Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie

Übersetzer für die Sprache der Psyche

Seit Dezember 2010 befindet sich in Schöneberg die Beschwerdestelle Psychiatrie. Hier finden Menschen Unterstützung, die Probleme mit Ärzten und Ämtern haben.

Die Box mit den Taschentüchern auf dem Tisch ist nicht zu übersehen. Der Besucher stellt sich sofort die unzähligen Tränen vor, die hier an der Schöneberger Grunewaldstraße schon getrocknet worden sind – in einem der zwei Beratungsräume der Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie (BIP). Doch dann korrigiert Projektleiterin Petra Rossmanith den naiven Gedanken: „Die Tücher brauchen wir meist, um den Kaffee aufzuwischen, der durch die ganzen Emotionen verschüttet wird.“ Ärger, Wut, Verzweiflung und Empörung von Angehörigen und Patienten – über Kliniken, Psychiater, Diagnosen, Gutachten, Krankenkassen, Zwangseinweisungen, gesetzliche Betreuer und Sozialämter: Dieses Zimmer ist angefüllt mit Geschichten, die Petra Rossmanith – eine Diplompädagogin, die zuvor in der Wohnungslosenhilfe tätig war, erzählt – ganz bedacht, damit sie nicht zu viel über die „Beschwerdeführer“, also die Ratsuchenden, preisgibt.

Individuelle Lösungen für individuelle Probleme

Über 550 Beschwerden haben sie und ihre drei Kollegen schon bearbeitet, seitdem das Büro im Dezember 2010 mit der Arbeit begann. Einige Zeit darauf kam Beate Platow das erste Mal in den Raum mit den Taschentüchern. Die 72-Jährige leidet seit mehr als 25 Jahren alle ein bis zwei Jahre an schweren Depressionen, die mehrere Monate anhalten. Sie hat deshalb lange Medikamente eingenommen. Mittlerweile hat sie sie jedoch abgesetzt und ist sich sicher: „Die helfen nicht, sondern haben stattdessen nur unangenehme Nebenwirkungen: Am schlimmsten ist die Inkontinenz.“ Sie hat aber auch gelernt, dass es ihr hilft, wenn sei die besonders schlimmen Phasen der Depressionen in einer Klinik verbringt.

Das Dilemma dabei: „Im Krankenhaus musste ich immer Tabletten nehmen. Sonst hätte ich nicht bleiben dürfen. Dann hätte ich aber zu Hause vor mich hinsiechen müssen.“ Petra Rossmanith konnte das Dilemma beseitigen: Sie sprach mit den Ärzten und der Kasse. Das Ergebnis war eine schriftliche Vereinbarung über die Behandlung ohne Tabletten – im Voraus für den nächsten Aufenthalt.

„Übersetzungsbüro“ für alle Beteiligten

Um Unmut in Anbetracht der Leistungen von Ärzten und Kliniken wie bei Beate Platow drehen sich die Beschwerden häufig, erklärt Rossmanith. Genauso um Medikation: „Die Bereitschaft eines Patienten, Medikamente zu nehmen, gilt vielen Ärzten als Grundlage für eine Therapie. Das erleben viele Patienten als Entrechtung“, sagt sie. Die Beschwerdestelle sorgt dafür, dass die Kommunikation zwischen den Beteiligten trotzdem etwas bringt: „Wir arbeiten wie eine Art Übersetzungsbüro“, so Petra Rossmanith. Sie sind Übersetzer für die Sprache der Psyche, könnte man sagen. „Wir arbeiten aus der Empörung der Beschwerdeführer die Wünsche und Ziele heraus.“ Die tragen sie dann an die betreffenden Ärzte, Ämter oder andere Zuständige heran. „Oft kommt dadurch schon Bewegung in die Sache, weil wieder eine Kommunikation möglich ist.“

Die Problemlösung sei aber nicht immer nur eine Frage der „Übersetzung“: „Oft müssen wir tatsächlich helfen, Persönlichkeitsrechte durchzusetzen“, so Rossmanith. Mehrfach haben sie Zwangseinweisungen rückgängig gemacht, beispielsweise indem sie als Alternative eine betreute Wohnform vorgeschlagen haben. Oder sie helfen, annehmbare Bedingungen zu schaffen und ermöglichen etwa Menschen, die als psychisch krank gelten, ihre Kinder regelmäßig zu sehen.

Regelmäßige Rechtsberatung

Bevor die BIP eröffnet wurde, existierten in den Bezirken zwar einzelne Beratungsstellen. Dort waren jedoch ausschließlich Ehrenamtliche tätig. „Das hat trotz großen Engagements nur bedingt funktioniert“, so Rossmanith. Auch, weil sie nur für einen Teil der Probleme zuständig waren, beispielsweise für Schwierigkeiten im betreuten Wohnen. In Reinickendorf und Lichtenberg gibt es solche Beratungsstellen weiterhin neben der zentralen BIP. Die wurde als Resultat einer Arbeitsgruppe gegründet, die aus Experten, Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung und Angehörigen bestanden hatte. Genauso wie das Team von der Beschwerdestelle. Finanziert wird sie vom Senat, Träger ist der Verein Gesundheit Berlin-Brandenburg.

Alle 14 Tage bietet die BIP am Dienstagnachmittag Rechtsberatung an, zusätzlich besteht einmal monatlich die Möglichkeit einer Beratung durch einen Arzt bei medizinischen Fragen sowie spezieller Sprechstunden mit Vertretern von Betroffenen- und Angehörigenorganisationen. Nicht jedes Mal muss Rossmanith nach dem Beratungsgespräch wirklich aktiv werden. Gelegentlich reicht es, wenn sie die Tücken des Psychiatriesystems erklärt – und manchmal hilft es schon, dass jemand einfach seiner Verärgerung Luft machen konnte.


Quelle: Der Tagesspiegel

BIP Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie Berlin, Grunewaldstr. 82, 10823 Berlin

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