Blick über Berlin

Die wandelbare Stadt

Das neue Berlin ist einen Blick von oben wert: Das große Bauchaos ist vorüber. Mit ihren extravaganten Fassaden und den jungen Parks ähnelt die Stadt sich selbst kaum noch. Oder etwa doch?

Wer sich in Berlin vom S-Bahnhof Westkreuz bis zum Funkturm durchkämpfen will, bekommt ein Gespür dafür, wie relativ die Dimensionen „nah“ und „fern“ sind. Majestätisch ragt die Stahl-Fachwerkkonstruktion in den Himmel und lechzt nach den Wölkchen, die wie zum Pieksen nah erscheinen. Für den Spaziergänger jedoch wirkt es, als sei der gerade 400 Meter entfernte Turm ewig weit entfernt. Wie nur schlägt man sich einen Pfad durch das Dickicht von Messehalle, ICC und Avus?

Berlin hat sich geändert. Dermaßen, dass Menschen, die nach zwei Jahrzehnten wieder einmal auf Stippvisite sind, ihre Stadt kaum noch wiedererkennen. Alles so modern und farbenfroh und hoch und riesig! Im Westen wie im Osten. Eine neue Stadt mit einer neuen Skyline, und wo könnte man die besser betrachten als aus der Luft? Daher der Besuch auf dem Funkturm, dem alten und seit Neuestem so gut versteckten Wahrzeichen Berlins.

Fernsehturm

Verwechslungsgefahr für Fernseh- und Funkturm?

Man nimmt dem Funkturm kaum ab, dass er fast 90 Jahre alt ist. Die feingliedrige Konstruktion hebt ihn mit 146 Metern Höhe über die Masse der Hochhausdächer des dritten Jahrtausends. Doch nach Maßstäben des gesamten Berlins beurteilt, liegt die Replik des Eiffelturms ziemlich weit draußen. In Eichkamp, wo der Grunewald behutsam die Stadt aufsaugt und wo im Grunde nie etwas los war, bis die werdende Weltmetropole Berlin in den Zwanzigern Avus, Funkturm und Messegelände ins Grün klotzte. Seit die Mauer fiel, liegt das Messegelände abseits der Wege der Touristen, die auf die Gegend um Friedrichstraße und Potsdamer Platz konditioniert sind.

Was die Aussicht angeht: viel Grün im Westen, reichlich Stein im Osten. Überall an den tief hängenden Wolken kratzen Betonzacken, auch sie stehen für das wirr und wild austreibende Berlin, von dem die Touristen so sehr fasziniert sind. Dabei sind es noch immer die alten Bauten, an denen sich das Auge orientiert. Die deutlichste Erscheinung ist die ehemalige US-Abhörstation, die schon jahrelang auf dem Teufelsberg vermodert. Mitten im Grunewald, der als gigantischer grüner Teppich die Topografie westlich vom Funkturm bestimmt. „Ist das wirklich noch Berlin?“, fragt eine Touristin mit bayerischem Akzent und setzt hinzu: „Ich dachte immer, dieser Fernsehturm liegt irgendwo im Osten!“


Der Blick auf die Stadt von oben stimmt gnädig gegenüber baulichen Missgriffen

Ein kleines Missverständnis, ein Symbol für die Verschiebung der Wichtigkeiten und Bedeutungen. Als exponierter Aussichtspunkt des vereinten Berlins gilt eben nicht der Funkturm, sondern der rund 40 Jahre später im Osten erbaute Fernsehturm. Hier 600 Tonnen Stahl, dort 26.000 Tonnen Beton. Der Fernsehturm hat mehr als die doppelte Höhe (368 Meter) des Funkturms und liegt mitten im alten Zentrum, genau am S-Bahnhof Alexanderplatz, unverzichtbarer Zwischenstopp einer jeden Stadtrundfahrt. Auch hier wird gebaut – wie am Funkturm. Deutschlands höchster Bau zählt jährlich etwa eine Million Besucher.

An Tagen mit klaren Sichtverhältnissen schweift der Blick vom Fernsehturm bis zu den Müggelbergen, doch diese Tage sind selten. Kann schon mal vorkommen, dass bei wolkenfreiem Himmel gerade noch die Treptowers hinter der Oberbaumbrücke durch einen seltsamen Schleier Dunst zu sehen sind. Damit es mit der Orientierung besser klappt, ist der Panoramarundgang im Zuge der Renovierungsarbeiten mit einem durchgängigen Band von erklärenden Tafeln ausgestattet worden. Der Blick von oben über die Stadt macht gnädig, selbst bei Bauwerken, die – wie das in schweinchenartigem Rosa angestrichene Einkaufszentrum Alexa – in der allgemeinen Betrachtung nur schlecht weggekommen sind.

Fernsehturm


Spuren der Materialschlacht zwischen Ost und West

Die Gnade des distanziert Harmlosen umweht auch andere umstrittene Neuerungen. Beispielsweise die von Gentrifizierungsfeinden als Symbol des Großkapitals angeprangerte Großarena am Ostbahnhof, sie erscheint aus der Luft gesehen wie eine größere Sparkassenfiliale. Und auch im Osten ist es noch immer die Architektur aus der Vorwendezeit, die das Bild der Stadt prägt. Das Internationale Handelszentrum an der Friedrichstraße, ein Solitär ohne jeden Schmuck aus den späten Siebzigerjahren. Oder die Wohntürme an der Leipziger Straße. Ein städtebauliches Desaster aus den Sechzigern, als die Regierung der DDR dem Springer-Hochhaus auf der anderen Seite der Mauer eine Kakofonie aus Beton entgegensetzte. Ihren Höhepunkt erreichte diese Materialschlacht im Bau des Fernsehturms, der als Krone der Stadt die Überlegenheit des Sozialismus verkörperte.

Fast die Hälfte des Rundkurses um das Restaurant im Fernsehturm führt entlang an Architektur-Exponaten des alten West-Berlins. Reichstag, Europacenter, Kongresshalle, Tempelhofer Flughafen, und selbstverständlich auch der Funkturm. Wie ist überhaupt den Besuchern zu DDR-Zeiten das Dasein dieser auf Ost-Berliner Stadtplänen nicht existenten Halbstadt erklärt worden? „Dit ist eher so am Rande erwähnt worden“, so der Fahrstuhlführer auf dem Weg nach unten. „Da hamse mehr übern Osten jeredet. War ja ooch janz schön!“


Quelle: Der Tagesspiegel

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