bleiben bloß für ein Wochenende, als kleine Lektion sozusagen. „Arrest ist sozusagen die Vorstufe zur Jugendstrafe“, erklärt eine Sozialarbeiterin. Selten werden aber auch junge Erwachsene eingeschickt, die schon über 21 sind. Im Durchschnitt sind die Arrestanten hier 18 Jahre alt. Ein Durchschnitt, der zu sinken droht. Man wandert nämlich bereits relativ schnell ein; im Jugendstrafrecht entscheidet das der Richter. Und zwar situativ: Ob nun zwei oder drei Wochen für ein geknacktes Auto kommt auf den Jugendlichen an, aber auch auf den Richter. Einmal musste ein Jugendlicher auch für ein geklautes Twix mit dem juristisch-wirtschaftlichen Gegenwert von 1,65 Euro für eine Woche einsitzen. Zwei Tage bis vier Wochen, das ist die Aufenthaltsspannbreite, mit der es der Vollzug und die Sozialarbeiter zu tun haben. Kein großes Zeitfenster.

Das macht es gerade für die Sozialarbeit nicht leicht. Der große Vorteil der Anstalt ist es ja, mit Personal aufzuwarten, das Aufmerksamkeit zu geben vermag und versucht, Perspektiven aufzuzeigen und zu erziehen. Bei gutem Verhalten darf man auch ein bisschen länger draußen in den Fluren bleiben, statt pünktlich um 18 Uhr weggesperrt zu werden. Arrestanten über 18 dürfen im Hof rauchen – eine seltene Regelung in Jugendarrestanstalten. Normalerweise ist es verboten. Wo die Zigaretten überhaupt herkämen? „Aus dem Zigarettenautomat im Hof“, sagt die Sozialarbeiterin.

Die Jungs und Mädchen tun ganz lässig, fühlen sich nicht abgeschreckt

Trotzdem ist es in Lichtenrade kein Zuckerschlecken, auch wenn das selbst Jugendliche denken, die live vor Ort sind, die in Begleitung von Rechtsanwalt Loeschner und der Sozialarbeiterin durch die oliv-weiß gestrichenen Flure wandern. Die Belohnungen, bis 20 Uhr Tischtennis im Flur spielen zu können, haben System: Ein subtiles Disziplinarverfahren, wie es auch in Foucaults „Überwachen und Strafen“ stehen könnte, regelt die Notenvergabe (benotet werden: aufgeräumtes Zimmer, soziales Miteinander und Arbeitseinsatz) und spornt dazu an, produktives Mitglied der Gesellschaft zu werden. Wer nicht will, muss nicht. Aber die Einzelzimmer sind karg, ohne Fernseher oder Radio. Die Stahltüren fallen lautstark ins metallene Schloss, ihre Innenseiten sind voller Kerben und Dellen. Die Wände sind altbacken gelb gestrichen, Tische und Stühle fühlen sich irgendwie speckig an, die Matratzen sind hart. Und Handy und MP3-Player kann man sich natürlich völlig abschminken. Da räumt man lieber auf, anstatt länger als nötig einzusitzen. Und so kommt es, dass die allermeisten der Arrestanten sehr gute Noten haben.

Arrestanten in Lichtenrade leben irgendwo zwischen Vollzeiterziehung und Gefängnisalltag. Noch am  Ende der Tour tun die Jungs und Mädchen aus Marzahn – die Anstalt ist übrigens die einzige Vollzugseinrichtung dieser Art für beide Geschlechter – ganz lässig, fühlen sich nicht im mindesten abgeschreckt. Zwar haben sie alle ihren geht-mich-doch-nichts-an-Blick aufgesetzt. Eines der Mädchen nimmt aber doch die Sozialarbeiterin zur Seite und lässt sich wegen eines kleineren Deliktes beraten. Außerdem weiß letztere aus Erfahrung, wie viele Packungen Taschentücher in den ersten Nächten als frisch Einsitzender drauf gehen. Als die Gruppe wieder in die Freiheit geschleust wird, verabschieden sich der Vollzugsbeamte und die Sozialarbeiterin mit den Worten: „Ich hoffe, wir sehen den ein oder anderen nicht wieder.“ Und es klingt erstaunlich herzlich.

Jugendarrestanstalt Berlin, Lützowstr. 45, 12307 Berlin

Telefon 030 7055080
Fax 70550826

Weitere Artikel zum Thema

Ausflüge + Touren
Alle wollen in den Knast
Die Gedenkstätte Hohenschönhausen schreibt Besucherrekorde. Das ehemalige Stasi-Gefängnis lockte dieses Jahr bereits 171.000 Geschichtsinteressierte an. […]
Wohnen + Leben
Kein Maßregelvollzug in Weißensee
Seit Monaten setzt sich eine Bürgerinitiative aus Weißensee gegen die Einrichtung eines halboffenen Maßregelvollzugs für […]
Kultur + Events
Die Knast-Kapelle
In der JVA Moabit versucht die Trainerin San Ra, Häftlinge zu einer Rockband zusammenzuschweißen. Musikalische […]
Freizeit + Wellness
Keine Gitter, viele Schlüssel
Aufgeschlossenes Hotel statt abgeriegelter Haftanstalt: Vor sieben Jahren baute das Ehepaar Bettex von Schenck das […]