275-jähriges Jubiläum

Die Welt lebt im Böhmischen Dorf

Nein, wir berichten nicht seit neuestem über Brandenburg: Die dörfliche Idylle von Böhmisch-Rixdorf ist in Neukölln zu finden.
Nein, wir berichten nicht seit neuestem über Brandenburg: Die dörfliche Idylle von Böhmisch-Rixdorf ist in Neukölln zu finden. Zur Foto-Galerie
Aus einem öden Stück Land entstand ein kleines, hübsches Dorf. Dort wohnten Menschen, die Krieg und Vertreibung hinter sich hatten. Später schloss sich das Dorf mit der Nachbargemeinde zusammen. Der entstandene Ort galt bald als Sündenpfuhl. Zur Strafe wurde er umbenannt und zu allem Übel auch noch in den Moloch der Großstadt hineingezogen. Was ist nur aus dem hübschen, kleinen Ort geworden? - ein Dorf inmitten Berlins.

Mitten in Berlin, zwischen „Problemkiezen“ und Stadtautobahnen, liegt eine dörfliche Idylle, in der das Leben etwas langsamer vonstattengeht als auf der nahe gelegenen Karl-Marx-Straße. Hier stehen noch gut erhaltene Bauernhöfe. Eine Dorfkirche, die für ihre gute Akusitk bekannt ist, stellt das Herzstück des Bezirks dar und überall blitzt es grün hervor. Das Böhmische Dorf scheint dem Multi-Kulti-Bezirk Neukölln, in dem es versteckt, nur durch Seitenstraßen erreichbar, um den Richardplatz liegt, so gar nicht zu ähneln. Doch diese Vermutung entkräftet ein Blick in die Geschichte.

Mala ulicka – die Enge Gasse

Böhmisch Rixdorf entstand vor 275 Jahren und wurde ganz in der Nähe von Deutsch-Rixdorf angesiedelt. Friedrich Wilhelm I. ließ vertriebene Böhmen in Preußen siedeln. Die Einwanderer mussten vor religiöser Verfolgung fliehen. Ihr evangelischer Glaube wurde im frisch re-katholisierten Böhmen nicht akzeptiert. Nach einer Reise von bis zu 400 Kilometern kamen die ersten Umsiedler 1737 bei Rixdorf an, um sich eine neue Heimat aufzubauen.

Böhmisch Rixdorf und Deutsch-Rixdorf wurden lange Zeit eigenständig voneinander geführt, zumal man im böhmischen Teil tschechisch sprach und eigene Schulen, sowie andere Institutionen hatte. So hieß die heutige Kirchgasse Mala ulicka – Enge Gasse. Trotzdem wuchsen die Dörfer 1874 zusammen und bekamen sogar das Stadtrecht. Wirte aus Rixdorf hatten in Berlin lange Tradition und belebten das Nachtleben der Stadt, aber besonders die Schenken Rixdorfs waren für Ihre Frivolität verschrien. Rixdorf wurde 1912 deshalb in „Neukölln“ umgetauft. Acht Jahre später wurde die Partystadt zusammen mit Rudow, Britz und Buckow als 14. Verwaltungsbezirk der Stadt Berlin eingemeindet. Man kann also sagen, dass dieses kleine Dorf nicht nur der Kern des Bezirks Neukölln ist, sondern auch den Grundstein für Berlins guten Ruf in der Clubszene legte. Die idyllischen Bauten und ihre Bewohner haben die Zeit überdauert. „Die Böhmen haben etwas Fremdes bewahrt, das pragmatisch ist und so gar nicht preußisch“, sagt Henning Vierk, Leiter des im Dorf gelegenen Comenius-Gartens.

Rixdorfer Schmiede

Willkommen im Dorf

Um die enge Verknüpfung von dörflichem Leben und pulsierender Metropole haben Studierende des Fachbereichs Planungs- und Architektursoziologie der Technischen Universität Berlin zusammen mit einer Designerin, Sophie Jahnke, eine Ausstellung im Saalbau der Karl-Marx-Straße zusammengestellt. Noch bis zum 22. September kann man die erwählten „Orte der Migration“ in der Ausstellung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“  unter die Lupe nehmen. Ab August sollen die durch Recherche und Interviews als „typisch“ erachteten Orte auch im Stadtbild gekennzeichnet werden und so die Aufmerksamkeit Interessierter auf sich ziehen. Das Kiezleben zwischen Stammkneipe und Obsthändler sei manchmal auch in Berlin recht dörflich, so die Devise. Bei dieser Ausstellung kann man sich überraschen lassen, wie viel „Dorf“  in Neukölln steckt und wie viel der Mensch an „Dorf“ zum Wohlfühlen braucht.

Schon vor rund 27 Jahren hatte Henning Vierck die Idee, zur 250-Jahr-Feier Glaubensfreiheit  zum Thema zu machen. „Aus diesen Aktivitäten damals ist für mich der Comenius-Garten entstanden“, sagt der heutige Leiter der Grünanlage. Der Comenius-Garten wurde 1992 fertiggestellt und von Vertretern der deutschen und tschechischen Regierung eingeweiht. Inzwischen ist das ganze restliche „Dorf“ unter Denkmalschutz gestellt. Die Bethlehems-Kirche, oder Dorfkirche, ist für die Glaubensangelegenheiten der evangelisch-böhmisch-lutherischen Brüdergemeine zuständig, stand aber bis 1853 für die Bewohner von Britz zur Verfügung. Nun setzt sich die Kirche für den Erhalt Rixdorfs ein. Noch heute leben in unmittelbarer Nähe des Gotteshauses die Nachfahren der ehemals verfolgten Böhmen. Ihre Nachbarn wiederum sind teilweise ebenfalls Verfolgte, oder andere Migranten sowie deren Nachfahren, die seit 1961 in Neukölln ein Zuhause finden.

Strohballrollen

Freundschaft üben

Wie kamen die böhmisch-lutherischen Christen nach der langen Reise damit zurecht, sich eine neue Existenz aufzubauen? Wie mögen die Deutsch-Rixdorfer den Neuankömmlingen begegnet sein? Zum Jubiläum der Einwanderung stellt der Förderkreis Böhmisches Dorf dieses Jahr eine Programmreihe zusammen, die sich mit Glaubensfreiheit auseinandersetzt. Es gibt Konzerte zum Thema, Ausstellungen, eine wandernde Kirche (Wandering Church, vor der Bethlehemskirche, bis 19. August), Gottesdienste, Stadtspaziergänge (Überraschend tolerant!, nächstes Mal am 8. Juli), Lesungen und Feste (Interkulturelles Ramadanfest auf der Karl-Marx-Straße, 19. und 20. August), die über das ganze Jahr verteilt sind. „Ich finde es ganz toll, dass die 275-Jahr-Feier keine zentrale Feier ist, sondern ein Gemeinschaftswerk von vielen Akteuren, bei denen ein kollegiales Verhältnis herrscht“, sagt Vierck.

Die, im Vergleich zu den alteingesessenen Böhmen, neuen Migranten seien gut im Programm vertreten, freut sich Vierck. Das Planungsnetzwerk der Festlichkeiten zeige, wie Fremde miteinander auskommen können, fährt er fort. So hätten die zwei jungen Frauen und die zwei Pfarrer, die die Kiezspaziergänge leiten, zwar teilwiese unterschiedliche Ansichten, arrangierten sich aber ganz wunderbar miteinander. „Die bisherigen Migranten haben unterschiedliche Kulturen, die man kennenlernen und wo man sich selbst einmal etwas zurücknehmen kann“, meint Vierck.

Die neueste Welle der Neukölln-Einwanderer wird nicht religiös verfolgt, sondern jagt dem Trend nach, aber im Sinne der Glaubensfreiheit und der langen Geschichte der Zugezogenen ist es womöglich, sich zumindest in diesem Jahr der Toleranz ein wenig anzufreunden.

Das ganze Programm zur Aktion GlaubensFreiheit ist hier zu finden.

Foto Galerie

Museum im Böhmischen Dorf, Kirchgasse 5, 12043 Berlin

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