Mascha fragt nach

Mascha im Museum: Die Spielarten der Liebe

Mascha im Museum: Die Spielarten der Liebe
Das Bode Museum zeigt die historische Darstellung von Homosexualität.
Achtung, diesmal trifft Hochkultur auf Sex: Kolumnistin Mascha war im Bode-Museum und hat sich die Ausstellung Spielarten der Liebe angeschaut. Homosexualität in der Antike und weibliche Selbstbestimmung in der Frühen Neuzeit: Eine Skulpturen-Schnitzeljagd,

Das Bode-Museum widmet sich explizit den Themen Sexualität, Gender und Körperdarstellungen? Als mir eine Kollegin die entsprechende Pressemitteilung weitergeleitet hat, habe ich mich gefreut: Ein Museumsbesuch stand ja bisher nicht auf meiner Agenda, um die Themen Liebe, Sex und Beziehungen zu beackern. Ich muss gleich vorwegschicken: Ich bin sicher keine ausgewiesene Kunstexpertin und habe auch nicht vor, eine zu werden. Umso gespannter war ich, wie das altehrwürdige Haus mir und anderen einen Zugang zu diesem Kontext ermöglichen würde.

Das Bode-Museum auf den Spuren von Homosexualität

Zunächst einmal hieß es, das Konzept zu verstehen. Der zweite Blick soll allen interessierten Museumsbesucher*innen einen neuen, „ungewohnten“ Blick auf die Kunstsammlung ermöglichen. Aktuell in Gestalt des ersten Teils der Reihe, der Ausstellung Spielarten der Liebe in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum. Ungewohnt heißt hier, den Blick gezielt auf homo- und bisexuelle Verweise sowie Darstellungen diverser sexueller und geschlechtlicher Identitäten zu richten. Und das bestätigte mich in meinem Interesse umso mehr.

Gewappnet mit diesem Grundgerüst an Informationen kam ich nun im Museum an und fand zum Glück in der Eingangshalle eine Art Lageplan. Denn das Besondere ist, dass die Ausstellung Spielarten der Liebe als eine Art Intervention innerhalb der Dauerausstellung angelegt ist. Das heißt, man muss das gesamte Haus ablaufen und mithilfe des Lageplans die ausgewiesenen Stücke entdecken, denen man dem namensgebenden zweiten Blick unterziehen soll. Jetzt wird es noch etwas komplizierter: Dabei gibt es fünf Routen, die sich jeweils einem Thema widmen. Die da wären: „Liebe und Krieg“, Männliche Künstler und Homosexualität“, „Antike Kunst und aufgeklärtes Sammeln“, „Heldinnen der Tugend“ und „Grenzüberschreitungen“. Jedes Thema hat eine Farbe, die Räume, in denen ich nun suchen soll, sind nummeriert. Hui, fast ein bisschen wie eine Kunst-Schnitzeljagd, bei der ich mich erstmal reichlich doof anstelle und mit gefühlt zehn Museumsmitarbeiter*innen ins Gespräch komme, die mir bei der Nummernsuche helfen – was ja auch ganz schön ist.

Der zweite Blick: Auch Apollo und Mars hatten Sex mit Männern

Und endlich, ich habe meine erste Spielarten der Liebe-Skulptur entdeckt: Apollo, den göttlichen Bogenschützen. Netterweise steht unter jedem Kunstwerk, das zum Projekt gehört, eine gut sichtbare Box mit einem Infozettel. Ich erfahre, dass Apollo mindestens so viele männliche wie weibliche Liebschaften hatte und in der Antike „Heldentum Hand in Hand mit Bisexualität“ ging. Auch, um die emotionale Bindung unter den Soldaten zu stärken. Dasselbe Thema greift eine Darstellung von Kriegsgott Mars auf, der, wie viele der antiken Kampfmaschinen, fast nackt präsentiert wird und ebenfalls zahlreiche Affären mit Männern gehabt haben soll. Trotz seiner Ehe mit der schönsten aller Göttinnen. Stereotype Darstellungen von vor Kraft strotzender Männlichkeit war für die Homoerotik kein Widerspruch – das ist doch schon mal eine schöne Erkenntnis.

Noch spannender finde ich aber die Darstellung von Weiblichkeit, die sich den damaligen – und teilweise bis heute geltenden – Normen  entzieht. Etwa die der ebenfalls antiken Göttin Diana, die der Erklärzettel als „Musterbeispiel“ lesbischer Liebe vorstellt. Dass sie sich lieber mit der Jagd als mit hübschen Kleidern und dem Haushalt beschäftigte, ist natürlich auch wieder so ein Klischee. Aber immerhin, weibliche Figuren abseits gängiger Frauenrollen waren auch damals ein Thema. Und dass sie einen Mann in einen Hirsch verwandelte, weil er sie beim Baden beobachtet hatte, ebnet den Weg zu den generell ziemlich resoluten bis brutalen Verweisen dieser Ausstellung. Die griechische Mythologie hat, so lerne ich, lesbische Liebe oft mit religiösen und kriegerischen Szenen kombiniert. Etwa, als Phateon in einen Fluss stürzt und ertrinkt, während neben ihm zwei Frauen ins Liebesspiel vertieft sind. Das solche Darstellungen häufig oft von Männern als „heterosexuell orientierte Anregung“ in Auftrag gegeben wurden, darüber muss ich noch nachdenken. War es also eher ein „Hey, das ist total normal“ oder ein Aufgeilen an Frauen?

Weibliche Selbstbestimmung und Rollenklischees

Auch ein Bild der Heiligen Margarete aus dem Jahr 1517 hat eine so düstere wie starke Aussage. Ich erfahre, dass weibliche Märtyrerinnen dieser Zeit meist irdische Normen und den heterosexuellen Geschlechtsakt ablehnten, was unter anderem erst zu ihrem Martyrium, sprich Folter und Tod, und ihre anschließende Heiligsprechung führte. Auch Margarete wurde gefoltert – doch sie besiegte am Ende trotzdem den Drachen, ein Sinnbild sexueller Versuchung. Und feierte so ihre weibliche Selbstbestimmung. Eindrücklicher kann der steinige Weg derselben wohl kaum beschrieben werden.

Und wie fühle ich mich jetzt, nach anderthalb Stunden auf den Spuren der Spielarten der Liebe? Die Idee, der Sammlung des Bode-Museums einen zweiten Blick zu widmen, finde ich großartig. Insbesondere, wenn es um nicht gerade omnipräsente Themen wie Homosexualität und Identität zwischen Antike und früher Neuzeit geht (Was ich nicht unterschlagen will: ein Exponat war aus dem Jahr 1930, eine Tanzmarke des Berliner Etablissements Eldorado, die tanzende Menschen zeigt, deren Outfit und Habitus die Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit irrelevant macht). Insgesamt ist es mir ein bisschen schwer gefallen, nicht den Überblick zu verlieren und die immer wieder neuen Kontexte zu verarbeiten. Was auch daran liegt, dass ein chronologisches und thematisches Ablaufen der Routen praktisch unmöglich ist, weil die zugehörigen Skulpturen im ganzen Haus verstreut sind. Klar, so ein Schnitzeljagd-Gefühl hat auch was. Aber ich würde es auch begrüßen, dieses Projekt nur als Aufhänger zu sehen für weitere Projekte dieser Art. Denn die „mannigfaltigen Spielarten der Liebe“, wie es das Bode-Museum selbst so schön formuliert, sollten in sämtlichen Kulturinstitutionen verstärkt ihren Platz finden, nicht nur in den jungen, hippen oder queeren. Denn besser kann man doch gar nicht vermitteln: Liebe Leute, Queerness ist so alt wie die Menschheit selbst!

Gut, dass ich mir das mal angeschaut habe,
eure Mascha

Alle Informationen zu Der zweite Blick im Bode-Museum gibt es hier.

Bode-Museum, Am Kupfergraben, 10117 Berlin

Telefon 030 266424242
Fax 030 266422290

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Bode-Museum

Das Bode-Museum auf der Museumsinsel ist im Neobarock-Stil.1904 wurde das Gebäude fertiggestellt.

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